20.06.2017

Starthilfe in die Berufsausbildung

Mit Jobcoaching begleitet IN VIA Köln Förderschüler in den ersten Arbeitsmarkt

von Karin Maria Rüsing

Wer eine Förderschule besucht, hat es nicht leicht, einen Ausbildungsplatz zu finden. Darum ist es umso folgenschwerer, dass die Berufsbildungsberichterstattung gerade bei den Azubis mit Förderschulabschluss eine hohe Zahl von Vertragslösungen verzeichnet. Mit Jobcoaching, einem sehr praxisorientierten Ansatz der individuellen Begleitung, hat IN VIA Köln darum im Jahr 2014 begonnen, junge Menschen in eine geeignete, reguläre Ausbildung zu bringen und sie dabei so zu unterstützen, dass sie diese Ausbildung auch abschließen. Jetzt haben die ersten Absolventen die Ausbildung erfolgreich beendet und sind in ein reguläres Arbeitsverhältnis eingetreten.

Von allen Mädchen und Jungen, die eine Förderschule besucht haben, findet nur etwa ein Prozent direkt im Anschluss eine Ausbildungsstelle. Insgesamt sind es nur circa sieben Prozent. Alle anderen landen ohne Ausbildung in Hilfstätigkeiten oder 450-Euro-Jobs. Ein Ausweg aus dieser Situation sind die theoriereduzierten Fachpraktikerausbildungen, die für junge Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten und Förderbedarf geeignet sind. In Köln wird seit 2014 die Ausbildung Fachpraktiker – Service in sozialen Einrichtungen angeboten.

Was machen Fachpraktiker und wo werden sie gebraucht?

Ausbildungsstart im Malteser Krankenhaus Seliger Gerhard in Bonn. Foto: Malteser

Der Bedarf ist da. Fachkräfte im Pflege- und Gesundheitsbereich sind knapp und häufig überlastet. Damit sie sich auf die pflegerischen Aufgaben konzentrieren können, profitieren Altenheime und Krankenhäuser davon, wenn Serviceleistungen von Fachpraktikern übernommen werden. Dazu gehören zum Beispiel das Versorgen mit Getränken, die Essensausgabe oder die Unterstützung bei der Freizeitgestaltung. Das Berufsbild „Fachpraktiker Service in sozialen Einrichtungen“ geht zurück auf eine Initiative des Pfarrers Franz Meurer aus Köln-Vingst und des Chefarztes des Alexianer-Krankenhauses Köln, den Psychiater Dr. Manfred Lütz. Die angehenden Fachpraktiker sollen nicht nur soziale Einrichtungen mit mehr Personal versorgen. Vielmehr soll die bundesweit anerkannte Ausbildung Förder- und Hauptschüler mit Lernbeeinträchtigungen darin unterstützen, den Service in Behinderten-, Alten- und Krankeneinrichtungen durch mehr Ansprache und Zuwendung aufzuwerten. Die Auswahl und Betreuung der Auszubildenden sowie der Arbeitgeber erfolgt durch IN VIA Köln.

Es ist möglich, Wirtschaftlichkeit und Soziales gewinnbringend zu verknüpfen.
Roderich Dörner

 

Roderich Dörner ist bei In Via Köln für den Fachbereich Ausbildung - Beschäftigung – Unternehmenskooperationen verantwortlich. Er ist überzeugt: "Je unternehmensnäher eine Qualifizierung oder Ausbildung für Menschen mit Förderbedarf ist, desto wahrscheinlicher ist die anschließende Einbindung in den allgemeinen Arbeitsmarkt." Sonderwelten und Schonräume möchte er wo immer möglich vermeiden. Und er hat durch persönliche Erfahrung gelernt, dass das "unspektakuläre Einbinden in Arbeitsprozesse, weniger pädagogisch und mehr praktisch, eher nebenbei", der richtige Weg ist, Menschen in den allgemeinen Arbeitsmarkt einzubinden. Dörner befürwortet darum die Einzelintegration vor Ort.

Klar ist, wer in der Wäscherei einer Klinik arbeitet oder bei der Essensausgabe in einem Altenheim, der bewegt sich nicht in einem beruflichen Schonraum, sondern muss sehen, dass er mit den Aufgaben und den Kolleginnen und Kollegen zurechtkommt. Damit die Betreuung der Azubis auch an der richtigen Stelle greift, setzt IN VIA auf mobile Trainerinnen und Trainer, die als Jobcoaches bei Bedarf vor Ort die Arbeit in den Betrieben unterstützen.

Der Jobcoach ist ständiger Ansprechpartner für die Auszubildenden und für den Betrieb gleichermaßen. Nadine Heine ist eine von diesen Jobcoaches. Die Sozialpädagogin begleitet für IN VIA Köln Auszubildende, die sie zu Beginn der Ausbildung wöchentlich oder auch nach Bedarf für drei bis vier Stunden - oder mehr - im Betrieb besucht. Dabei verschafft sie sich einen Eindruck, wie die Azubis zurechtkommen und ob der Ausbildungsbetrieb zufrieden ist. Als Orientierung dient ihr dabei der Ausbildungsrahmenplan, den die IHK Köln erarbeitet hat

Der persönliche Eindruck von einer Arbeitssituation ist durch keinen Bericht zu ersetzen.
Nadine Heine

 

Nadine Heine packt selbst mit an und lernt, was die Azubis lernen. Diese handfeste Methode hat den Vorteil, dass sie sich einen unmittelbaren Eindruck davon verschaffen kann, ob die Leistung stimmt. "Das ist etwas ganz anderes, als wenn ich mit den Ausbildern zusammensitze und frage, wie es läuft", hat sie festgestellt. Schwierigkeiten, zum Beispiel beim Erledigen der Aufgaben oder im Umgang mit den Bewohnern, können während des Mitarbeitens erkannt und durch gezieltes Training behoben werden. Zur genauen Ermittlung des Unterstützungsbedarfs ist auch eine ganztägige Mitarbeit möglich.

Beispiele für die Interventionen für Jobcoaches

Eine jüngere und eine ältere Frau an einem kleinen Tisch im Gespräch.
Individuelle Betreuung ist der Schlüssel zum Erfolg des Jobcoachings. Foto: IN VIA

In den Krankenhäusern oder Heimen durchlaufen die Azubis während der Ausbildung verschiedene Stationen, zum Beispiel die Küche und die Wäscherei. Neben den praktischen Aufgaben müssen sie auch die Herausforderung meistern, dass die Kolleginnen und Kollegen in den Arbeitsbereichen ihnen Aufträge erteilen, die vielleicht im Widerspruch zu den Anweisungen des Ausbildungspersonals stehen. Vielen der Azubis fehlt es in solchen Situationen an Konfliktlösungsstrategien. Da sieht die Jobcoachin gleich, dass geübt werden muss, was man tun kann, wenn es schwierig wird.

Pünktlichkeit ist ein immer wiederkehrendes Thema zwischen Azubis und Ausbildungsbetrieben, Hygiene ein anderes. Natürlich ist das ein Thema in der Berufsschule, aber die Übertragung der Unterrichtsinhalte in die betriebliche Praxis ist oft mühsam. So ist nicht jedem klar, dass dazu auch zählt, dass man einen Eisteekarton, aus dem man gerade trinkt, nicht auf dem Wagen mit den frisch gewaschen Handtüchern abstellt.

Wir arbeiten gern mit Zielvereinbarungen. Konkreten Absprachen zwischen Jobcoach und Azubi, die schriftlich festgehalten und von beiden unterschrieben werden. Das können ganz einfache Dinge sein, wie das Benutzen eines zweiten Weckers. Damit das pünktliche Aufstehen klappt.
Nadine Heine

 

In den Gesprächen mit und durch die Begleitung der Jobcoachin lernen die Azubis, Aussagen von Kollegen nicht zu verallgemeinern sowie Fehler oder Nichtwissen nicht als eigenes Versagen zu werten. Ganz wichtig ist auch, dass die Azubis ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Bewertung der Person und einer Aufgabe oder Sache. Für alle Beteiligten schwierig, aber sehr notwendig, sind Gespräche, die mangelnden Arbeitseifer oder unzureichende Leistungen zum Thema haben. In diesen Situationen bleibt den Coaches nur die klare Ansage: "Ja, es ist auch für mich anstrengend, aber der bisher gezeigte Einsatz reicht nicht."

Von der Schule in die Ausbildung

Der Weg in die Ausbildung führt in der Regel über die Reha-Berater der Agentur für Arbeit, die die jungen Menschen ab der Klasse 8 oder 9 begleiten und die diese dann in Kontakt mit IN VIA bringen. Da es für die neue Ausbildung ein großes Medienecho gab, ist es nicht ungewöhnlich, dass Eltern sich melden und sich dann mit ihren Kindern zusammen informieren. Bei diesen ersten Kontakten geht es darum, sich kennenzulernen und in zwanglosem Rahmen zu prüfen, ob die Jugendlichen ausreichend Begeisterung und Talent für soziale Servicetätigkeiten mitbringen. Anschließend wird zunächst einmal ein Praktikum arrangiert. Wenn dies erfolgreich verläuft, kann der IHK-Vertrag abgeschlossen werden. Voraussetzung dafür ist der sogenannte "Reha-Status", welcher mit der Bescheinigung nach § 66 BBiG oder § 42 HwO vergeben wird.

Wir stellen uns die Frage: Würden wir selbst als Unternehmen diesen Mitarbeiter einstellen?
Nadine Heine

 

Bei allen Kontakten mit Ämtern und Verwaltungen, unterstützt der Jobcoach die Auszubildenden und natürlich auch die Betriebe. Dies gilt auch für die Beantragung des Schwerbehindertenausweises. Das Ziel ist immer, dass Betrieb und Azubi sich auf die Ausbildung konzentrieren können und diese als so störungsfrei wie möglich erleben. Wenn alle bürokratischen Hürden gemeistert und die Beteiligten sich einig sind, es miteinander zu versuchen, dann wird ein Kooperationsvertrag zwischen Betrieb, IN VIA und Azubi geschlossen und natürlich ein klassischer Ausbildungsvertrag zwischen Betrieb, Azubi und IHK.

Aufgabenfelder von Fachpraktikern

Vergütet wird die Ausbildung nach dem Tarif des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA). Die Kosten für das Jobcoaching übernimmt die Agentur für Arbeit. Art und Umfang der Unterstützung, die IN VIA für Azubis und Betriebe leistet, sind durch die Leistungsbeschreibung der Arbeitsagentur festgelegt. Unter bestimmten Umständen können die Arbeitgeber auch einen Ausbildungszuschuss beim Arbeitgeberservice der Agentur sowie beim LVR-Integrationsamt beantragen. Die Vorbereitung der Antragstellung übernimmt IN VIA, um den Betrieb zu entlasten.

Arbeit der Jobcoaches im Betrieb

Der Arbeitsplatz ist beim Jobcoaching der zentrale Lernort der Azubis. Damit ein Jobcoach seine Klienten gezielt unterstützen kann, ist es wichtig für ihn, das Vertrauen der Betriebe zu gewinnen. Und zwar nicht nur der jeweiligen Geschäftsleitung oder Ausbildungsverantwortlichen, sondern vor allem das Vertrauen der einzelnen Kolleginnen und Kollegen der Azubis. Vertraulichkeit ist deshalb oberstes Gebot. Der Jobcoach macht seine Arbeit dann gut, wenn seine Anwesenheit im Betrieb keine Besonderheit mehr ist und im besten Fall auch andere Mitarbeiter als die Azubis ihn um Hilfe bitten.

Die Betriebe schätzen den gemeinsamen Erfahrungsaustausch. Was läuft gut, was nicht so gut? Und vor allem die engmaschige Betreuung bei Krisen.
Nadine Heine

 

Perspektiven nach der Ausbildung

Eine junge Frau stellt eine Vase mit Blumen auf einen Tisch.
Die Fachpraktiker helfen auch dabei, die Zimmer ansprechend zu gestalten.
Foto: IN VIA

Wer die Ausbildung erfolgreich absolviert, erwirbt damit die Berechtigung zum serviceorientierten Arbeiten am pflegebedürftigen Menschen. Er erwirbt damit auch den Hauptschulabschluss nach Klasse 9 und unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit zum Einstieg in die Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe. Geeignete und interessierte Azubis können auch ein Zusatzmodul absolvieren und die Qualifikation zur Betreuungskraft nach § 53c SGB IX (ehem. § 87b) erwerben.

Die Betreuung durch IN VIA endet frühestens ein halbes Jahr nach Abschluss der Ausbildung, bis der Übergang in den Beruf vollzogen ist. Von den 13 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die im Jahr 2014 mit der Ausbildung begonnen haben, traten elf zur Prüfung durch die IHK an, die sie erfolgreich ablegten. Der Erfolg hängt auch damit zusammen, dass Betriebe gezielt mit den Azubis für die Prüfung üben. Zwei Teilnehmer erkrankten chronisch und konnten die Ausbildung nicht fortführen. Neun Teilnehmerinnen oder Teilnehmer wurden im Anschluss an die Ausbildung weiterbeschäftigt, zwei entschieden sich für einen anderen Weg, ihre berufliche Laufbahn fortzusetzen.

Die Besonderheiten des Jobcoachings

An ihrer Arbeit als Jobcoachin schätzt Nadine Heine besonders, dass es ihr ein sehr freies Arbeiten ermöglicht. Betriebe und Azubis wechseln täglich, immer stellt sich die Frage, was braucht der Azubi, was will der Betrieb, und selten weiß sie im Voraus, was an einem Tag auf sie zukommt. Zu den eher ungeliebten Seiten der Arbeit gehört für die meisten Coaches der enorme Dokumentationsaufwand. Dazu gehören beispielsweise Förderpläne und Leistungs- und Verhaltensbeurteilungen.

Natürlich ist nichts einfach und es braucht oft viel Zeit, Training und Geduld. Aber ich sage gern: Geht nicht, gibt ´s nicht.
Roderich Dörner

 

Das freie Arbeiten birgt jedoch auch Risiken. Damit die Jobcoaches sich nicht verzetteln und nicht auf sich allein gestellt sind, arbeitet IN VIA ständig an der Weiterentwicklung des Coaching-Konzepts. Es gibt regelmäßige Teamsitzungen mit Fallbesprechungen, bei denen die Kolleginnen und Kollegen Tipps und Hinweise austauschen. Es gibt praktische Unterstützung in Form von Checklisten, in denen man zum Beispiel nachlesen kann, was der Coach für welchen Betrieb beachten muss (Kleidungsvorschriften, besondere Hygieneanforderungen, Schuhwerk …) und regelmäßige Supervision.

Ausblick

Zur Zeit sind etwa 50 junge Frauen und Männer in der Ausbildung zum Fachpraktiker –Service in sozialen Einrichtungen. Betriebe, die die Ausbildung anbieten, sind mit der Arbeit der Azubis in der Regel sehr zufrieden und bereit, weitere Auszubildende einzustellen. Für sie ist die intensive Anleitung der Azubis wichtig und vor allem schätzen sie, dass sie in den Jobcoaches immer einen Ansprechpartner haben. Wegen der großen Nachfrage in Köln haben auch Bonn und Aachen das Modell übernommen. In den Bezirken der IHK Düsseldorf und IHK Koblenz wird die Ausbildung im September 2017 eingeführt werden.

Weitere Informationen

Informationen zum Beruf und zur Ausbildung

Filme über den Ausbildungsbeginn in Köln und Bonn

 
 
 

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Fachbereichsleitung

Fachbereichsleiter Roderich Dörner

Roderich Dörner

Roderich Dörner leitet den Fachbereich berufliche Integration für Menschen mit Behinderung

 

Dossier

Beratung und Begleitung

Mit richtiger Beratung und individueller Begleitung gelingt der Übergang Schule - Beruf auch in schwierigen Fällen.