17.03.2011

Förderung vom Menschen aus denken

Ein Praxisbericht über das Projekt "Manege"

von Petra Lippegaus-Grünau

Auf ihrem Weg ins Leben, durch Förderdschungel und Maßnahmenetze fallen viele Jugendlichen durch die Maschen. Zu ihnen passen keine Programme, die sich auf Arbeit und Beruf beschränken, die sich am scheinbar "normalen Leben" und an den Anforderungen der Arbeitswelt ausrichten. Ganz andere Wege geht deshalb das Projekt "Manege", das die Jugendlichen tatsächlich "da abholt, wo sie stehen".

Leben in Marzahn - Hellersdorf

Ein Besuch des Projekts "Manege" führt in den Osten Berlins, in die Großsiedlungsgebiete Marzahn und Hellersdorf. Hier wohnen ca. 250.000 Einwohnerinnen und Einwohner - so viele wie in kleineren deutschen Großstädten. Das Bild dieses Berliner Bezirks prägen riesige Plattenbauten mit bis zu 20 Geschossen in unerwarteter Harmonie mit viel Grün. Die Anfang der 80er Jahre entstandenen Plattenbauten umschließen drei kleine alte Orte und vermitteln eine fast dörfliche Atmosphäre.

Die Bevölkerung ist hier jünger als überall sonst in Berlin, die Kinderzahl höher, viele Frauen erziehen ihre Kinder allein. Nach dem Bericht des Bezirksamts wandern sozial Stärkere ab, während sozial Schwächere nachziehen. 2005, als das Projekt "Manege" begann, lag die Arbeitslosenquote noch über 18 Prozent, der Anteil Arbeitsloser unter 25 Jahren war höher als in anderen Bezirken. Rund ein Viertel der Bevölkerung lebt hier von Hartz IV, Kinder und Jugendliche sind besonders betroffen: 44 Prozent aller unter 15-Jährigen wohnen in Bedarfsgemeinschaften, bei den unter 25-Jährigen ist es immer noch etwa ein Drittel. Zugewanderte machen nur 3,5 Prozent der Bevölkerung aus.

Jugendliche, die hier aufgewachsen sind, kennen meist nichts anderes als ihren Heimatbezirk. Ihr Kiez ist ihre Welt, ihr Bewegungsradius in der Regel nicht größer als ein Kilometer.

Willkommen in der Manege

Mitten drin, zentral an der Straßenbahnhaltestelle gelegen, öffnet das runde Gebäude der "Manege" die Türen für Jugendliche. Angesprochen sind Jugendliche, deren Weg in Ausbildung oder Arbeit, ins Leben voller Hindernisse war und ist, in der Regel beziehen sie Hartz IV. In der Fachsprache von Förderprogrammen heißt diese Gruppe "Jugendliche in komplexen Lebenslagen mit multiplen Vermittlungshemmnissen" und wird im Jobcenter als "integrationsfern" kategorisiert. Schwester Margareta Kühn, Geschäftsführerin der Manege, spricht von Jugendlichen in Not. Diese Not hat viele Gesichter: Armut, Schulmüdigkeit, Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit, Isolation, Erfahrung mit Kriminalität, Drogen, Probleme mit Gesundheit und Ernährung - und nicht zuletzt Ablehnung. "Alles Scheiße, ich wurde überall behandelt wie der letzte Dreck" sagt einer dieser Jugendlichen rückblickend.

Der Rundbau des Don-Bosco-Zentrums in Berlin

"Schön, dass Du da bist" - diese Haltung setzt der Erfahrung von Ablehnung, Versagen, Problemen und Hemmnissen ein neues, ein positives Bild entgegen. Das spürt man, wenn man das Don-Bosco-Haus betritt. Es herrscht eine fröhliche Atmosphäre, in der einige Kaffee trinken, andere am PC sitzen oder die Wände streichen. Jeder neue Gast wird freundlich begrüßt und willkommen geheißen, schnell bekommt man das Gefühl: Ich gehöre dazu. Diese offene Haltung, die bedingungslose Akzeptanz und das Angebot von Beziehung sind zentrale Elemente des Konzepts. Das Projekt will Schwellen abbauen, es bezieht alle ein und setzt an den Bedürfnissen der Einzelnen an. Es übernimmt eine Brückenfunktion für diejenigen, die konventionelle Maßnahmen nicht, noch nicht oder nicht mehr in Anspruch nehmen können.

Während das sonst übliche "Fördern und Fordern", die Unterstützung daran bindet, dass die Geförderten sich an eine vorgegebene Normalität anpassen und die damit verbundenen Anforderungen erfüllen, fragt das Team der Manege umgekehrt: Was brauchen die Jugendlichen für Ihre Entwicklung, für ihren Weg ins Leben? Wie können wir unser Angebot an die Bedürfnisse der Jugendlichen anpassen? Wer bisher gerätselt hat, wie eigentlich Inklusion im Sinne von Teilhabe und Partizipation konkret aussehen könnte, bekommt hier einen Eindruck davon.

Rundumpakete von der Intensivstation

Als "Intensivstation" bietet die Manege den Jugendlichen ein "Rundumpaket", bei dem der Beruf erst an letzter Stelle kommt. Die einzelnen Angebote entstehen in der Aufmerksamkeit des Alltags. Das Repertoire umfasst Angebote zu den Themen Wohnen, Leben, Ausbilden, Arbeiten, Mobilität, nicht zuletzt zu Selbstachtung, Lebenssinn und Werten. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Ziel, Bildungschancen und Bildungszugänge zu eröffnen. "Wir nehmen vielfach "Schulverstörungen" wahr. Hier möchten wir alternative Wege schaffen, zeigen, dass Lernen Spaß macht, Neugierde wecken", sagt Schwester Margareta. Das spiegelt auch das Don-Bosco-Haus: Damit die Auszubildenden ihre Prüfung schaffen, wurde alles, was man in der Prüfung wissen muss, an die Wand gemalt: Formeln, Berechnungsformen und andere Lerninhalte. Wer zu seinem Schrank will, läuft zwangsläufig daran vorbei - und das Haus wird Stück für Stück zu einem Lernhaus.

Rund um das Lernen baut die Manege notwendige Hilfen auf. Die Mitte bildet der Beratungs- und Begegnungsbereich, der 24 Stunden am Tag geöffnet hat. Damit junge Menschen Stabilität und Kontinuität aufbauen können, sind Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Manege rund um die Uhr ansprechbar. Sie bieten Hausbesuche auch zu ungewöhnlichen Tageszeiten an; wer keine Bleibe hat, kann eine Notunterkunft bekommen.
Den Weg in Arbeit ebnet eine Aktivierungsmaßnahme mit zunächst ganz geringen inhaltlichen und zeitlichen Anforderungen, konzipiert als Intensivgruppe für mindestens 60 Jugendliche. Neben den gängigen Bausteinen wie Förderunterricht, Kursen und Projekten gehört auch Zirkuspädagogik zum Angebot - der Name Manege lässt es schon vermuten. In Kooperation mit dem Kinder- und Jugendzirkus Cabuwazi e.V. trainiert ein Zirkusprofi die Jugendlichen beim Jonglieren, als Akrobaten oder Clowns. Für den einen ist bei dieser Form der Selbsterfahrung ein echter Auftritt das richtige, für die andere erst mal nur Bewegung und Spaß - ohne Wettbewerb, ohne Präsentation oder Ausgelachtwerden.

Alle Jugendlichen sollen ein persönliches Verhältnis zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt entwickeln. Angebote wie Praktika und Arbeitseinsätze konfrontieren sie deshalb realitätsgerecht mit Arbeits- und Berufsanforderungen - durchaus im traditionellen Sinn der Erwerbsarbeit. Die jeweiligen Anforderungen werden aber dem Vermögen der Jugendlichen angepasst, z. B. auf "später verschoben", wenn zunächst andere Dinge im Vordergrund stehen. Die ersten Jugendlichen schaffen allerdings bereits eine Ausbildung in der Manege.

Um auch diejenigen zu erreichen, die den Weg in Institutionen (noch) nicht finden, ist vor dem Jobcenter ein Beratungsbus postiert. Die Unterstützung erfolgt auf Anregung und in enger Absprache mit dem Jobcenter. Von dort wurde gefragt, ob die Manege nicht den Beratungs- und Begleitungsbedarf auffangen kann, den das Personal dort nicht leisten kann. Wie sinnvoll eine solche gegenseitige Ergänzung ist, zeigen die Nutzerzahlen: Monatlich kommen rund 80 Jugendliche.

Ganz wichtig ist es dem Personal, den Blick der Jugendlichen über den Tellerrand des Bezirks hinaus zu öffnen: "Weiterentwicklung funktioniert, wenn man den Körper von der Stelle bewegt, wenn man sich aufmacht". Exkursionen, Ferienfreizeiten in Dänemark und nicht zuletzt das Teilprojekt "Schule auf Rädern" verbinden Mobilität und neue Lernerfahrungen. So packt eine BVJ-Klasse einmal monatlich die Sachen und verlagert den Unterricht oder das Praktikum in ein anderes Bundesland, in eine Partnereinrichtung des Ordens. Die Schülerinnen und Schüler wechseln mit dem Standort ihre Perspektive, sie lernen wie etwas woanders funktioniert (was muss ich auf einer Autobahnraststätte machen) und über die eigene Person hinaus zu planen (wer versorgt meine Ratte, wenn ich nicht da bin?).

"Schön, dass Du da bist" - diese Haltung setzt der Erfahrung von Ablehnung, Versagen, Problemen und Hemmnissen ein neues, ein positives Bild entgegen.

 

Stärker als in anderen Einrichtungen müssen alle bereit sein, eine große Offenheit für die Jugendlichen, für Notwendigkeiten und Entwicklungen mitzubringen und bisherige Regeln und Vorgaben in Frage zu stellen. Sie arbeiten im Schichtdienst, können sich - wenn nötig - nicht "ausklinken", wenn Regelarbeitszeiten zu Ende sind und müssen auch bereit sein, mit einzukaufen oder eine Wohnung mit sauber zu machen, wenn es nötig ist. Um die sehr anspruchsvolle Arbeit zu bewältigen, erhält das Team einmal im Monat Supervision und arbeitet eng mit der wissenschaftlichen Begleitung des Projektes zusammen. Eine tägliche Kurzdienstrunde und wöchentliche Teamsitzungen sind ebenso unumgänglich wie lückenlose Dokumentationen.

Not zu verändern erfordert neben der intensiven Arbeit vor Ort auch einen Einsatz für gesellschaftliche Veränderungen. Diese Überzeugung tragen die Vertreterinnen und Vertreter der Manege auch in fachliche, kirchliche und politische Kreise. Sie bringen ihr Selbstverständnis und ihre Erfahrungen in die Debatten über Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe ein; sehen sich als "Lobbyisten" für ihre Zielgruppen und suchen Gleichgesinnte.

Kann man dieses Modell im Sinne von Good Practice überhaupt auf andere übertragen? Entspricht es professionellen Ansprüchen? Sr. Margareta und Daniela Hartmann antworten klar und eindeutig mit ja. Ihr Plädoyer lautet: Die Jugendsozialarbeit muss (noch) mutiger die eigene Arbeit in Frage stellen und von klassischen Wegen abgehen. Die Gesellschaft braucht hochmotivierte Professionelle, die bereit sind, junge Menschen anzunehmen, wie sie sind, und sie umfassend beim Hineinwachsen ins Leben zu begleiten. Wie die Manege  - oder so ähnlich, ganz wie es die Situation woanders erfordert.

Vom Job zum Dienst

Wer kommt auf so ein Projekt, das weder schnelle Vermittlungsquoten verspricht noch erkennbar politisch angesagten Problemlagen wie dem Fachkräftemangel entgegen wirkt?

Die "Manege" ist in kirchlicher Tradition entstanden und wird durch zwei Orden getragen - die Salesianer Don Bosco und die Heiligenstädter Schulschwestern. Beide Orden haben es sich zur Aufgabe gemacht, etwas für benachteiligte Jugendliche zu tun. Traditionell standen die Themen Erziehung und Volksbildung im Vordergrund, heute wenden sie sich neuen Formen der Jugendnot zu. Das erfordert auch für die Kirche ungewöhnliche Maßnahmen. Für dieses Projekt leben erstmals ein männlicher und ein weiblicher Orden unter einem Dach. Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen und Jugendliche sitzen zusammen an einem großen Tisch So können sie jungen Menschen jederzeit zur Verfügung stehen und, wo das nötig ist, auch familiäre Funktionen übernehmen.

Längst ist das Team weit über die Ordensschwestern und Brüder hinausgewachsen. Neben drei Ordensleuten arbeiten mittlerweile 22 weltliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Team, in dem jede und jeder als "Pädagoge bzw. Pädagogin" handelt, auch wenn es neben Sozial- und Heilpädagogik vielfältige handwerkliche Qualifikationen gibt. Dass sich alle hohen und besonderen Anforderungen stellen, macht das Besondere dieses Teams aus, unterstreicht auch Daniela Hartmann, die stellvertretende Leiterin.

Weiter Informationen

  • www.manege-berlin.de
    Die Manege gGmbH ist eine Einrichtung für junge Menschen im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf mit den Schwerpunkten Jugendsozialarbeit, Jugendberufshilfe und Jugendhilfe.
 
 
 

Kontakt

Sr. Margareta Kühn
Manege gGmbH
Otto-Rosenberg Str. 1
12681 Berlin

  • 030 8560686-200
 

Über die Autorin

Prof. Dr. Petra Lippegaus-Grünau lehrt an der Fachhochschule des Mittelstandes in Bielefeld. Zuvor war sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin des BIBB Projektsprecherin im Good Practice Center.