29.02.2012

Die lila Auszubildende

Ein Projektbericht

von Wortlaut und Söhne/Jobstarter

Auf dem Weg in die Ausbildung müssen Betriebe wie auch Auszubildende oft Hindernisse aus dem Weg räumen. So können manche Betriebe nur dann Ausbildungsplätze anbieten, wenn andere Betriebe mit ihnen kooperieren - die Lösung dafür heißt Verbundausbildung. Junge Eltern brauchen besondere Rahmenbedingungen, um die Anforderungen einer Ausbildung und die Erziehung eines Kindes unter einen Hut zu bringen - eine Teilzeitausbildung gibt ihnen die Möglichkeit dazu. Ausbildungshemmnisse auf beiden Seiten kann man mit kreativen Ideen überwinden. Unser Beispiel aus dem JOBSTARTER-Programm macht Mut dazu.

Die Farbe Lila

Irgendetwas Freundliches. Das ist nicht gerade eine klare Ansage. Und eine bevorzugte Farbe hat die ältere Dame auch nicht. Irgendetwas Freundliches eben, für zehn Euro bitte. Das sind die Situationen, die Steffi Dell'Arciprete mag. Sie greift ein paar orangene Rosen, die - das ist wichtig - einen leichten Stich ins Lila haben, dazu einige Ornithogalien, die auch Gärtnertod genannt werden, weil sie so lange blühen, dass der Gärtner lange nichts zu tun hat, und dann noch etwas Schleierkraut, Pistazie und ein paar Aralienblätter. Mit gekonnten Handgriffen bindet Steffi den Blumenstrauß und reicht ihn der Kundin. Die sagt: "Oh, wie schön." Steffi, lila Strickjacke, lila Halstuch, lila Haarspangen, lächelt durch ihre lila Brille zurück. Irgendetwas Freundliches, das kann sie gut.

Die Farbe Lila steht allgemein für Kreativität und Selbstbewusstsein. Es ist daher wenig erstaunlich, dass Lila Steffis Lieblingsfarbe ist. Kreativ müssen Floristinnen und Floristen sein, das gehört zum Beruf. Aber ohne eine gesunde Portion Selbstbewusstsein würde die 20-Jährige heute nicht als Auszubildende in dem kleinen Blumenladen Mille Fleurs in Solingen arbeiten.

Hauptschulabschluss mit Ach und Krach

Steffi Dell'Arciprete wollte immer Floristin werden. Es ist ihr Traumberuf. Doch ihr kam etwas dazwischen. Mit 15 wurde sie schwanger, mit 16 bekam sie die kleine Isabelle, ihre heute vierjährige Tochter. Sie war noch ein Teenager, der plötzlich eine große Verantwortung zu tragen hatte. Darunter litt die Schule. Sie sackte ab. Nur mit Ach und Krach bestand sie den Hauptschulabschluss. Es sah so aus, als wäre der Traum, Floristin zu werden, schon ausgeträumt, bevor er überhaupt beginnen konnte.

Bild: Wortlaut & Söhne / Maria Irl

Doch im Herbst 2007 nahm Steffi ihren Mut zusammen, betrat den Blumenladen von Elke Bach und fragte geradeheraus, ob sie nicht ein Praktikum machen könne. "Sie war erst total baff", erinnert sich Steffi, "aber ich war wohl überzeugend." Kurz darauf durfte sie anfangen. Sie kniete sich rein und nutzte die Chance. Sie überzeugte Elke Bach davon, es erstmals überhaupt mit einer Auszubildenden zu versuchen.  Der Wille war da, doch der Weg musste erst gefunden werden: Alleine kann Elke Bach die Ausbildung nicht stemmen. "Ich könnte ihr gar nicht das ganze Programm bieten", sagt sie. Vor allem den Bereich "Trauer" kann sie in der Ausbildung nur schwer abdecken. Es ist kein Friedhof in der Nähe. Und Steffi ist als alleinerziehende Mutter in einer besonderen Situation. Der Kindergarten endet mittags, die Arbeit nicht, zumindest wenn man eine normale Ausbildung in Vollzeit absolviert.

Teilzeitausbildung + Verbundausbildung = Teilzeit-Verbundausbildung

Elke Bach fing an, sich zu informieren. Es musste ja eine Möglichkeit geben. Nach einigen Umwegen landete sie mit ihrem Anliegen schließlich bei Lea Pistorius vom JOBSTARTER-Projekt "Bergische Initiative pro Ausbildung Plus". Die kannte die Lösung: Für die fehlenden Ausbildungsinhalte musste ein Partner her, der mit Elke Bach im Verbund ausbilden würde, und die Ausbildung musste in Teilzeit organisiert werden. Eine Teilzeit-Verbundausbildung also, nicht gerade einfach für einen Betrieb, der zum ersten Mal ausbildet. "Wenn ich Frau Pistorius nicht gehabt hätte, dann hätte ich das mit der Bürokratie nicht geschafft", sagt Elke Bach rückblickend.

Der Partnerbetrieb war schnell gefunden. Seit Jahren kooperiert Elke Bach mit einem befreundeten Floristen aus Wuppertal, etwa wenn einer der beiden überschüssige Ware hat, die der andere gebrauchen kann. "Die machen sehr viel im Bereich Trauer, weil sie gleich drei Friedhöfe drumherum haben", sagt Elke Bach. Außerdem ist der Betrieb größer. Dort wird etwa mit vielen verschiedenen Drahtstärken bei den Kränzen und Gebinden gearbeitet. Elke Bach benötigt nur zwei. Steffi arbeitet jetzt regelmäßig in Wuppertal. "Manchmal läuft das ganz spontan, dann nimmt der Lieferant mich morgens direkt mit", sagt sie. Ihr macht es Spaß, in verschiedenen Betrieben mit verschiedenen Menschen zu arbeiten. "Ich lerne ungemein viel dadurch."

"Das hat sich alles wunderbar entwickelt"

21 Stunden in der Woche arbeitet Steffi in den beiden Betrieben, rund vier Stunden am Tag, inklusive samstags, wenn Bedarf besteht. Mittwochs ist Berufsschule. Seit 2005 gibt es die wenig bekannte Möglichkeit für junge Mütter und Väter, die Berufsausbildung in Teilzeit zu absolvieren. Die Ausbildungszeit verlängert sich dadurch nicht, aber die Ausbildungsvergütung, die über den gesamten Zeitraum von Elke Bach gezahlt wird, beträgt nur 75 Prozent des normalen Satzes. "In der Berufsschule waren einige neidisch, weil ich weniger arbeite", erzählt Steffi, aber mit ihrer vierjährigen Tochter hat sie nachmittags genug zu tun. "Manchmal sage ich: Ich kann eher bei der Arbeit abschalten als zu Hause", sagt sie grinsend. Ihre Leistungen in der Ausbildung scheinen darunter nicht zu leiden. In der Berufsschule bekommt sie reihenweise gute und sehr gute Noten.

Und auch Elke Bach ist hochzufrieden, dass sie sich von der jungen Frau hat überrumpeln lassen, wie sie sagt. Wenn es finanziell machbar ist, dann will sie Steffi unbedingt übernehmen. "Das hat sich alles wunderbar entwickelt", sagt sie. Morgen wollen sie den Laden umdekorieren. Nach Farben geordnet. Lila bekommt einen prominenten Platz. Direkt neben dem Eingang links.

Weitere Informationen

  • JOBSTARTER
    Der Artikel entstammt der Broschüre von JOBSTARTER "Verbundausbildung - vier Modelle für die Zukunft", Herzlichen Dank an das JOBSTARTER-Team für die Überlassung von Text und Bild!
 
 
 

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