14.08.2012

Raus aus dem Schonraum, rein in den ersten Arbeitsmarkt

Stuttgarter Inklusionsprojekt als Beispiel guter Praxis

von Petra Lippegaus-Grünau

Alle haben das gleiche und volle Recht auf individuelle Teilhabe. Das ist der Kerngehalt des schwierigen und doch so einfachen Begriffes "Inklusion". Das heißt auch: Alle jungen Menschen dürfen eine reguläre Berufsschule besuchen. Wie verändert ein solcher Anspruch die Berufsschule? - An vielen Standorten werden derzeit erste inklusive Bildungsangebote entwickelt. Ein Beispiel aus Stuttgart zeigt, wie fruchtbar die Zusammenarbeit zwischen Berufsschulen und Schulen für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung sein kann.

Expertenrunde im Landesinstitut  für Schulentwicklung in Stuttgart. Vertreter/innen verschiedener Bundesländer diskutieren die Umsetzung der Inklusion in der Berufsschule. Ein schwieriges Thema - ein Gestrüpp von Ansprüchen, Vorgaben und Vorstellungen, Ressourcenfragen und Zuständigkeiten. Wie es dennoch gehen kann, zeigt der Vortrag des gemischten Lehrkräfteteams aus der Kooperativen Berufsvorbereitung.

Die jungen Menschen auf den Bildern strahlen. Sie sind stolz und -  sie wirken irgendwie überrascht. Beides ist nachvollziehbar, sind sie doch dabei, den vorgezeichneten Weg zu verlassen, der traditionell von der Schule für Menschen mit geistiger Behinderung (Sonderschule G) in die Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) führt.

Der erste Arbeitsmarkt ist für die Schülerinnen und Schüler der Sonderschule G bislang so gut wie verschlossen. Aus Mangel an Alternativen setzen die allermeisten nach der Berufsschulstufe der Sonderschule ihren Lebensweg in Sondereinrichtungen fort. Diese schaffen es, Arbeit und Leben nach den Bedürfnissen der Menschen zu gestalten. Ein solcher Schonraum hat aber auch Kehrseiten: Menschen mit Behinderungen bleiben unter sich; Arbeit, oft auch Wohnen und Freizeit geschehen abgesondert von allen anderen. Vieles wird ihnen erleichtert oder für sie organisiert. Das nimmt ihnen gleichzeitig die Gelegenheit, externe Anforderungen zu erproben und daran über sich hinaus zu wachsen. Nicht zuletzt bleibt bei dem geringen Taschengeld der Werkstätten die Perspektive, irgendwann die eigene Existenz selbstständig abzusichern, für Menschen mit Behinderungen wie für ihre Eltern ein unerreichbarer Traum.

Inklusion: alle gehören zusammen

Die UN-Behindertenrechtskonvention, zu der sich Deutschland seit 2009 verpflichtet hat, stellt diese traditionellen Pfade immer mehr in Frage. Sie sieht alle Menschen als selbstverständliche Mitglieder ihrer jeweiligen Gemeinschaft und fordert deshalb, alle Sonderwege zu verlassen. Stattdessen soll jede/r uneingeschränkten Zugang zu allen Angeboten allgemeiner und beruflicher Bildung erhalten. Auch in diesen Regelsystemen sollen alle Menschen die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um ihre Persönlichkeit und ihre Begabungen voll zu entfalten.

Diese anspruchsvollen Ziele treiben derzeit vielen Verantwortlichen die Schweißperlen auf die Stirn. Jede/r hat das Recht auf eine ganz normale Ausbildung oder Arbeit? Wie soll das gehen? Die einen lassen sich von der Vision inspirieren, "Gedankengefängnisse" wie Normalität und Andersartigkeit zu sprengen und Bildung und Arbeit in Vielfalt neu zu denken. Die anderen zweifeln, ob man Menschen mit Behinderungen einen Gefallen tut, wenn man die Tore der Regeleinrichtungen öffnet, aber weit davon entfernt ist, ihnen eine angemessene Förderung zur Verfügung zu stellen.

Systeme öffnen: das Stuttgarter Modell

Dass es schrittweise gelingen kann, die Systeme zu öffnen, beweist das "Stuttgarter Modell" - und das schon seit einigen Jahren. Hier haben sich die Stuttgarter Sonderschulen für geistig Behinderte, für Körperbehinderte sowie weitere Förderschulen zusammengeschlossen, um gemeinsam übergreifende Projekt zu initiieren. Eines ihrer Ziele: die typische Behinderten-"Karriere" ihrer Schülerinnen und Schüler aufzubrechen und Wege in der ersten Arbeitsmarkt zu ebnen.

Das gelingt ihnen durch zwei aufeinander aufbauende Projekte, die an beruflichen Schulen stattfinden. BVE steht für Berufsvorbereitende Einrichtung und ist ein Angebot im Rahmen der Berufsschulstufe der Sonderschule. Ihr folgt an der Berufsschule die Kooperative berufliche Bildung und Vorbereitung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt (KoBV) als Gemeinschaftsprojekt zwischen Berufsschule und Sonderschule.

Wie das konkret aussieht, zeigt das Beispiel der Helene-Schoettle-Schule, einer Schule für Kinder und Jugendliche mit Geistiger Behinderung, die mit der Wilhelm-Maybach-Schule, einer Berufsschule, kooperiert. Das Projekt BVE spricht diejenigen an, die das klare Ziel haben: "Ich möchte einen Arbeitsplatz außerhalb der Werkstätten." Dieser Wunsch kommt von Schülerinnen und Schülern oder auch von deren Eltern, von "klassischen geistig Behinderten" wie von "Grenzgängern", so Michael Röck, Technischer Lehrer der Sonderschule. "Die Übergänge zu einer sozialen Behinderung sind oft fließend". Die Teilnehmenden werden ganz allmählich darauf vorbereitet, sich von der Stammschule zu lösen, sich an Arbeit zu orientieren und selbstständiger zu werden.

Das Projekt lehnt sich in der Organisation an das duale System der Ausbildung an. An zwei Pflichtschultagen besuchen die Teilnehmenden die Schule, an drei Tagen machen sie ein Praktikum, zunächst als Gruppenpraktika in Werkstätten, später kommen Einzelpraktika hinzu. Als Basis für den Weg in den Beruf wird die Selbstständigkeit trainiert, z. B. die Selbstversorgung im Bereich Essen und Wohnen sowie die Mobilität. Die jungen Menschen erhalten Gelegenheiten, ihren Horizont und ihr Weltbildung zu erweitern und gesellschaftliche Realität zu erleben. Unterstützt werden sie in dieser Phase vom Integrationsfachdienst. Das Ziel, sich von der Stammschule zu lösen, kann unterschiedlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Die BVE beginnt im 10. Schuljahr, etwa mit 15 oder 16 Jahren,  und kann bis zu drei  Jahre dauern - so lange, nämlich bis zum 12. Schuljahr einschließlich, dauert auch die Regelschulzeit an der Schule.

Der Hauptaspekt der Inklusion liegt auf einer Vermittlung auf den ersten Arbeitsmarkt, sprich einem inklusiven Arbeitsleben.

 

Für etwa ein Drittel erweist sich die Perspektive erster Arbeitsmarkt als realistische Option. Diese Gruppe schafft den Absprung aus dem Schonraum "Stammschule", orientiert sich in der Berufsvorbereitenden Einrichtung (BVE) durch Kurzzeitpraktika in verschiedensten Arbeitsbereichen und mündet in die zweite Stufe, die kooperative Berufsvorbereitung ein. Für die Schülerinnen und Schüler ist das ein gewaltiger Schritt. Sie müssen eine neue - riesengroße - Schule selbstständig erreichen. Zwar sind sie räumlich von den Berufsschülern getrennt (haben eigene Klassenzimmer), finden jedoch bei gemeinsamen praxisorientierten Unterrichts-Projekten im Bereich Kfz, Gießerei, Modellbau, etc. mit den Berufsschülern zusammen. Damit der inklusive Unterricht klappt, übernehmen diese Patenschaften für sie. Der Hauptaspekt der Inklusion liegt auf einer Vermittlung auf den ersten Arbeitsmarkt, sprich einem inklusiven Arbeitsleben.

Den Weg in den Arbeitsmarkt ebnen Projekte, die die Jugendlichen Schritt für Schritt in die Öffentlichkeit führen. So hat eine BVE-Klasse an der Helene-Schoettle-Schule einen Pausenverkauf organisiert. Jeden Dienstag bereiten die Jugendlichen Brötchen zu und verkaufen sie mit Getränken zu günstigen Preisen. Ein Geräteschuppen wurde entrümpelt und mit Theke und Kühlschränken ausgestattet. Werbeplakate wurden entworfen und ein Werbespot gedreht. Über eBay ersteigert die Klasse eine Registrierkasse und unterzeichnete schließlich einen Werbevertrag mit dem Schulradio. In einem anderen Projekt nahm eine BVE-Klasse am Wettbewerb "Jugend testet" der Stiftung Warentest mit einem Pizza-Test teil.

Um die Frage zu klären, welches Arbeitsfeld in Frage kommt, absolvieren die Schülerinnen und Schüler zunächst verschiedene Orientierungspraktika in einem "ganz normalen" Betrieb. Haben sich die Interessen und Fähigkeiten herauskristallisiert, folgt ein Dauerpraktikum an drei Tagen in der Woche und schließlich ein Belastungspraktikum mit einer 5-Tage-Woche. Die Projektdauer von 10 bis 18 Monaten richtet sich nach den Bedürfnissen der Teilnehmenden.

Im Projekt arbeiten Fachkräfte aus verschiedenen Einrichtungen mit unterschiedlichen Aufgaben zusammen. Unterricht erteilen die Berufsschullehrkräfte im Team mit den entsandten Lehrkräften der Sonderschule, die auch schon in der BVE mit den Schülerinnen und Schülern gearbeitet haben. Praktikumsstellen suchen sich die Schülerinnen und Schüler mit Unterstützung der Integrationsfachdienste und der Jobcoaches. Die Lehrkräfte der Sonderschule übernehmen auch die Förderung, die über den Unterricht hinausreicht, z. B. in der Freizeit und der Mobilitätsförderung.

Erster Arbeitsmarkt - eine realistische Option?

Arbeitgeber erweisen sich vor allem dann als offen für das Projekt, wenn sie schon gute Erfahrungen gemacht haben. Hier hat sich mit der Zeit ein Stamm von potenziellen Praktikumsbetrieben entwickelt. Beim Praktikum bleibt es in diesen Fällen  meistens nicht. Über 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler erreichen das Ziel und erhalten im Anschluss an das Projekt KoBV einen Arbeitsplatz am ersten Arbeitsmarkt. Zwar kommen nicht alle an, aber, so betont Michael Röck, auch für die anderen ist das Projekt eine Bereicherung. Sie haben eine Grundlage für eine eigene Entscheidung erarbeitet - und die kann auch lauten, dass sie sich in einem geschützten Bereich besser aufgehoben fühlen.

Alle, die von diesem Projekt berichten - sei es aus den beiden Schulen oder aus dem baden-württembergischen Kultusministerium - sind begeistert. Michael Röck berichtet rückblickend, dass er zunächst durchaus skeptisch war, aus der vertrauten Umgebung seiner Schule herauszugehen. Mittlerweile findet er es "absolut spannend", in diesem neuen Feld Pionierarbeit leisten zu können und zu sehen wie es die Menschen verändert. Damit meint er nicht nur die Schülerinnen und Schüler, die vielfach über sich hinauswachsen. Verändert haben sich auch Kollegien und Betriebsangehörige, die sich der neuen Idee öffnen und Tabus aufbrechen.

Ein wesentlicher Effekt des Projektes - da sind sich alle einig - liegt in der gesellschaftlichen Akzeptanz. Man ist froh darüber, in Stuttgart und darüber hinaus eine wichtige Diskussion angestoßen zu haben. Diese Diskussion trägt Früchte. Aufgrund der guten Erfahrungen ist nach Aussage des Kultusministeriums in Baden-Württemberg die landesweite Einführung der Projekte BVE und KoBV geplant.

Weitere Informationen

 
 
 

Kontakt

Logo der Helene-Schoettle-Schule

Michael Röck
Helene-Schoettle-Schule
Kolpingstraße 88
70378 Stuttgart

  • 0711 216-4670
 

Über die Autorin

Prof. Dr. Petra Lippegaus-Grünau lehrt an der Fachhochschule des Mittelstandes in Bielefeld. Zuvor war sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin des BIBB Projektsprecherin im Good Practice Center.

 

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