19.08.2026
Berufliche Orientierung ist kein linearer Prozess
Begleitung am Übergang gelingt, wenn sie jungen Menschen Zeit und Raum zum Ausprobieren gibt
von Yvonne Hausmann und Ulrich WeißDer Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf ist für Jugendliche eine sensible Phase. Sie sollen weitreichende Entscheidungen treffen, benötigen dafür aber häufig verlässliche Orientierung, Zeit und Begleitung. Der Gastbeitrag zeigt, wie institutionelle und sozialstaatliche Erwartungen mitprägen, was Jugendliche als möglich und legitim wahrnehmen. Besonders junge Menschen mit ungünstigeren Ausgangsbedingungen geraten dadurch unter Zeit- und Entscheidungsdruck.
Am Rande eines Workshops im Rahmen einer partizipativen Pilotstudie an einer Essener Gesamtschule berichtete ein Schüler der Klasse 10 mit sichtbarer Begeisterung: "Ich hatte voll das lange Beratungsgespräch." Im weiteren Gespräch zeigte sich, was er unter "lang" verstand: sieben Minuten.

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Schön, wenn jemand wirklich zuhört.
Die Szene wirkt beiläufig, verweist aber auf eine verbreitete Dynamik im Übergangsgeschehen. Jugendliche suchen Erwachsene, die ihnen zuhören, mit ihnen nachdenken und Unsicherheit aushalten und erleben dabei individuelle Zuwendung als knappes Gut im Schulalltag. Sieben Minuten ungeteilter Aufmerksamkeit können dann bereits außergewöhnlich erscheinen. Damit stellt sich die Frage, warum aufwendig geplante und gut gemeinte Angebote nicht bei allen Jugendlichen zu mehr Orientierung führen. Schulen, Länder, Träger und Schnittstelleninstitutionen wie Jugendberufsagenturen strukturieren Übergänge mit hohem Aufwand. Dennoch gewinnen nicht alle Jugendlichen dadurch Handlungssicherheit; viele bleiben unsicher, verwenden Vermeidungsstrategien oder stagnieren in ihrer Entwicklung.

privat

Yvonne Hausmann leitet die Fachbereiche Jugendhilfe und Jugendberufshilfe der Kolping-Bildungswerk DV Essen GmbH. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören die Entwicklung und die konzeptionelle Gestaltung von Angeboten im Bereich der Jugendberufshilfe. Sie ist Absolventin der Kolping Hochschule Gesundheit & Soziales in Köln.

Kolping Hochschule

Prof. Dr. Ulrich Weiß leitet den Studiengang Soziale Arbeit an der Kolping Hochschule Gesundheit und Soziales in Köln.
Er konzentriert sich auf eine anwendungsbezogene konzeptionelle Forschung und war auch an der Konzeption und Entwicklung des Berufsorientierungsportals zynd.de beteiligt.
Das ist keine Kritik an einzelnen Fachkräften. Lehrkräfte, sozialpädagogische Fachkräfte und Beratende arbeiten häufig hoch engagiert unter anspruchsvollen Bedingungen. Untersucht wird vielmehr, wie Übergangsbegleitung in Institutionen grundsätzlich vor allem als zeitgerechter Verlauf von Entscheidung, Passung und Anschlussfähigkeit organisiert ist. Grundlage dieses Beitrags sind Ausschnitte aus der oben genannten partizipativ angelegten Studie an einer Gesamtschule. Gemeinsam mit Jugendlichen wurde herausgearbeitet, welches Wissen ihnen beim Übergang hilft und wie Begleitung aus ihrer Sicht gestaltet sein sollte. Das Material besteht aus Fallvignetten, in denen aussagekräftige Situationen aus dem Workshopalltag kurz beschrieben wurden. Aus ihnen stammen auch die wörtlichen Zitate.
Viel Struktur, mehr Orientierung?
Die übliche Abfolge aus Interessenklärung, Informationssammlung, Entscheidungsfindung und Bewerbung erscheint zunächst plausibel und funktioniert für viele Jugendliche. Für andere setzt sie jedoch genau jene Ressourcen voraus, die im Orientierungsprozess erst entstehen sollen. Sie sollen benennen, was sie wollen, obwohl sie kaum erproben konnten, was für sie vorstellbar ist. Sie sollen entscheiden, obwohl Zukunft eher unsicher als gestaltbar erscheint. Und sie sollen Verantwortung übernehmen, obwohl soziale, familiäre oder institutionelle Unterstützung fehlt. Struktur schafft deshalb nicht automatisch Orientierung. Sie gerät dort an Grenzen, wo Zukunftsvertrauen, Entscheidungssicherheit und Selbstwirksamkeit bereits vorausgesetzt werden. Pädagogisch wirksam wird Begleitung, wenn sie neben verlässlichen Abläufen auch Beziehung, Anerkennung und unterstützte, ergebnisoffene Suchbewegungen ermöglicht.
Begleitung wird pädagogisch wirksam, wenn sie neben verlässlichen Abläufen auch Beziehung, Anerkennung und unterstützte, ergebnisoffene Suchbewegungen ermöglicht.
Beratungsangebote, Praktika, Potenzialanalysen, Bewerbungsphasen, Informationsveranstaltungen, Dokumentationspflichten und Kooperationen mit außerschulischen Partnern sichern Abläufe und Anschlüsse. Doch dieselbe Struktur kann Druck erzeugen, wenn Jugendliche die nötigen Erfahrungen, Vorbilder und Unterstützungsressourcen noch nicht haben. Für sie wird der Übergang weniger zum Raum von Möglichkeiten als zu einer Phase verdichteter Unsicherheit.
Übergang als verdichtete Unsicherheit

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Viele Möglichkeiten können auch sehr einschüchternd wirken.
Beim Wechsel aus der Schule in eine stärker eigenverantwortliche Arbeitswelt müssen Jugendlichen vieles zugleich bewältigen. Sie müssen Verträge und Arbeitszeiten verstehen, Bewerbungen schreiben, betriebliche Erwartungen einschätzen und mit der Möglichkeit des Scheiterns umgehen. Hinzu kommen familiärer Druck, Zukunftsangst, fehlende Vorbilder oder widersprüchliche Erwartungen. Angebote der beruflichen Orientierung verlangen dabei häufig, dass Jugendliche bereits genug über sich und die Berufswelt wissen, um tragfähige Entscheidungen zu treffen. Drei Äußerungen aus dem Material machen diese Spannung sichtbar. Sie bilden keinen Dialog und erlauben keine Aussage über Häufigkeiten. Als Materialsequenz lassen sie jedoch ein gemeinsames Spannungsmuster erkennen:
- "Alles geht ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch schnell so. Es gibt keine Zeit mehr."
Teilnehmerin, Klasse 10 - "Bei der Beratung wollen die nur Antworten. So auf schnell, schnell!"
Teilnehmerin, Klasse 10 - "Ich wünsche mir jemand, der mit mir langsamer da dran geht."
Teilnehmer, Klasse 10
Die erste Äußerung markiert institutionelle Beschleunigung. Ab einem bestimmten Zeitpunkt scheint Zeit nicht mehr verfügbar zu sein. Die zweite konkretisiert, wie diese Beschleunigung in Beratung erfahren wird – als Erwartung, rasch Antworten zu liefern. Die dritte formuliert den Gegenhorizont. Gewünscht wird nicht, dass Erwachsene die Entscheidung abnehmen, sondern dass jemand den Suchprozess langsamer und gemeinsam bearbeitet. Die Sequenz verweist damit nicht auf eine Ablehnung von Beratung, sondern auf den Wunsch nach einer Beratung, die offener, detaillierter und weniger stark auf sofortige Entscheidung und Anschlussfähigkeit ausgerichtet ist. Was Jugendlichen mit familiärer Unterstützung, beruflichen Vorbildern und Zukunftsvertrauen Halt geben kann, erzeugt bei Jugendlichen ohne diese wichtigen Ressourcen zusätzlichen Druck. Orientierung erscheint dann nicht als gemeinsamer Suchprozess, sondern als Verpflichtung, rechtzeitig die richtige Antwort zu liefern. Der Übergang kann sich dabei auf mehreren Ebenen krisenhaft zuspitzen:
- als soziale Krise, wenn Unterstützung, Vorbilder oder familiäre Stabilität fehlen;
- als institutionelle Krise, wenn Schule endet, Routinen wegbrechen und neue Anforderungen entstehen;
- als persönliche Krise, wenn Jugendliche mit Planlosigkeit, Defiziterfahrungen und Zukunftsentscheidungen konfrontiert werden.
Schulische Zeitlogiken verengen Möglichkeitsräume
Was institutionell als sinnvolle Struktur erscheint, kann aus Jugendperspektive als Verengung erlebt werden. Berufsorientierung muss geplant, dokumentiert und mit Prüfungsphasen abgestimmt werden. Diese Verlaufslogik ist für Schulen, Betriebe und Behörden nachvollziehbar, wird für manche Jugendliche jedoch zum Zeitregime. Gerade die Ressource, die sie für Orientierung brauchen, wird knapp – Zeit zum Ausprobieren, Zweifeln, Verwerfen und Neuansetzen.
Die wichtigste Ressource für die Orientierung ist Zeit zum Ausprobieren, Zweifeln, Verwerfen und Neuansetzen.
Schule ist in der Jugendphase vieles; ein Ort der Leistung, ein Ort der Konflikte und Bedrohungen, jugendsoziologisch betrachtet aber auch ein relativer Schonraum. Jugendliche können Erfahrungen sammeln, Rollen erproben, Interessen entwickeln und sich zur Welt ins Verhältnis setzen, ohne unmittelbar nützlich sein zu müssen. Diese Prozesse sind keine bloßen Vorstufen späterer Erwerbsarbeit, sondern Teil von Bildung und das, was diese Lebensphase so wichtig macht. Mit dem Ende der Schulzeit rücken Erwartungen an Nützlichkeit, Passung und Anschlussfähigkeit in den Vordergrund, wodurch Handlungsspielräume subjektiv kleiner werden können. Auch pädagogische Fachkräfte geraten in diesen Widerspruch, weil sie individuelle Suchprozesse begleiten sollen und zugleich Unterricht organisieren, Abschlüsse sichern, Übergangsaktivitäten dokumentieren und Prüfungen vorbereiten.
Eine Lehrkraft beschreibt diese Spannung so: "Ich muss ab einem bestimmten Zeitpunkt die BO abschließen, weil ich dokumentieren muss und weil ab einem bestimmten Zeitpunkt der Fokus auf der Vorbereitung der ZAP liegt." (BO = berufliche Orientierung, ZAP = zentrale Abschlussprüfung)
Jugendliche müssen den Übergang für sich selbst bewältigen, nicht für die Institution.
Jugendliche sollen sich also bis zu einem bestimmten Punkt entschieden haben. Das ist aus institutioneller Sicht verständlich, pädagogisch problematisch wird es jedoch, wenn diese Zeitlogik die Suchbewegungen der Jugendlichen überholt. Dann entsteht der Eindruck, dass die Jugendlichen den Übergang nicht für sich selbst bewältigen, sondern für die Institution. Wenn pädagogische Angebote vor allem Entscheidung, Passung und Anschlussfähigkeit herstellen sollen, können sie die Bedrohlichkeit des Übergangs unbeabsichtigt verstärken. Die Folge ist dann nicht einfach "Unmotiviertheit"; Rückzug, Aggression, Verweigerung oder Erstarren sind häufig nur Schutzreaktionen. Nachvollziehbare Abläufe und abgestimmte Begleitstrukturen bleiben wichtig, sie lösen aber nicht das Grundproblem, wenn Jugendliche den Übergang als Bedrohung erleben. Dann braucht es zunächst Beziehung, Anerkennung und einfühlsame Begleitung.
Selbstständigkeit lässt sich nicht verordnen

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Es ist ok, sich überfordert zu fühlen. Das ist der Ansatzpunkt für gute Beratung.
Hier zeigt sich eine deutliche Paradoxie im Übergangsgeschehen. Pädagogische Angebote wollen Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und Entfaltung fördern. Zugleich setzen sie Jugendliche unter Druck, wenn diese Entwicklung nicht schnell genug oder nicht innerhalb institutioneller Zeitfenster stattfindet. Die angestrebte Entfaltung kann dann in Einfaltung umschlagen: Handlungsspielräume werden nicht als erweitert, sondern als verengt erlebt. Handlungsfähigkeit entsteht nicht durch die bloße Aufforderung zur Entscheidung. Sie entwickelt sich, wenn Jugendliche Erfahrungen deuten, mögliche Zukünfte entwerfen und konkrete nächste Schritte erproben können. Dafür brauchen sie Räume, in denen Fragen, Unsicherheiten und Suchbewegungen anerkannt werden.
Erwerbsbiografische Selbstverantwortung darf daher nicht als normative Erwartung missverstanden werden, die möglichst früh erfüllt sein muss. Sie entsteht im Zusammenspiel von Selbstbestimmung, sozial relevanten Anerkennungsräumen und Handlungsspielräumen zum Ausprobieren und Explorieren.(1) Selbstwirksamkeit wächst, wenn Jugendliche erleben, dass sie einem von Erwerbsarbeit geprägten Erwachsenenleben grundsätzlich gewachsen sind und es mitgestalten können. In der entwickelten Moderne gab die Erwerbsbiografie lange einen roten Faden vor, häufig in Form der Dauerbeschäftigung im Lebensberuf. Heute müssen Jugendliche diesen roten Faden stärker selbst herstellen. Sie sollen sich ihre berufliche Zukunft erschließen – oder, mit dem Soziologen Hartmut Rosa gesprochen, anverwandeln. Übergangsbegleitung sucht dabei oft nach Interessen, Neigungen und Aspirationen, als seien sie bereits vorhanden. Bei vielen Jugendlichen entstehen sie jedoch erst im Prozess durch Erfahrungen, Resonanz, Anerkennung und das Erproben unterschiedlicher Rollen.
Jugendliche brauchen Beziehung, Zeit und Erfahrungsräume
Aus der beschriebenen Paradoxie folgen konkrete Anforderungen an die Übergangsbegleitung. Neben Informationen und strukturierten Angeboten brauchen Jugendliche Erwachsene, die Unsicherheit mit ihnen aushalten, Suchbewegungen begleiten und nächste Schritte gemeinsam entwickeln. Beziehung bedeutet dabei mehr als Freundlichkeit oder eine angenehme Gesprächsatmosphäre. Jugendliche müssen erleben, dass Anerkennung nicht erst einsetzt, wenn sie entscheidungsfähig, motiviert und anschlussfähig erscheinen. Zögern und Bedenken dürfen bestehen, ohne vorschnell aufgelöst oder als Nichtpassung gedeutet zu werden. Das heißt nicht, Anforderungen aufzugeben. Es heißt, junge Menschen als Personen ernst zu nehmen, deren Zukunft sich nicht vollständig planen lässt.
Kontinuierliche Angebote können fehlende Einblicke in die Berufswelt und mangelnde familiäre Unterstützung teilweise ausgleichen.
Dazu gehören Erfahrungsräume, in denen Jugendliche herausfinden können, was für sie bedeutsam, erreichbar und vorstellbar ist. Sie müssen ausprobieren, verwerfen, zweifeln, scheitern und neu ansetzen dürfen. Gerade bei wenig familiärer Unterstützung oder fehlenden beruflichen Vorbildern können konstante, niedrigschwellige Angebote der Sozialen Arbeit wichtige Einblicke und Beziehungen eröffnen. Offene Berufsorientierungsangebote, Stammtische, Jour fixes, Sprechstunden oder sozialräumliche Netzwerke machen Orientierung als kontinuierliche Begleitung erfahrbar. Auch digitale Plattformen wie zynd.de können Erfahrungsräume eröffnen, in denen Zukunft nicht sofort festgelegt werden muss.(2) Struktur wird dadurch nicht überflüssig. Sie wird hilfreich, wenn sie nicht nur Entscheidungen abverlangt und Anschlussfähigkeit prüft, sondern Suchprozesse ermöglicht und Selbstwirksamkeit erfahrbar macht.
Impulse für die Praxis
- Orientierung nicht vorschnell auf Entscheidungen verengen
- Unsicherheit und Krisenhaftigkeit als Teil von Übergängen ernst nehmen
- kleine nächste Schritte wichtiger nehmen als endgültige Festlegungen
- institutionelle Zeitlogiken kritisch reflektieren
- unterschiedliche Ausgangslagen und Ressourcen berücksichtigen
- Erfahrungsräume schaffen, in denen Jugendliche verschiedene Zukünfte entwickeln können
Berufliche Orientierung als Bildungsaufgabe
Berufliche Orientierung ist mehr als Entscheidungsvorbereitung. Als Bildungsaufgabe ermöglicht sie Jugendlichen, Erfahrungen zu deuten, Interessen zu entwickeln und ein Verhältnis zur eigenen Zukunft auszubilden. Pädagogische Professionalität zeigt sich deshalb nicht darin, junge Menschen möglichst schnell funktionsfähig zu machen, sondern darin, unterschiedliche Ausgangslagen anzuerkennen und offene Suchprozesse zu ermöglichen.

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Ein offener Suchprozess ermöglicht es, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken.
Werden Übergänge vor allem als Platzierung, Aktivierung oder Passung organisiert, verlieren sie einen Teil ihres Bildungscharakters. Bildung bedeutet hier nicht nur Vorbereitung auf Erwerbsarbeit, sondern die Möglichkeit, ein Selbst- und Weltverhältnis auszubilden. Institutionen können dazu beitragen, indem sie Beziehung, Resonanz, Deutungsoffenheit und Vernetzung ermöglichen. Berufliche Orientierung beginnt dann nicht erst mit der Entscheidung für einen Beruf, sondern dort, wo Jugendliche erfahren, dass ihre Fragen, Unsicherheiten und Suchbewegungen ernst genommen werden.
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