10.03.2026 | Redaktion | BIBB

Resilienz statt Stabilität

BIBB-Präsident Esser fordert neues Leitprinzip für die Berufsbildung

Der demografische Wandel, der zunehmende Fachkräftemangel und die Künstliche Intelligenz setzen das deutsche Berufsbildungssystem unter einen hohen Anpassungsdruck. BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser fordert deshalb in einem Beitrag für Bildung.Table ein neues Leitprinzip für die berufliche Bildung. Bisher sei das Berufsbildungssystem auf Stabilität ausgerichtet – dieses Prinzip müsse nun durch eine resiliente, lernfähige Steuerung ersetzt werden, die es ermögliche, Veränderungen kontinuierlich zu erfassen und zeitnah in Ordnungspolitik und Förderinstrumente zu übersetzen.

Bild: Nicole Lienemann/Adobe Stock

Deutschland steht aus Sicht des BIBB-Präsidenten an einem bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Wendepunkt: "Demografischer Wandel, Fachkräftemangel und eine technologische Dynamik, die Lehr-, Lern- und Arbeitsprozesse in rasanter Geschwindigkeit verändern, treffen auf ein Berufsbildungssystem, das in zentralen Teilen noch immer auf Stabilität und Planbarkeit ausgerichtet ist." Gleichzeitig bleibe ein wachsender Teil der jungen Generation abgehängt. Rund drei Millionen Erwachsene unter 35 Jahren verfügten über keinen Berufsabschluss, etwa 250.000 Jugendliche verharrten im Übergangssystem zwischen Schule und Ausbildung. "Unter diesen Bedingungen ist ein 'Weiter so' keine Option für unser Land", so Esser.

Besonders deutlich werde der Anpassungsdruck durch den Aufstieg der Künstlichen Intelligenz, die nicht einzelne Berufe oder Tätigkeiten verändere, sondern quer durch Branchen, Qualifikationsniveaus und Berufsprofile Wirkung entfalte. Die Konsequenz sei grundsätzlicher Natur: "Berufsbildungspolitik darf nicht länger als periodische Neuordnungsaufgabe verstanden werden, sondern muss sich als dauerhaft angelegte Gestaltungs- und Anpassungspolitik begreifen." Das Berufsbildungssystem müsse deshalb auf modularisierte Qualifikationsstrukturen, lernfähige Steuerung und starke überfachliche Kompetenzen setzen – all dies nicht als Reformdetails, sondern als Voraussetzungen für Zukunftsfähigkeit.

Überfachliche Kompetenzen wie Problemlösefähigkeit, Lernkompetenz, digitale Souveränität und berufliche Identitätsflexibilität sind aus Essers Sicht tragende Elemente für ein zukunftsfähiges Berufsbildungssystem. Wichtig sei eine lebensphasenübergreifende Qualifikationsarchitektur mit durchlässigen Anerkennungs- und Zertifizierungsstrukturen. Wo Marktmechanismen strukturell überfordert seien, müsse Politik Verantwortung übernehmen: "Es ist an der Zeit, Resilienz als politisches Leitprinzip in der Berufsbildung anzuerkennen – und die maßgeblichen berufsbildungspolitischen Akteure müssen diese Resilienz in konkretes, nachhaltiges Handeln umsetzen."

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