27.11.2017 | Redaktion

Wie gelingt Integration?

Studie über Lebenslagen und Teilhabeperspektiven von Geflüchteten

Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass irgendwo eine Studie, eine Handreichung oder eine App erscheint, in der es um Geflüchtete geht oder die sich direkt an geflüchtete Menschen richtet. Doch bis auf vereinzelte Portraits oder Berichte kommen sie darin selten selbst zu Wort. Noch seltener wird ihre Perspektive systematisch in den Blick genommen. Genau darum geht es nun einer Studie der Robert Bosch Stiftung und des SVR. Sie fragt nach den Erfahrungen und Bedarfen von Geflüchteten, um aus dieser Sicht zu einer grundlegenden Analyse ihrer Lebenslagen zu gelangen.

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Migration und Integration (SVR) und die Robert Bosch Stiftung befragten Asylsuchende aus Syrien, Afghanistan, Somalia, Pakistan, Albanien, dem Kosovo und Mazedonien, die zum Zeitpunkt der Interviews noch keinen sicheren Aufenthaltsstatus hatten. Ziel dieser Befragung war es, zu erfahren, wie die Flüchtlinge ihre Lebenslagen zu Beginn ihrer Zeit in Deutschland wahrnehmen und welche Bedarfe, Erwartungen und Ziele sie in Bezug auf ihr Leben in Deutschland haben. Die Studie analysiert die Sichtweise der Flüchtlinge zu Wohnort, zum Zugang zu Arbeit und (Aus-)Bildung, zu sozialer Teilhabe sowie ihre subjektive Wahrnehmung der Einteilung von Asylsuchenden nach Bleibeperspektive.

Dabei zeigt sich zunächst, dass die Lebenslagen der Menschen individuell zu verschieden sind, um sie in irgendeiner Weise zu verallgemeinern. Entsprechend kommt es bei der Aufnahme und Versorgung sowie bei Maßnahmen zur Förderung gesellschaftlicher Teilhabe darauf an, wie gut sie zu den individuellen Lebenslagen passen. Es ergaben sich aber auch einige Bedarfe und Erkenntnisse, die von vielen Befragten geteilt werden beziehungsweise auf ihre Situation zutreffen:

  • Flüchtlinge können auch jenseits großer Metropolen heimisch werden. Wenn die Bedingungen vor Ort stimmen, würden viele auch gern in kleineren Kommunen bleiben, auch in ländlichen Räumen.
  • Fast alle wollen möglichst schnell in Arbeit kommen. Gleichzeitig wollen sie sich aber auch qualifizieren. Um dieses Spannungsfeld aufzulösen, braucht es flexible Strukturen.
  • Flüchtlinge sind dankbar für die praktische Hilfe von Ehrenamtlichen. Vor allem brauchen sie aber persönliche Begegnung und zwischenmenschliche Kontakte an sich. Diese Dimension sozialer Teilhabe wird bislang unterschätzt.
  • Asylsuchende werden derzeit nach ihrer Bleibeperspektive eingeteilt und unterschiedlich behandelt. Außerdem wurde der Familiennachzug teilweise ausgesetzt. Die Studie zeigt, dass beides zumindest aus integrationspolitischer Sicht nicht sinnvoll ist.
  • Wissen macht Flüchtlinge handlungsfähig: Auch gute Maßnahmen und Strukturen laufen ins Leere, wenn sie unbekannt sind. Information ist hier entscheidend; wichtig sind aber auch verlässliche zentrale Ansprechpartner.

Aus Sicht der Autorinnen und Autoren lassen sich aus den Ergebnissen der Studie eine Reihe von Handlungsempfehlungen ableiten, die das Asyl- und Aufnahmesystem für Flüchtlinge in verschiedenen Punkten im Sinne der Integrationsförderung weiter verbessern könnten. Die Aufenthaltssituation sollte demnach schneller geklärt werden, was vor allem über kürzere Asylverfahren zu erreichen ist. Außerdem sollte der Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte wie geplant wieder eingeführt werden. Beides würde den Integrationsprozess erheblich beschleunigen.

Daneben sollten vor allem für Asylsuchende mit guter und mittlerer Bleibeperspektive gleiche Aufnahme- und Verfahrensstandards gelten und eine Öffnung von Maßnahmen zur Förderung gesellschaftlicher Teilhabe für Asylsuchende mit mittlerer Bleibeperspektive erfolgen. Maßnahmen, die den Zugang zu Arbeit und Ausbildung fördern, sollten stärker auf die individuellen Bedarfe zugeschnitten werden. Und schließlich sollte soziale Teilhabe über zwischenmenschliche Begegnungen stärker im Fokus von Integrationskonzepten stehen.

 
 
 

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