17.05.2018

Der Name ist Programm: Jump Up!

Berufsorientierung und -vorbereitung mit Sport

von Klaas Sydow

Die vom Bildungsträger RheinFlanke ins Leben gerufene Maßnahme Jump Up führt Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis unter 25 Jahren an den Ausbildungs- und ersten Arbeitsmarkt heran – und setzt hierbei auf ein begleitendes sportpädagogisches Programm, mit dessen Hilfe den Teilnehmenden Werte und Kompetenzen vermittelt werden, die auch der Berufsalltag einfordert. Der innovative Ansatz verzeichnet bisher beeindruckende Erfolge.

Wer das kleine Gartentor hinter sich gelassen, den Eingang in großflächiger und von kleinen Fußbällen geschmückter Glasfassade durchschritten und seinen Fuß auf das Parkett des Altbaus gesetzt hat, wird im Zweifel zunächst von Bürohund Lupino, danach nicht weniger freundlich von einer der in diesen Räumen arbeitenden Personen begrüßt – und bekommt einen ersten Eindruck davon, dass hier, bei der RheinFlanke gGmbH in Berlin-Friedenau, auch die Atmosphäre eine Rolle spielt. Es menschelt und es heimelt an. Nicht der schlechteste Start für ein Miteinander.

Das Jump-Up-Team, jeweils von l. nach r.: Ileen Sessay und Juliane Metzner, Michael Rautenberg und Daniel Send

Tatsächlich sieht das vierköpfige Team um Leiterin Juliane Metzner im Aufbau einer positiven, von Wertschätzung geprägten Beziehung zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Basis für die Arbeit im Projekt Jump Up, natürlich wissend, dass ein gutes Verhältnis allein nicht genügt, um den Übergang von der Schule in Ausbildung oder Beruf gemeinsam zu meistern. Das Konzept hinter Jump Up: Mit einer innovativen Kombination aus praxisnaher Berufsorientierung, Sozialkompetenztraining und Sportpädagogik sollen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen dazu befähigt werden, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Kernstück und Alleinstellungsmerkmal ist hierbei das Sporttraining, durch das den Teilnehmerinnen und Teilnehmern entsprechende Werte vermittelt werden, die sich auf den Berufsalltag und das eigene Leben übertragen lassen.

Hemmnisse abbauen, Stärken zu Tage fördern

Jump Up in Zahlen
Start der Maßnahme Jump Up: Anfang 2016
Verortung im SGB: §45 SGBIII S1 Nr. 1 und Nr. 2
Zielgruppe: Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16-25 Jahren
Teilnehmerzahl: max. 15 Jugendliche pro Gruppe
Dauer pro Durchgang: 4 Monate
Std. Umfang: ca. 31 Wochenstd., davon ca. 10 Wochenstd. Sport

„Alle sind willkommen“, sagt Juliane Metzner und meint das auch so. Denn mitmachen kann bei Jump Up jede und jeder, die oder der die Altersvorgabe erfüllt, die erforderlichen Sprachkenntnisse nachweist (B1/B2) – und sich beruflich orientieren oder umorientieren möchte. De facto melden sich, meist vermittelt von den Jobcentern, aber dann doch eher die Jugendlichen, auf die die Maßnahme insbesondere abzielt: Sie haben meist schon seit einiger Zeit Kontakt zur Bundesagentur für Arbeit (BA), befinden sich in einer längeren Phase der Arbeitslosigkeit. Und sie bringen so genannte Vermittlungshemmnisse mit, die völlig unterschiedlicher Art sein und in diversen Kombinationen vorliegen können: fehlende Qualifikationen/Abschlüsse, Konfliktpotenzial, Suchtproblematiken, familiäre Probleme, geringe Motivation, ein niedriges Selbstwertgefühl oder Verhaltensauffälligkeiten.

„Jede und jeder Jugendliche hat Stärken, die sind aber oft nicht auf den ersten Blick sichtbar“
Daniel Send, Berufscoach und Trainer

 

Auf dem Weg zum übergeordneten Ziel, die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, geht es also vor allem darum: Hemmnisse zu erkennen und abzubauen. Gleichzeitig sollen Begabungen und Talente ausfindig gemacht werden, denn: „jede und jeder Jugendliche hat Stärken“, stellt Daniel Send, Coach und stellvertretender Leiter von Jump Up, fest, „die sind aber oft nicht auf den ersten Blick sichtbar“. Eine nicht ganz neue Erkenntnis, die deswegen aber nicht falsch ist. Doch wie fördert man diese Stärken zu Tage? Und auf welche Weise lassen sich Vermittlungshemmnisse verringern oder bestenfalls beseitigen? Ein Instrument, mit dem es Jump Up versucht, ist eben der Sport.

Mit Sport selbstbewusst in den Job

Kickbox-Training mit Coach Daniel Send (l.)

Er verbindet. Macht glücklich. Und gesund sowieso. Es gibt viele positive Eigenschaften und Effekte, die dem Sport zugeschrieben werden – und deren Nutzen auch im pädagogischen Kontext von der Fachöffentlichkeit zunehmend anerkannt wird. Als fundamentale Säule des Konzepts sowohl der RheinFlanke gGmbH als auch von Jump Up wird die regelmäßige Sportausübung hier mit dem Ziel eingesetzt, eine konstruktive Atmosphäre aufzubauen und die tägliche Beziehungsarbeit zu erleichtern. Darüber hinaus spielt sie aber auch und vor allem eine gewichtige Rolle bei der Vermittlung von Schlüsselkompetenzen und Entwicklung der Persönlichkeit der jungen Menschen.

Die Werte und Tugenden, die die Maßnahme Jump Up mit ihrem niedrigschwelligen Sportangebot unmittelbarer und nachhaltiger erfahrbar macht als bloße Theorie, sind mannigfaltig: Teamfähigkeit, Durchsetzungsvermögen, Pünktlichkeit, Frustrationstoleranz, Belastbarkeit. Dies sind allesamt Kernkompetenzen, die auch im Berufsalltag eingefordert werden. Mit einem durch die Erfahrungen des Sports gesteigerten Selbstwertgefühl und nicht zuletzt einer besseren Fitness sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer besser auf das vorbereitet, was sie in Ausbildung und Beruf – und hier geht es nicht selten um körperlich fordernde, motorisch anspruchsvolle Tätigkeiten – erwartet.

Gelebter Teamgeist: Beschwörungszeremonie auf dem Fußballplatz

Im Sportprogramm von Jump Up, das täglich etwa zwei Stunden einnimmt, spielt der Wettkampfgedanke indes eine untergeordnete Rolle. Es handelt sich hierbei jedoch auch nicht um Freizeitsport. Die Jugendlichen müssen Regeln einhalten, die Autorität der Coaches anerkennen, aber keine Leistungsvorgaben erfüllen. Das ist wichtig, denn sonst käme diese Maßnahme für Jugendliche, die nicht sportlich sind oder sich nicht für sportlich halten, oft nicht infrage. Potenzielle Teilnehmerinnen und Teilnehmer und, so Juliane Metzner, auch „viele Vermittler [der Jobcenter] denken, dass man sportaffin sein müsse – das stimmt so aber gar nicht“. „Gerade für die vermeintlich nicht besonders sportlichen Jugendlichen“, ergänzt Daniel Send, „ist es ja vergleichsweise leicht, schnell Erfolge zu erzielen“. Und: „Erfolgserlebnisse zu schaffen, ist total entscheidend. Wir haben letzte Woche fünf Kilometer geschafft, diese schon sieben – das ist für jeden nachvollziehbar“.

Welche Sportarten den Jugendlichen in den Einheiten angeboten werden, wird so flexibel und spontan entschieden wie möglich. Finden sich im Projekt oder außerhalb des Teams gerade die richtigen Trainer? Wann stehen welche Sportstätten zur Verfügung? Wie viele Jugendliche gehören aktuell zur Gruppe? Wie ist das Wetter? Und, natürlich: Was möchten die Teilnehmenden gerne machen? Immer im Programm befindet sich Fußball, Kampfsportarten (Jiu Jitsu, Kickboxen) und Fitness werden regelmäßig trainiert, Yoga und Tanz gab es auch schon. Und wenn mal jemand Bouldern möchte, so die Coaches von Jump Up, ließe sich auch das bewerkstelligen.

Nach dem Sport ist vor dem Sport: Reflexion im Unterricht

„Seminar und Sport greifen ineinander – es ist nicht so, dass wir uns einfach nur bewegen“, stellt Daniel Send klar. So werden die während des Trainings vermittelten Werte in einem anschließenden Coaching sichtbar gemacht und analysiert. In Bezug auf Mannschaftssportarten geht es darin eher um soziale Kompetenzen, hinsichtlich der Einzelsportarten um mentale. Außerdem wird hier erprobt, inwieweit sich diese Werte auf den beruflichen oder privaten Alltag übertragen lassen. Das Verhalten der einzelnen Jugendlichen wird gemeinsam mit diesen reflektiert und auf mögliche Fort- und Rückschritte überprüft. Innerhalb der Gruppe arbeiten die Jump-Up-Coaches auch bewusst punktuelle Fehlverhalten auf – wie zum Beispiel das Zuspätkommen einer oder eines Teilnehmenden, die oder der damit das Training für alle negativ beeinflusst. Und wenn es einmal an Anlässen mangelt, kann es auch vorkommen, dass die Trainer bewusst Störelemente in die Sporteinheiten einbauen, um bestimmte Reaktionen zu provozieren.

"Gefühlslagen verändern sich, Ängste bauen sich ab"
Ileen Sessay, Berufscoach

 

Ein Wandel im Verhalten der Jugendlichen lässt sich oft direkt in entsprechenden Situationen während des Sporttrainings feststellen, wo es für sie darum geht, sich mit Regeln, Mitspielern und Gegnern auseinanderzusetzen, Kompromisse auszuhandeln, Konflikte zu lösen, sich einzubringen. Doch häufig retten die jungen Erwachsenen dieses Phänomen auch in die Unterrichtssituation, den Umgang mit Coaches und anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern fernab des Platzes hinüber: „Gefühlslagen verändern sich, Ängste bauen sich ab – das können wir feststellen, ja“, sagt Berufscoach Ileen Sessay, „nach einigen Wochen unterhalten sie sich intensiver, wirken zufriedener, sind aktiver“. Natürlich sei ein echter, erkennbarer Aufschwung mitunter aber auch das Produkt eines langwierigen Prozesses, da dürfe man sich keine Illusionen machen.

Ich, meine Fähigkeiten, meine Wünsche – Grundlagenorientierung

Ich-Plakat in der Mache

Das viermonatige Programm lässt sich grob in zwei (jeweils vom Querschnittsbaustein Sport begleiteten) Phasen einteilen, die man als klassische Säulen einer entsprechenden Maßnahme bezeichnen darf: in der ersten geht es um die Grundlagenorientierung, in der zweiten um Fachkompetenzen und Berufspraxis.

Im Rahmen der Grundlagenorientierung wird zunächst Biografie-Arbeit mit den Jugendlichen betrieben, es wird über die jeweiligen Interessen und Fähigkeiten, Ziele und Visionen gesprochen, ein Berufswahltest durchgeführt und ein sogenanntes Ich-Plakat erstellt. In einem weiteren Schritt erfahren die Jugendlichen etwas über den hiesigen Arbeitsmarkt sowie seine Bedingungen und lernen verschiedene Berufsfelder intensiv kennen.

Im Bewerbungstraining schließlich wird entsprechendes Wissen über alle zu einer Bewerbung gehörenden Schritte vermittelt: von der Erstellung eines Lebenslaufs über das Telefonat mit potenziellen Arbeitgebern bis hin zum Vorstellungsgespräch. Und die Jugendlichen müssen das Gelernte direkt in der Praxis anwenden, denn im Anschluss an Theorie und gruppeninterne Rollenspiele bewerben sie sich, zwar intensiv begleitet von den Berufscoaches, selbstständig auf einen Praktikumsplatz ihrer Wahl. Dieses erste Ins-kalte-Wasser-geworfen-Werden sei schon „immer sehr, sehr aufregend“, sagt Ileen Sessay, aber eben auch unbedingt notwendig, um später eine Bewerbung erfolgreich gestalten zu können.

Ganz nah am Wunschberuf – Fachkompetenzen und Berufspraxis

Im defizitorientierten Unterricht der zweiten Phase wird, basierend auf vorher durchgeführten Fachkompetenztests, unter anderem das ausbildungs- und berufsrelevante Allgemein- und schulische Basiswissen überprüft und aufgefrischt. Gegen Ablauf der Maßnahme kommt es dann zum angestrebten Einblick in die Arbeitswelt, dem Praktikum. In den Genuss dieses Begleiteten Maßnahmenteils im Betrieb (MiB) kämen erfreulicherweise bisher alle Jugendlichen, „manche aber erst mit Verspätung“, so Sessay. Das Praktikum wird im Seminar reflektiert, Fortschritte und Ergebnisse werden ausgewertet.

Tage der offenen Tür – Unternehmensbesuche

Bestenfalls in jeder Woche steht ein Besuch in einem Betrieb an, hin und wieder wird auch auf Messen, Berufsschulen oder in Frage kommende Einrichtungen mit Tag der offenen Tür ausgewichen. Genau wie beim Sport handelt es sich bei diesen Besuchen also um ein Querschnittsphänomen. Der Sinn dahinter liegt nahe: Jugendliche erhalten bei Unternehmen wie den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) Einsichten in Berufsfelder, die auch im Hinblick auf Ihre Ausbildung oder berufliche Tätigkeit relevant sind. So kann es auch vorkommen, dass einzelne Teilnehmerinnen oder Teilnehmer bei einem solchen Termin gleich ihren favorisierten Praktikumsplatz entdecken.

Kein starres Korsett – Gliederung und Ablauf der Maßnahme

Gliederung und Ablauf der Maßnahme

„Es gab Überlegungen, das Programm auf drei Monate zu kürzen, aus unserer Sicht aber sind vier Monate der optimale Zeitraum für unsere Inhalte und für die Jugendlichen“, sagt Juliane Metzner. Natürlich gebe es auch Maßnahmen, die neun Monate dauerten und sich sinnvoll füllen ließen – Jump Up habe sich aber so bewährt, wie es konzipiert worden sei. Dabei wird der einmal festgelegte Ablauf des Programms hinsichtlich der großen Blöcke eingehalten (s. Grafik), ist im Detail aber jeweils keineswegs in Stein gemeißelt: Die Berufscoaches erstellen vielmehr grobe Pläne für die nächsten Wochen, nehmen hier aber nicht selten spontan Änderungen vor. Diese Flexibilität ist zum einen angesichts der in der Regel sehr heterogenen Gruppenzusammensetzung eine Notwendigkeit, aber auch der Tatsache geschuldet, dass die Querschnittsmodule Sport und Unternehmensbesichtigungen oft nur kurzfristige Terminierungen erlauben. Wichtig sei letztendlich nicht das Wann, sondern, so Daniel Send, „dass alle Personen definitiv alle Inhalte mitmachen“.

Zu den ungefähren zeitlichen und methodisch-didaktischen Aufwänden: Auf das Sportpädagogische Angebot entfallen etwa zehn Stunden, was knapp einem Drittel der 31-Stunden-Woche der Jugendlichen entspricht. Für die weiteren Gruppenaktivitäten (Seminar/Unterricht, Unternehmensbesuche) sind in Summe 20 Stunden vorgesehen, für die sozialpädagogische Begleitung und individuelle Förderung im Einzelcoaching wird eine Stunde pro Woche aufgewendet. In dieser etwas ungleichen Verteilung verdeutlicht sich die Wichtigkeit von gruppendynamischen Prozessen in der täglichen Arbeit mit den Jugendlichen, die sich hier mit „Gleichgesinnten“ austauschen und gegenseitig motivieren können. Am Ende ist es aber der abwechslungsreiche Mix aus den verschiedenen Methoden, der es den Coaches ermöglicht, umfassend auf die individuelle Persönlichkeit der Teilnehmenden einzugehen.

Vielfalt in der Profession: das Team

Regelmäßiger Gedankenaustauch: Juliane Metzner und ihr Stellvertreter Daniel Send

Alle an Jump Up beteiligten Personen, die koordinierend und leitend Tätigen wie auch die Berufscoaches, können Berufserfahrung im Bereich der Jugendarbeit bzw. Jugend- und Erwachsenenbildung oder einen pädagogischen Hochschulabschluss vorweisen, bringen ansonsten aber sehr unterschiedliche Professionen in die Maßnahme mit ein. „Wir haben halt nicht diesen klassischen Sozialarbeit-Hintergrund, sondern sind breit aufgestellt – und profitieren von unserer Praxiserfahrung“, sagt Juliane Metzner. Tatsächlich findet man in den entsprechenden Lebensläufen unter anderem ein Sozialpädagogik-Studium, marketingtechnische Erfahrungen in der Privatwirtschaft, Abschlüsse in Anglistik, Politik, BWL und Kulturanthropologie sowie Fortbildungen in Sachen Coaching oder Personalorganisationsentwicklung, wobei jedes einzelne Team-Mitglied für sich schon multiprofessionell aufgestellt ist. Aber nicht jede Vorbildung lässt sich natürlich so passgenau in den Arbeitstag integrieren wie die Kampfsporttrainer-Lizenz von Daniel Send.

„Wir haben halt nicht diesen klassischen Sozialarbeit-Hintergrund, sondern sind breit aufgestellt – und profitieren von unserer Praxiserfahrung“
Juliane Metzner, Leiterin

 

Das Team, das in dieser Form seit Anfang 2017 gemeinsam tätig ist, befindet sich im ständigen Austausch. Obwohl die Aufgabenbereiche der Kolleginnen und Kollegen hier klar definiert sind, kann im Zweifel jede jeden auch vertreten. Wenn es nicht gerade in den Box-Ring geht. Im Sporttraining werden neben Coach Daniel Send ausschließlich lizenzierte Honorartrainer eingesetzt.

Der Betreuungsschlüssel zum Glück?

Einzelcoaching: Ileen Sessay im Gespräch mit einer Teilnehmerin

Jump Up könnte bis zu 15 Jugendliche und junge Erwachsene pro Durchlauf aufnehmen, so viele waren es bisher aber meist nicht. Diese Tatsache kommt dann natürlich dem Betreuungsschlüssel zu Gute, der gerade bei sehr heterogenen Gruppen eine Rolle spielen kann, ist aber gar nicht zwingend beabsichtigt. Angestrebt wird eigentlich, „dass man durchgängig eine Gruppe hat“, erklärt Juliane Metzner, tatsächlich finden über die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jobcenter, ohne deren Aktivierungs- und Vermittlungsgutscheine (AVGS) eine Teilnahme an Jump Up gar nicht möglich wäre, bisher noch vergleichsweise wenige Jugendliche den Weg zur RheinFlanke. Daher kommt es im Jahr eher zu zwei Durchgängen. Es sei eine Herausforderung, Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu akquirieren, so Metzner, Jump Up sei halt ein noch junges Projekt an einem jungen Standort: „Vermittler haben langjährige Kooperationen […] und Kontakte“. Im besten Falle melden sich Jugendliche auf Empfehlung von Freunden, die ebenfalls bei Jump Up sind oder waren, beim Jobcenter und äußern den Wunsch, doch bitte in diese Maßnahme vermittelt zu werden.

Junge Erfolgsgeschichte

Der Erfolg einer Maßnahme wird natürlich in erster Linie an den kalten Zahlen festgemacht: Von den Jugendlichen, die an Jump Up teilgenommen haben, sind 64 Prozent in den ersten Arbeitsmarkt (Anstellungsverhältnis oder duale Berufsausbildung) und 25 Prozent in eine weiterführende Schule oder eine andere Aufbaumaßnahme vermittelt worden. Die angestrebten Quoten wurden damit übertroffen.

Aber Erfolge ließen sich sicherlich auch durch die individuelle Entwicklungsdokumentation nachweisen, die über jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer angefertigt wird. Oder durch die am Ende der vier Monate stattfindende anonymisierte Teilnehmerbefragung zur Zufriedenheit mit den Fachkräften und der Maßnahme als Ganzes. „Sport hilft einem, abends auch mal wieder kaputt zu sein, in einen gesunden Rhythmus zu kommen“, sagt Davina T., seit zwei Wochen Teilnehmerin von Jump Up, „man hat gemerkt, dass man mal wieder was macht“. Sie fühle sich hier sowieso wohl in dieser vergleichsweise lockeren Atmosphäre, es würde neben dem Sport gut mit ihr geredet werden, viel eingefordert, aber auch viel nach Ihren Bedürfnissen gefragt.

Vor gar nicht langer Zeit saß auch René K. noch an diesem Tisch, der im Seminarraum der RheinFlanke gGmbH steht. Inzwischen befindet sich der junge Mann in einer Ausbildung.

Erfolgsgeschichte René K.

René K. in seinem Ausbildungsbetrieb

René K. kam mit 22 Jahren zu Jump Up. Und zwar mit einem großen Wunsch: einer zukünftigen Tätigkeit im IT-Bereich. Die Coaches konnten früh feststellen, dass René am Rechner „fitter war als die anderen Teilnehmer“. Der junge Mann war außerdem zuverlässig und immer pünktlich, konnte sich auch gut in die Gruppe einfinden. Aber: René war extrem schüchtern und hatte enorme Selbstzweifel, die auch in Misserfolgen im schulischen Bereich begründet lagen. Er hat einen Mittleren Schulabschluss (MSA), allerdings mit schlechten Noten, auch in Mathematik – keine wirklich gute Voraussetzung für einen Einstieg in die IT-Branche, in der die Konkurrenz riesig ist und nicht selten von der Uni kommt.

Man könne nicht von großen Schritten sprechen, aber Veränderungen in Renés Auftreten seien nach einiger Zeit erkennbar gewesen, so die Coaches. Zum einen habe er sich in der Gruppe wirklich wohl gefühlt, zum anderen habe das Sport-Training einen merklichen Effekt erzielt: „Sport war vorher eigentlich nicht sein Ding“, sagt Daniel Send, er habe dann aber doch mit zunehmender Begeisterung mitgemacht, „weil er auch gar nicht schlecht darin war – was er von sich bisher gar nicht richtig wusste“. Tatsächlich habe man eine aufrechtere Haltung, ein etwas größeres Selbstbewusstsein feststellen können.

Da René K. von den Jobcentern nur einen Gutschein für eine zweimonatige Teilnahme erhalten hatte und es mit einem Praktikumsplatz trotz der Schulung (unter anderem mit Bewerbungs-Rollenspielen) einfach nicht klappen wollte, haben die Coaches gegen Ende noch einmal „alle Ressourcen in Bewegung gesetzt“, bei infrage kommenden Unternehmen angeklopft und tatsächlich eines mit Interesse gefunden. „Wir waren der Türöffner“, stellt Daniel Send fest, „aber René hat sich regulär beworben und dann im Vorstellungsgespräch überzeugt“. Und nach dem zweiwöchigen Praktikum wurde ihm von der ic! berlin brillen GmbH ein Ausbildungsplatz angeboten.

René K. befindet sich mittlerweile in seiner Ausbildung zum IT-Fachmann Systemintegration. Und, so Daniel Send, auf einem guten Weg: „Wir haben ihn nochmal besucht. Er ist richtig aufgeblüht, offen, hat sich auch äußerlich verändert“.

Wenn Jugendliche in Ausbildung oder einen Job gebracht werden, vermittelt Jump Up gegebenenfalls zusätzlich auch in unterstützende Hilfsmaßnahmen, je nach Beratungsbedarf (Wohnungslosigkeit, Schulden, Sucht, psychisch-soziale Probleme). Eine weitere Betreuung durch die Coaches ist nach dem viermonatigen Programm aber nicht abgedeckt. Der Kontakt zu den ehemaligen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bleibt meistens bestehen, sie werden auch dazu eingeladen, weiterhin beim Sport mitzumachen. „Wenn sie sich dann aber irgendwann nicht mehr melden, ist das eigentlich ein gutes Zeichen“, sagt Ileen Sessay, fast etwas gerührt.

Modell für die Zukunft

Unter den zertifizierten Maßnahmen fällt der Ansatz von Jump Up, sich den Sport und seine Effekte in dieser Form zunutze zu machen, definitiv auf. Noch. Denn die gewonnenen Eindrücke der im Programm Tätigen, Rückmeldungen der Teilnehmenden und natürlich die Erfolgsquote legen nahe, das Konzept so oder so ähnlich auch andernorts umzusetzen. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es fast überall die Bedarfe gibt und auch die Voraussetzungen, um eine solche Maßnahme anzusiedeln. „Man kann das übertragen, natürlich“, meint Juliane Metzner.

Jump Up hat den klaren Vorteil, die RheinFlanke gGmbH in ihrem Rücken zu wissen, mit ihren Erfahrungen (seit 2006) und ihren Partnern (Lukas Podolski-Stiftung u.a.). Und dann ist da natürlich der Standort Berlin, der sicherlich nicht nur Vorteile mit sich bringt. Allerdings gibt es hier Strukturen, die man in anderen Regionen nicht vorfinden dürfte: Mit dem Sportamt Tempelhof-Schöneberg hat Jump Up einen verlässlichen Partner, der günstig und unkompliziert Sportstätten bereitstellt, man pflegt gute Kontakte zu einem Fußballverein (FC Internationale Berlin) und zu unzähligen kleinen und großen Betrieben (Daimler, RBB u.a.), die Unternehmensbesuche ermöglichen. Berlin bietet außerdem beste Voraussetzungen, um sich zu vernetzen, mit den Industrie- und Handelskammern (IHK) zum Beispiel, mit vielen anderen Bildungsträgern und den Jugendberufsagenturen.

Und es gibt Altbauten. Welche mit einer Glasfassade versehen wurden, durch die man ein Gartentor erkennen kann. Ein Gartentor, aus dem regelmäßig Jugendliche zum letzten Mal heraustreten könnten – mit der Gewissheit, dass es mit einer Ausbildung oder Anstellung weitergeht. Nicht das schlechteste Ende für ein Miteinander.

Weitere Informationen

  • www.rheinflanke.de
    Die Rheinflanke gGmbH wurde 2006 in Köln gegründet und ist heute Trägerin für Jugendarbeit und Flüchtlingshilfe an neun Standorten in ganz Deutschland. Auf der Seite hinter dem Link finden Sie alles Wissenswerte zu Ihren Projekten, so auch zur Maßnahme Jump Up.
  • Flyer
    Der Postenkartenflyer für Jugendliche mit den wichtigsten Infos zu Jump Up
    Dateigröße: 1,25 MB
 
 
 

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Programmlogo

Das Logo des Projekts "Jump up"
 

Träger

Logo RheinFlanke

RheinFlanke Berlin
Rubensstraße 116
12157 Berlin

www.rheinflanke.de/berlin/

 

Leitung

Projektleiterin Juliane Metzner

Juliane Metzner

Juliane Metzner ist Leiterin des Berliner Standorts der RheinFlanke gGmbH Rheinflanke, wird derzeit aber von Daniel Send vertreten

 
Stellvertretender Projektleiter Daniel Send

Daniel Send

Daniel Send ist aktuell der Kommissarische Standortleiter der RheinFlanke gGmbH in Berlin sowie Berufscoach und Trainer in der Maßnahme Jump Up

 

Dossier

Kompass auf einer geöffneten Hand

Berufsorientierung

Im Übergang Schule - Beruf bezeichnet das Handlungsfeld Berufsorientierung in der Regel Angebote bis zum Ende der allgemeinbildenden Schule.