31.01.2013

Missions Locales

Die Gestaltung der Übergänge in Frankreich

von Petra Lippegaus-Grünau

Hürden am Übergang Schule - Beruf werden in Deutschland noch häufig als Problem spezifischer Zielgruppen verstanden, die über Wege wie "fördern und fordern" zur "Ausbildungsreife" gelangen sollen. Die Nachbarn jenseits der französischen Grenze gehen das Problem umfassender an. Das flächendeckend etablierte Programm "Mission Locale" zeigt, wie sich vieles von dem umsetzen lässt, was aktuell die deutschen Debatten prägt: lokale Verantwortung und kommunale Vernetzung, Bürgernähe und ganzheitliche Beratung.

Die Situation in Frankreich

Wir kennen die Bilder aus den banlieues, den Vorstädten, aus den Medien. Zornige Jugendliche, brennende Autos und erbitterte Straßenkämpfe, die auch ein Folge von Perspektivlosigkeit und Arbeitslosigkeit junger Erwachsener in diesen Stadtvierteln sind. In bestimmten Stadtteilen erreicht die Quote der jungen Arbeitslosen 43 Prozent, besonders betroffen sind junge Zuwanderer/innen. Insgesamt bleibt derzeit fast ein Viertel der französischen jungen Leute unter 25 Jahren ohne Arbeit. Ihre Quote liegt noch über dem europäischen Durchschnitt und ist mehr als doppelt so hoch wie die der Erwachsenen. 25 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, das bedeutet: Praktisch in jeder französischen Familie erlebt man den Übergang Schule - Beruf als problematisch.

Junge Französinnen und Franzosen, die ohne Arbeit bleiben, leiden unter einer Reihe  miteinander verwobener Probleme. Ihr Qualifikationsniveau ist zu gering, jedes Jahr bleiben 150.000 bis 200.000 Jugendliche ohne Schul- und Berufsabschluss. Ohne Diplom wechseln sich Phasen von Arbeitslosigkeit und Arbeit ab, junge Menschen ohne Qualifikation brauchen rund vier oder fünf Jahre, um eine stabile Beschäftigung zu finden. Während in Deutschland das duale System vorherrscht, wirkt sich in Frankreich die Trennung von Bildung und Wirtschaft negativ aus - nur 25 Prozent der angehenden Fachkräfte in Frankreich arbeiten während ihrer Ausbildung. Aber auch Jugendliche mit Abitur haben Schwierigkeiten und müssen vielfach Phasen von Arbeitslosigkeit durchmachen.

Das Problem vor Ort angehen

Das Problem der Jugendarbeitslosigkeit nimmt in Frankreich seit den 1990er Jahren zu - aber es ist kein neues Phänomen. Bereits 1981 untersuchte der große französische Pädagoge Bertrand Schwartz die berufliche und soziale Situation der Jugend in Frankreich für die neue französische Regierung. Auf seinen Bericht baute er 1982 das pädagogische Konzept für kommunale Einrichtungen zur Unterstützung benachteiligter Jugendlicher (Mission Locale) auf, das Diskriminierung überwinden und Integration erreichen sollte.

Bild: Mission Locale des Bords de Marne

Einen Orientierungsrahmen für die neuen Strukturen bot die Frage: "Wer hat das Integrationsproblem - die Jugend oder die Gesellschaft?" Das französische Konzept nimmt gesellschaftliche Akteure in die Verantwortung. Dazu werden überall in Frankreich regionale Schlüsselpersonen wie Bürgermeister/innen und gewählte Vertreter/innen in einem Verwaltungsrat versammelt und lokale Partnerschaften z. B. mit privaten und öffentlichen Arbeitgebern mobilisiert. Die lokal Handelnden übernehmen die Verantwortung für das Problem der Jugendarbeitslosigkeit - nicht der Staat, der zentral und weit weg ist. Die Politiker/innen im Verwaltungsrat beschäftigen sich mit den Bedarfen vor Ort, von ihnen gehen Initiativen zur Verbesserung der Strukturen aus. Das Informationssystem der Mission Locale liefert Daten über die Bedürfnisse der Jugendlichen des Landkreises, über die Hindernisse, die sie auf ihrem Weg zur Integration vorfinden. Diese Daten bilden eine Grundlage für politische Ziele und für Schwerpunkte der Gespräche mit Partnern und Finanzgebern. Als Ergebnis entstehen Arbeitsplätze, Kurse, Wohnmöglichkeiten - je nach Bedarf.

Um dieses breite Spektrum abzudecken, ist die Vernetzung vieler Partner und Ebenen nötig. Mit dem Ansatz der Missions Locales gelingt es, die unterschiedlichen Zuständigkeiten und Ebenen unter einen Hut zu bringen: In Frankreich ist der Staat für Arbeit zuständig, die Region für Bildung und Ausbildung und das Department für Sozialhilfe. Der Staat unterstützt das Netzwerk finanziell durch ein nationales Programm an. Die Region zahlt die Hälfte des Gesamtbudgets der Mission Locale. Gleichzeitig gewährt sie Zugang zu den Informationssystemen der regionalen Bildungs-, und Fortbildungsmaßnahmen. 

Mittlerweile ist ein flächendeckendes Netzwerk von 450 Jugendhilfeeinreichungen entstanden. Dabei handelt es sich weniger um ein Programm, sondern eher um feste Strukturen, die unterschiedliche Programme nutzen oder diese initiieren.

Freiwilligkeit, Beziehung und Lebensnähe

Ein zentrales Kennzeichen ist die Bürgernähe. Die Jugendlichen sollen überall dort, wo sie leben, Ansprechpartner/ innen und passende Angebote finden. Deshalb gibt es weit mehr Missions Locales als Büros der Arbeitsverwaltung. Die Missions Locales kooperieren eng mit der Arbeitsverwaltung; anders als diese arbeiten sie aber auf der Basis von Freiwilligkeit.

"Accompagnement global" heißt das Konzept - es beinhaltet eine ganzheitliche Bedarfsanalyse, auf die eine umfassende Förderung aufbaut.

 

Die Beratung ist offen für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen - nicht zuletzt, um Diskriminierung zu vermeiden. Überwiegend arbeiten die Fachkräfte aber mit jungen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren, die beim Übergang von der Schule in den Beruf auf Schwierigkeiten stoßen.

Mission Locale bietet ihnen eine individuelle Beratung und Begleitung, die auf die Integration in den Arbeitsmarkt zielt, aber diese Themen als Teil des ganzen Lebens sieht. "Accompagnement global" heißt das Konzept - es beinhaltet eine ganzheitliche Bedarfsanalyse, auf die eine umfassende Förderung aufbaut. Das individuelle Betreuungskonzept bezieht die persönliche Lebenssituation ein, die Themen Gesundheit, Kultur, Freizeit und Unterkunft gehören ebenso zum Beratungskonzept wie Beschäftigung und Ausbildung. Die Jugendlichen arbeiten mit persönlichen Beraterinnen und Beratern zusammen, die sich als feste und kontinuierliche Bezugsperson verstehen. Aufbauend auf einer individuellen Bedarfsanalyse werden Angebote und passende Wege gesucht. Die Zusammenarbeit endet erst, wenn die wirtschaftliche Unabhängigkeit - die "soziale Autonomie" - erreicht ist. 

Kontinuierliche und verbindliche Strukturen für die Jugendlichen, für die Fachkräfte wie für alle Kooperationspartner - das ist ein deutlicher Unterschied zur Programm- und Maßnahmelandschaft in Deutschland.

Mit lokaler Verantwortung und Bürgernähe zum Erfolg

Sieben von zehn arbeitslosen Jugendlichen in Frankreich finden den Weg in die Anlaufstellen. Im Durchschnitt beraten die französischen Missions Locales 600.000 Jugendliche pro Monat.

Das Programm findet auch international Anerkennung, so im Rahmen des Projekts "transitions" der IJAB - Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. Das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderte Projekt "transitions" will Erkenntnisse aus dem internationalem Fachaustausch für die Gestaltung des Übergangs in Deutschland nutzen. Bei einem Treffen der nationalen Expertengruppe stellte Karine Brard-Guillet vom "Conseil national des missions locales" die Mission Locale vor. Der CNML koordiniert lokale, regionale und nationale Aktivitäten und  ist dem Arbeitsministerium angebunden. 

Die Missions Locales feierten 2012 ihr 30-jähriges Jubiläum. Für Mme. Brard-Guillet ist dieses Jubiläum nicht unbedingt ein Anlass zur Freude. Eine erfolgreiche Jugendpolitik, die - wie Bertrand Schwartz es plante - diese Einrichtungen entbehrlich macht und den jungen Menschen frühzeitig Perspektiven eröffnet, wäre ihr lieber.

Für diesen Bericht stellte Karine Brard-Guillet freundlicherweise ihr Redemanuskript zur Verfügung.

Weitere Informationen

 
 
 

Über die Autorin

Prof. Dr. Petra Lippegaus-Grünau lehrt an der Fachhochschule des Mittelstandes in Bielefeld. Zuvor war sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin des BIBB Projektsprecherin im Good Practice Center.