19.07.2018

Schnelle Reaktion, verlässliche Strukturen

Gute Praxis der Kommunalen Koordinierung in Bielefeld

Redaktion überaus

Wie klug gestaltete und professionell gesteuerte Kooperation zu Erfolgen beim Übergangsmanagement und zu einer gesteigerten Ausbildungsbeteiligung von Betrieben beitragen kann, zeigt dieser Praxisbericht. Das Bielefelder Jugendhaus wurde im Jahr 2007 zum Pionier in Sachen Kommunaler Koordinierung und begann ein immer komplexeres Netzwerk regionaler Partner zu knüpfen, das seitdem koordiniert auf Entwicklungen und Herausforderungen vor Ort reagiert.

Die Unterstützung von jungen Menschen beim Übergang von der Schule in den Beruf steht in der Stadt Bielefeld seit vielen Jahren ganz oben auf der Agenda. Im Jahr 2007 wurde das Bielefelder Jugendhaus gegründet, in das die Jugendberufshilfe der Stadt Bielefeld bei der Regionalen Personalentwicklungsgesellschaft mbH (REGE) und das Jobcenter Arbeit plus in Bielefeld einzogen. Für die gemeinsame Arbeit wurde ein eigenes Konzept entwickelt, "Jugend in Beruf und Job" (JiB und JOB), mit dem seit 2007 gearbeitet wird. "Mit der Idee, Jugendliche aus einer Hand an einem Ort zu beraten und zu unterstützen, waren wir in Bielefeld Pioniere der Entwicklung. Hier haben wir schon durch gute Zusammenarbeit den Grundstein für die erfolgreiche Weiterentwicklung gelegt", erinnert sich Rainer Radloff, Geschäftsführer des Jobcenters Arbeit plus in Bielefeld.

Kooperation für einen erfolgreichen Übergang - Jugendhaus und Jugendbeirat

Klaus Siegeroth (REGE mbH) moderiert den Unternehmensabend 2017, Bild: REGE mbH

Um die Arbeit des Bielefelder Jugendhauses strategisch zu flankieren, wurde 2007 der Jugendbeirat der Stadt Bielefeld ins Leben gerufen, in dem alle relevanten Partner für den Übergang Schule-Beruf für die Stadt Bielefeld auf Geschäftsführungs- oder Leitungsebene vertreten sind. Bis heute ist diese Besetzung des Beirats ein Erfolgsfaktor für innovative Impulse und kurze Entscheidungswege. "Ein Schwerpunkt der gemeinsamen Arbeit lag dabei von Anfang an auf der Begleitung von jungen, am Ausbildungsmarkt benachteiligten Menschen bei der Vermittlung in das duale System", resümiert Klaus Siegeroth, Geschäftsführer der REGE mbH, einer hundertprozentigen Tochter der Stadt Bielefeld.

2009 kam die Agentur für Arbeit als virtueller Partner des Bielefelder Jugendhauses über das Arbeitsbündnis "Ausbildung und Beruf" hinzu. Die gute Kooperation, die sich in den folgenden Jahren zwischen den Akteuren entwickelte, führte zu einer abgestimmten Entwicklung und Umsetzung von Angeboten für benachteiligte Jugendliche. Die Partner waren sich einig, dass ein alleiniger Fokus auf Integration nicht ausreicht. Entsprechend wurde gemeinsam mit den Bildungsträgern der Stadt ein umfangreiches Angebot von unterstützenden präventiven Maßnahmen zur beruflichen Orientierung und Berufswegeplanung für alle Jugendlichen ab Klasse 9 entwickelt. Aus Mitteln der Jugendberufshilfe wurde ein Übergangsmanagement installiert, das in Ergänzung zur Berufsberatung der Agentur für Arbeit Jugendliche mit Unterstützungsbedarf an allen Haupt- und Gesamtschulen und ausgewählten Realschulen im Prozess der beruflichen Orientierung begleitet.

"Ein Schwerpunkt der gemeinsamen Arbeit lag dabei von Anfang an auf der Begleitung von jungen, am Ausbildungsmarkt benachteiligten Menschen bei der Vermittlung in das duale System." – Klaus Siegeroth, Geschäftsführer der Regionalen Personalentwicklungsgesellschaft (REGE)

 

NRW-Referenzkommune für "Kein Abschluss ohne Anschluss"

2011 bewarb sich die Stadt Bielefeld als Referenzkommune zur Umsetzung des NRW-Landesvorhabens "Kein Abschluss ohne Anschluss". "Bielefeld hatte ja bereits sehr gute Erfahrungen mit abgestimmten Angeboten zur beruflichen Orientierung gemacht und deshalb großes Interesse daran, diese Erfahrungen auf die gesamte Stadt und alle Schulen auszuweiten", so Ingo Nürnberger, Sozialdezernent der Stadt Bielefeld.

2012 wurde die Stadt gemeinsam mit sechs weiteren Standorten in NRW zur Förderung ausgewählt. Seit 2013 koordiniert die mit vier Personalstellen ausgestattete Kommunale Koordinierungsstelle die Umsetzung des Landesvorhabens und der einzelnen Standardelemente in Schulen. Gemeinsam mit der Bezirksregierung und im engen Austausch mit dem Arbeits- und Schulministerium werden Lösungen für die Praxis erarbeitet und erprobt – zum Beispiel zur Optimierung der schulischen Curricula zur Berufsorientierung, der Berufswegeplanung an Berufskollegs oder zur Elternarbeit im Quartier. Gleichzeitig wird das bestehende gute Netzwerk der Partnerinnen und Partner zur Zusammenarbeit im Übergang Schule-Beruf in Bielefeld kontinuierlich um engagierte Akteure erweitert.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor bei der Umsetzung neuer Instrumente, wie etwa der Berufsfelderkundung in Klasse 8, war und ist die enge Begleitung und der Austausch mit den beteiligten Schulen. Zur Abstimmung mit den Studien- und Berufswahlkoordinatoren wurden für jede Schulform eigene Arbeitskreise gegründet, in denen Beispiele guter Praxis vorgestellt und Hilfestellungen für die Umsetzung im schulischen Alltag entwickelt werden. Die Beteiligung an den Arbeitskreisen ist auch vier Jahre nach der Einführung von "Kein Abschluss ohne Anschluss" noch hoch, so dass sie kontinuierlich weitergeführt werden.

Erster Bielefelder Ausbildungsgipfel im Atrium der Firma Goldbeck, Bild: REGE mbH

Nachdem mit den Standardelementen der Berufsorientierung in der Sekundarstufe 1 eine gute Basis gelegt wurde, konnte das Themenspektrum der Kommunalen Koordinierung sukzessive erweitert werden. Eine engere Kooperation mit den Hochschulen am Standort Bielefeld, die Verbesserung der Hochschulzugänge von Jugendlichen aus bildungsferneren Familien und die Kooperation mit dem zdi-Zentrum experiMINT zur Nachwuchsförderung im MINT-Bereich sind hier aktuelle Handlungsschwerpunkte.

Der Jugendbeirat der Stadt Bielefeld begleitet die Kommunale Koordinierungsstelle als Steuerungsgremium und berät sie auch in strategischen Fragen. Hier werden wichtige kommunale Herausforderungen aufgegriffen und durchaus auch einmal kontrovers zwischen den Akteuren diskutiert. Gemeinsam werden neue regionale Initiativen angestoßen und in verbindlicher Anstrengung umgesetzt.

"Vom Jugendbeirat der Stadt Bielefeld wurde die Kommunale Koordinierung von Anfang an sehr unterstützt. Und was für uns wichtig ist: relevante Themen und aktuelle Herausforderungen werden von Geschäftsführungen und Leitungen zur Chefsache gemacht", konstatiert Claudia Hilse, Leitung der Kommunalen Koordinierung der Stadt Bielefeld. So konnte 2015 ein regionales Bausteinangebot zur beruflichen Orientierung von jungen Neuzugewanderten auf den Weg gebracht werden. Für die vielen jungen Geflüchteten mit hoher Motivation, aber sprachlichen Defiziten, wurde das Instrument der Einstiegsqualifizierung von den regionalen Akteuren zum Modell "Einstiegsqualifizierung plus Sprache" weiterentwickelt. Die fehlenden finanziellen Mittel stellte 2016 und 2017 die IHK Ostwestfalen zu Bielefeld zur Verfügung.

"Vom Jugendbeirat der Stadt Bielefeld wurde die Kommunale Koordinierung von Anfang an sehr unterstützt. Und was für uns wichtig ist: relevante Themen und aktuelle Herausforderungen werden von Geschäftsführungen und Leitungen zur Chefsache gemacht." – Claudia Hilse, Leiterin der Kommunalen Koordinierung der Stadt Bielefeld

 

Die Pilotphase der Umsetzung von "Kein Abschluss ohne Anschluss“ wurde in Bielefeld erfolgreich abgeschlossen. Nachdem die Mindeststandards der beruflichen Orientierung an allen Schulen etabliert sind, richtet sich das Augenmerk in den letzten Jahren auf die kontinuierliche Verbesserung der Qualität der beruflichen Orientierung und des beruflichen Übergangs sowie auf wichtige Zukunftsthemen wie die Veränderungen durch die Digitalisierung und eine zielgerichtete Nachwuchsförderung in der Stadt Bielefeld für alle Jugendlichen.

Kommunale Koordinierung als Partner der Jugendberufsagentur

Bereits 2015 wurde von den Akteuren der Stadt Bielefeld auf der Grundlage der guten Kooperation die Einrichtung einer Jugendberufsagentur Bielefeld beschlossen und ein Investor für den Bau einer Jugendberufsagentur gefunden. Zum Januar 2018 konnte das Gebäude dann von der Agentur für Arbeit, dem Jobcenter Arbeit plus in Bielefeld, der Stadt Bielefeld und der REGE mbH bezogen werden. Gebündelt finden Jugendliche aus Bielefeld hier alle Informationen und Ansprechpartner zum Thema Übergang Schule-Beruf an einem Standort.

Gleichzeitig wurde in inhaltlichen Arbeitsgruppen die weitere Verzahnung der unterschiedlichen Rechtskreise miteinander diskutiert, vorbereitet und verbindlich dokumentiert. Ziel war es, im Rahmen der Jugendberufsagentur zukünftig gemeinsam aufzutreten, die Bedarfs- und Maßnahmeplanung für junge Menschen weiter zu optimieren und jedem Jugendlichen ein passendes Angebot machen zu können.

Die Kommunale Koordinierung ist strategischer Partner der Jugendberufsagentur und war in den Prozess der Entwicklung der Strukturen und Inhalte von Anfang an mit eingebunden. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf den Schnittstellen und Angeboten im schulischen Kontext. Aber auch bei der Entwicklung zum Beispiel der Aufgaben für die berufliche Integration von jungen Geflüchteten und der Attraktivität der dualen Ausbildung wurde und wird eng kooperiert.

Grundlage der Steuerung: Bildungscontrolling

Eine wichtige Grundlage zur kontinuierlichen Verbesserung des Übergangs Schule-Beruf für junge Menschen in der Stadt Bielefeld, für die Steuerung durch den Jugendbeirat und die Umsetzung der Arbeitsfelder der Kommunalen Koordinierung ist das Bildungscontrolling. Es wird von der Kommunalen Koordinierung und den Akteuren der Jugendberufsagentur jeweils zum Stichtag 30. September dokumentiert und anschließend dem Jugendbeirat, den Schulleitungen und den politischen Gremien der Stadt Bielefeld vorgestellt.

Das Bildungscontrolling umfasst die Übergänge der Schulabgänger und -abgängerinnen des jeweiligen Schuljahres der Haupt-, Gesamt-, Real- und Förderschulen. Zur Erfassung der Statistik wurden Kooperationsvereinbarungen mit dem Schulamt der Stadt Bielefeld und den einzelnen Schulen geschlossen. Die Daten werden ergänzt durch eine schriftliche und telefonische Abfrage zum Verbleib aller Schülerinnen und Schülern bis zu ihrem zweiten Jahr nach Verlassen der Regelschule. Die Auswertung der Daten erfolgt standardisiert nach Geschlecht, Migrationshintergrund und Schulform und wird bei Bedarf durch Einzelanalysen vertieft.

Ergänzt wird die Analyse der Daten durch die Auswertungen der strategischen Partner im Jugendbeirat, insbesondere durch die Agentur für Arbeit, das Jobcenter Arbeit plus in Bielefeld, die Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld und die Handwerkskammer OWL. Die gesammelten Daten werden außerdem mit weiteren verfügbaren Daten aus der Stadt abgeglichen, wie etwa dem Lernreport Bielefeld. Die so erhobenen aktuellen Statistiken zum Übergang Schule-Beruf für die Stadt Bielefeld dienen dem Jugendbeirat als Diskussions- und Steuerungsgrundlage für das darauffolgende Jahr. "Eine gemeinsame Datenlage ist wichtig, um wirkungsvoll handeln zu können – und schnell gemeinsam auf neue Entwicklungen zu reagieren", betont Thomas Richter, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bielefeld.

"Eine gemeinsame Datenlage ist wichtig, um wirkungsvoll handeln zu können – und schnell gemeinsam auf neue Entwicklungen zu reagieren." – Thomas Richter, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bielefeld

 

So führte zum Beispiel die konstant hohe Zahl von jungen Migrantinnen und Migranten, die die Schule ohne Ausbildungsplatz verließen und ins Übergangssystem einmündeten, zur Antragstellung einer KAUSA-Servicestelle für die Stadt Bielefeld durch die REGE mbH. Auf der Grundlage der sehr heterogenen Ergebnisse im Übergang Schule-Beruf in einzelnen Sozialräumen wurden spezifische Angebote der beruflichen Orientierung und Integration für ausgewählte Stadtteile entwickelt und umgesetzt.

Zu wenig duale Ausbildung: Initiative Bielefelder Ausbildungsoffensive

Nach Vorstellung des Bildungscontrollings im Jugendbeirat wurde im Jahr 2014 deutlich, dass die Zeichen für die duale Ausbildung in der Stadt Bielefeld die Alarmstufe rot erreicht hatten. Über fünf Jahre hinweg war die Zahl der angebotenen Ausbildungsstellen in der Stadt Bielefeld kontinuierlich gesunken. Nun kamen auf 100 ausbildungsplatzsuchende Jugendliche nur noch 65 Ausbildungsplätze.

Das hatte auch auf die Berufswahlentscheidung der Schülerinnen und Schüler deutliche Auswirkungen - und zugleich auch auf die Wahrnehmung der dualen Ausbildung als attraktive Alternative zur weiterführenden Schule. Der Anteil der Realschülerinnen und Realschüler, die sich zu einem weiterführenden Schulbesuch entschieden, stieg bis 2014 auf 67 Prozent. Gleichzeitig mündeten immer mehr Hauptschülerinnen und Hauptschüler trotz Ausbildungsinteresse ins Übergangssystem ein.

Der Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld, Pit Clausen, rief vor diesem Hintergrund die Bielefelder Ausbildungsoffensive ins Leben. Ihr Ziel: In vier Jahren sollte die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze in der Stadt Bielefeld wieder deutlich steigen. Beauftragt mit der Organisation und Koordination wurden die REGE mbH mit der Kommunalen Koordinierung und die Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft der Stadt Bielefeld. Ein Glücksfall für die Umsetzung einer solchen Aufgabe, denn so saßen die Jugend- und Wirtschaftsexpertise schon bei der Planung immer an einem Tisch.

"Wir sind dabei!": Erster Bielefelder Ausbildungsgipfel

Logo zur Vervollständigung bitte anklicken

Als Schirmherr für die Bielefelder Ausbildungsoffensive konnte der bekannte Bielefelder Unternehmer und ehemalige IHK-Präsident Ortwin Goldbeck gewonnen werden, der sich schon seit Jahren für die Ausbildung von benachteiligten Jugendlichen engagierte. Er stellte für den ersten Bielefelder Ausbildungsgipfel direkt ganz pragmatisch seine Werkshalle als Veranstaltungsort zur Verfügung. Ein Beispiel, dem später auch noch andere Unternehmen folgen sollten.

Um die Bielefelder Ausbildungsoffensive auf eine möglichst konkrete Basis zu stellen, wurden im Sommer 2014 mit über 50 Unternehmen und wirtschaftspolitischen Expertinnen und Experten Branchengespräche geführt. Mit ihnen wurde in kleinen Gesprächsrunden die Frage diskutiert, was passieren muss, damit wieder mehr Unternehmen ausbilden. Dabei wurde deutlich, dass die Nachwuchssorgen in den Betrieben und Branchen nicht immer dieselben waren. "Die Problemlagen waren sehr heterogen", bilanziert Brigitte Meier, Prokuristin der Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft der Stadt Bielefeld die Ergebnisse, "Die IT-Wirtschaft zum Beispiel ist attraktiv für Auszubildende, konkurriert aber mit großen Metropolregionen um den Nachwuchs. Andere Berufe haben deutliche Imageprobleme und aufgrund fehlender Bewerberinnen und Bewerber ihre Ausbildung reduziert oder eingestellt."

Die in den Expertenrunden erarbeiteten Ergebnisse wurden auf dem ersten Bielefelder Ausbildungsgipfel einem breiten Publikum vorgestellt. 240 Vertreterinnen und Vertreter der Unternehmen, Kammern und Schulen sowie aus Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik nutzten dort die Möglichkeit, die Vorschläge der Unternehmen auf ihre Relevanz und Praxistauglichkeit hin zu bewerten. Dieser Bottom-up-Prozess gefiel auch vielen Betrieben. Bereits direkt nach dem ersten Ausbildungsgipfel unterschrieben viele Unternehmen die Deklaration, die zur Bielefelder Ausbildungsoffensive entwickelt worden war und bekannten so: "Wir sind dabei!"

Handlungsprogramm der Ausbildungsoffensive 2015 - 2017

Aus den priorisierten Vorschlägen zur Steigerung der dualen Ausbildung entwickelten die REGE mbH und die WEGE mbH gemeinsam mit der Kommunalen Koordinierung ein Handlungsprogramm. Sehr schnell kristallisierten sich dabei vier Handlungsziele heraus:

  • Betriebe frühzeitig kennenlernen
  • Stärken der dualen Ausbildung zeigen
  • Nachwuchssicherung von Unternehmen unterstützen
  • Ausbildungsabbrüche und Vertragslösungen verringern – Neustart begleiten

Die wichtigsten quantitativen Eckpunkte bis 2017 wurden gemeinsam mit den fünf strategischen Hauptakteuren festgelegt – der Agentur für Arbeit, dem Jobcenter Arbeit plus in Bielefeld, der IHK Ostwestfalen zu Bielefeld, der HWK Ostwestfalen-Lippe und dem DGB.

Dann begann ein entscheidender Prozess, der die Bielefelder Ausbildungsoffensive rückblickend erst tragfähig machte: Jedes Handlungsziel wurde mit konkreten Maßnahmen verknüpft, die Umsetzung der Maßnahmen auf viele Schultern verteilt. Alle strategischen Partnerinnen und Partner verpflichteten sich, einzelne Maßnahmen hauptverantwortlich und mit verbindlichen quantitativen Indikatoren umzusetzen. Über die Erfolge und Probleme der Projekte wurde der Jugendbeirat der Stadt Bielefeld regelmäßig unterrichtet. 

Die Zusammenarbeit im Rahmen der Bielefelder Ausbildungsoffensive zeigte deutliche Erfolge. So starteten die IHK und die Agentur für Arbeit eine konzertierte Aktion zur Ansprache von Unternehmen, die längere Zeit nicht mehr ausgebildet hatten. 350 Unternehmen wurden von 2015 bis 2017 angesprochen, 83 zeigten Interesse an der Wiederaufnahme der Ausbildung. IHK und HWK organisierten gemeinsam mit der Kommunalen Koordinierung "Tage der offenen Ausbildungstür" in Unternehmen. Auszubildende berichteten als Ausbildungsbotschafterinnen und -botschafter in Schulen von ihren Berufen und beruflichen Erfahrungen.

75 Akteure, darunter 41 Unternehmen, hatten die Deklaration zur Ausbildungsoffensive unterzeichnet. Interessierte Unternehmen konnten sich ganz gezielt an einzelnen Aktionen beteiligen, sich als Expertinnen und Experten für die Umsetzung zur Verfügung stellen und sich kontinuierlich über den Fortschritt der Ausbildungsoffensive informieren.

"Sehr attraktiver Ort für Jugendliche": Bielefeld, Bild: Jörg Rautenberg / fotolia

Das gemeinsame Vorgehen stärkte nicht nur die Vernetzung, es zog auch weitere kreative Ideen nach sich. So ergab eine Detailanalyse der Agentur für Arbeit, dass die Stadt Bielefeld ein sehr attraktiver Ort für Jugendliche aus dem Umland ist. Fast 1.000 Jugendliche mehr pendeln aus angrenzenden Kreisen für die Ausbildung in die Stadt ein als aus ihr auspendeln. Ein Vorteil für die Bielefelder Unternehmen bei der Suche nach Auszubildenden, aber ein deutlicher Nachteil für schwächere Bielefelder Jugendliche im Bewerbungsverfahren. Hier helfen Mobilitätshilfen und Mobilitätstraining das Umland als Ausbildungsort attraktiver zu machen.

Schon 2015 konnte der Abwärtstrend in der dualen Ausbildung gestoppt werden. Auch ein zweiter Bielefelder Ausbildungsgipfel mit dem Schwerpunkt "Junge Geflüchtete" traf auf sehr großes Interesse bei der Wirtschaft. Die engere Kooperation der unterschiedlichen Institutionen hatte zudem auch positive Auswirkungen auf andere Arbeitsfelder – beispielsweise auf die Zusammenarbeit bei der Entwicklung einer Jugendberufsagentur für Bielefeld.

Aber nicht alle Maßnahmen, die die betrieblichen Expertinnen und Experten vorgeschlagen hatten, wurden auch von anderen Unternehmen aufgegriffen. Und die Zahl der Ausbildungsplätze stieg zunächst deutlich langsamer als erwartet. 2016 kamen immer noch nur 76 Ausbildungsplätze auf 100 ausbildungsplatzsuchende Jugendliche.

Regionale Studie: "Erfolgsfaktoren junger Menschen beim Übergang in Ausbildung"

Gemeinsam entschieden deshalb die Akteure im Jugendbeirat, die Ausbildungsoffensive in einem zweiten Schritt um die Perspektive der Jugendlichen zu erweitern und junge Auszubildende zu befragen, wie ihnen der erfolgreiche Übergang in die Ausbildung gelungen ist.

2017 führte die Kommunale Koordinierung der Stadt Bielefeld gemeinsam mit dem SOKO Institut die Befragung "Erfolgsfaktoren junger Menschen beim Übergang in Ausbildung" durch. 860 Jugendliche im ersten Ausbildungsjahr stellten sich für die Studie zur Verfügung. Gefragt wurde unter anderem nach der Unterstützung bei der Berufswahl, nach dem Einstieg in die Ausbildung und die Zufriedenheit mit dem gewählten Ausbildungsberuf. Die Ergebnisse bestätigten einige Erfahrungswerte, machten aber auch regionalen Handlungsbedarf für die Zukunft deutlich. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Junge Menschen, deren Eltern über eine beruflich erfolgreiche Biografie und ein berufliches Netzwerk verfügen, haben in der Stadt Bielefeld deutlich bessere Chancen, ohne große Anstrengungen einen Ausbildungsplatz zu finden. Benachteiligt sind in diesem Kontext insbesondere Jugendliche aus bildungsferneren Familien und junge Frauen und Männer von Hauptschulen, die versuchen, fehlende Kontakte über Praktika und Internetrecherchen zu kompensieren.
  • Der Ausbildungsstart liegt für die meisten Jugendlichen vergleichsweise spät nach Verlassen der Regelschule. 64 Prozent der Auszubildenden waren im ersten Ausbildungsjahr über 20 Jahre alt. Gut die Hälfte bewertet dabei die Zwischenstationen auf dem Weg in die Ausbildung als positiv und selbst gewollt.
  • Jugendliche wünschen sich mehr persönliche Unterstützung bei der Berufswahl. 85 Prozent wünschten sich eine Unterstützung bei der Berufswahl durch ihr Umfeld. 56 Prozent wurden von ihren Eltern beraten und 49 Prozent von ihren Freunden und Bekannten unterstützt. Die Schule landete dabei in der Wahrnehmung der Jugendlichen auf dem letzten Platz – nur 24 Prozent gaben an, von ihren Lehrerinnen und Lehrern bei der Berufswahl beraten worden zu sein.
  • Die Jugendlichen sind im Schwerpunkt mit ihrer Ausbildung zufrieden. 78 Prozent sich haben ihren Ausbildungsberuf so vorgestellt wie sie ihn jetzt in der Praxis erleben. Die Ergebnisse unterscheiden sich in einzelnen Branchen erheblich.
  • Wichtige Kriterien für die Wahl eines Ausbildungsberufes sind für die Jugendlichen ein sicherer Arbeitsplatz und Aufstiegsmöglichkeiten, wichtige Kriterien zur Bewertung des Ausbildungsbetriebs sind das Betriebsklima und der Abwechslungsreichtum der Tätigkeiten.
  • Unerwartet war das Ergebnis der hohen Selbstwirksamkeit und Lebenszufriedenheit der jungen Auszubildenden. 85 Prozent bewerteten ihre Lebenssituation als positiv oder ausgesprochen positiv. Nur der Einzelwert der finanziellen Situation wurde deutlich schlechter bewertet.

Strategien für die Zukunft

Die Ergebnisse der Studie wurden den Branchen und Innungen vorgestellt und mit ihnen diskutiert. Aus der Studie wurden Handlungsempfehlungen abgeleitet, die in der zweiten Phase der Bielefelder Ausbildungsoffensive sukzessive umgesetzt werden sollen. Im Fokus stehen hier zum Beispiel die weitere Verbesserung des Berufemarketings in einzelnen Branchen, mehr Kontakte zwischen Unternehmen und Jugendlichen aus bildungsferneren Familien sowie die Verstärkung der Unterstützung bei der Berufswahl durch das Umfeld der jungen Menschen.

Zum 1. Januar 2018 hat die Jugendberufsagentur Bielefeld, die in ein gemeinsames Gebäude eingezogen ist, die Bielefelder Ausbildungsoffensive übernommen und führt sie unter Einbezug der Kommunalen Koordinierung fort. Ein erster pragmatischer Schritt im Rahmen der Jugendberufsagentur war die Gründung eines gemeinsamen interdisziplinären Teams zur bewerberorientierten Ausbildungsstellenvermittlung für die Stadt Bielefeld. Gemeinsam haben alle vier Partner sich zudem auf das Bielefelder Ausbildungsplatzversprechen verständigt.

Unternehmen, die bis zum 31. Januar des jeweiligen Jahres einen Ausbildungsplatz zur Besetzung melden, werden mindestens drei geeignete Bewerberinnen oder Bewerber mit einem mittleren Abschluss vorgeschlagen.

Auch der Rat der Stadt Bielefeld unterstützt die Bielefelder Ausbildungsoffensive zukünftig weiter. Für Betriebe, die erstmalig oder nach längerer Zeit wieder ausbilden, wird in 2018 und 2019 pro Ausbildungsmonat ein Ausbildungsbonus von 100 Euro zur Verfügung gestellt.

Aktuell stehen in Bielefeld für 100 ausbildungsplatzsuchende Jugendliche 84 Ausbildungsplätze zur Verfügung. Das kann man als einen deutlichen Erfolg werten – und als Beweis dafür, dass Netzwerkarbeit sehr konkrete Erfolge bringen kann.

Weitere Informationen

  • www.rege-mbh.de
    Die REGE mbH ist eine hundertprozentige Tochter der Stadt Bielefeld, die sich seit 1992 und mit mittlerweile mehr als 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern um die kommunale Arbeitsmarktpolitik kümmert.
  • www.gib.nrw.de/service
    Hinter diesem Link versteckt sich der G.I.B.INFO-Artikel "Oberstes Ziel: eine ausgeglichene Ausbildungsbilanz" (Heft 2/2018) zur Bielefelder Ausbildungsoffensive.
  • www.gib.nrw.de/themen
    Am Ende der Webseite finden Sie eine Sammlung an Fachartikeln zur Arbeit der Kommunalen Koordinierungsstellen.
 
 
 

Schlagwörter

 

Ansprechpartnerin

Claudia Hilse ist Leiterin der Kommunalen Koordinierung – Bereich Jugend – in Bielefeld

 

Dossier

Übergangsmanagement

Ein regional gesteuertes Übergangsmanagement soll flexibel und verlässlich sein und bisherige Einzelmaßnahmen zusammenführen.

 

Gute Praxis

Wie gelingt Kommunale Koordinierung?

Praxisbericht am Beispiel der Integration Neuzugewanderter in Stuttgart.