21.12.2011

Chance durch demografischen Wandel

Profitieren Jugendliche mit schwieriger Bildungsbiografie vom demografischen Wandel?

von Christine Henry-Huthmacher und Elisabeth Hoffmann

Die duale Ausbildung gilt für die Gesellschaft als Integrationsmotor und für die Wirtschaft als Garant gegen den Fachkräftemangel. Trotz aller Erfolge hat sie jedoch nur wenig öffentliche Lobby.

Vor allem junge Menschen mit schwierigen Berufsbiografien gelangen bisher kaum in das Blickfeld der öffentlichen Diskussion. Im Jahr 2010 mündeten 323.700 Jugendliche in das sogenannte Übergangssystem ein, das sich allzu oft als Sackgasse erweist. Um allen Jugendlichen eine Ausbildung zu ermöglichen, sind neue Strategien erforderlich - in erster Linie eine Verbetrieblichung der beruflichen Bildung, ohne die Stärken des dualen Systems preiszugeben, vor allem die Betriebsbindung, den Praxisbezug und die Abschlussorientierung der Ausbildung. Eine erste Aufgabe besteht darin, genau hinzusehen: Was kennzeichnet Jugendliche mit schlechten Startchancen?

Multiple Risikofaktoren

"Aber wenn sie zu uns in die Schule kommen, haben unsere Schülerinnen und Schüler schon viel erlebt, schwierige familiäre Geschichten, Geschichten von Migration, Flucht, Arbeitslosigkeit, auch von Gewalt. Und wir verlangen von ihnen, dass sie einfach funktionieren", sagt die Lehrerin einer Hauptschule. Die Schülerinnen und Schüler funktionieren aber nicht, sondern sind ängstlich, phlegmatisch, desinteressiert - und ernten in der Schule oft nur Misserfolge.

Zwar erklären die PISA-Studien auf theoretischer Ebene, dass sozioökonomischer Status, das Bildungsniveau der Eltern und die ethnische Herkunft der Familie als kulturelles Kapital wesentlich die Bildungsorientierung der Jugendlichen beeinflussen. Sie geben jedoch keine Auskunft, inwieweit familiäre, schulische und peerbezogene Bedingungen bei benachteiligten Jugendlichen auf der Interaktions- und Beziehungsebene vorliegen und wie sich biografisch bedingte Kompetenzen auf die schulischen Anforderungen auswirken.

Alltagsbewältigung, familiäre Orientierung, Peergroup, soziale Einbindung und die konkreten Kompetenzen bilden ein Puzzle, das bisher noch nicht aufgelöst ist. Sowohl Eltern und Peers als auch Schule und Medien sind in diesen Prozess einbezogen. In der Schule entwickelt sich ein Gemenge von Anerkennungsproblematiken, die Risikoschüler veranlassen, sich von schulischen Bildungsprozessen zu distanzieren, den Unterricht zu stören oder die Schule mit schlechtem oder keinem Abschluss zu beenden.

Jugendliche aus benachteiligten Sozialmilieus entwickeln eigene biografische Ressourcen, die es ihnen ermöglichen, in ihrer Lebenswelt zu bestehen. Diese Ressourcen sind jedoch nicht immer kompatibel mit den Vorstellungen von kompetenten Jugendlichen, die das Bildungssystem voraussetzt. Die Basisfähigkeiten dieser Jugendlichen passen nicht unbedingt zu schulischem Wissen und beruflichen Anforderungen. Hinzu kommt eine Peerorientierung, die die schulische Distanz weiter verstärkt.

Die Frage, welche familiären Bedingungen das Aufwachsen der Jugendlichen prägen und wie sich die Erfahrungen auf Verhalten und Handlungen sowie auf Schul- und Ausbildungsbiografien auswirken, erweist sich als blinder Fleck in der Fachdiskussion. Gerade dies ist jedoch ein zentraler Gesichtspunkt, um Antworten auf die Frage zu finden, warum die Systeme Schule und Übergangssystem gegenwärtig sehr viele Jugendliche aus Risikofamilien nicht erreichen und wie erfolgreiche Reformen aussehen müssten.

Probleme im Übergang

Nimmt man die Jugendlichen selbst in den Blick, so stellt sich mangelnde Berufsfähigkeit in erster Linie als Fehlen persönlicher und sozialer Kompetenzen dar. Hauptprobleme sind fehlende Disziplin, geringere Belastbarkeit und schwächere Leistungsbereitschaft - das gab fast die Hälfte aller Betriebe in einer aktuellen DIHK-Umfrage an. Demnach spielen fehlende soziale Kompetenzen und Erziehungsdefizite eine entscheidende Rolle. Damit richtet sich der Blick auf die herausgehobene Rolle der Schule, der Eltern und der Peergroups - ein Faktorenbündel, das sich nicht durch punktuelle Maßnahmen beeinflussen lässt, die zudem meist als Modellversuche gestaltet sind.

Mangelnde Ausbildungsreife ist ein Ausdruck von Bildungsarmut, die weit verbreitet ist. Um das Ziel der sozialen Integration zu erreichen, muss eine Gesellschaft ihre begrenzten Ressourcen auf die Zielgruppe der Heranwachsenden mit ungünstigen Lernvoraussetzungen konzentrieren. Eine gerechte Verteilung der Lebenschancen erfordert es, dass Hilfestellungen vor allem die Jugendlichen erreichen, die in einem Umfeld von familiärer und sozialer Benachteiligung aufwachsen.

Auch Bildungsexperten fordern eine systematische Förderung der Leistungsschwächsten mit Maßnahmen, die biografische Kontinuität gewährleisten. Kurzfristige, punktuelle Interventionsstrategien, die meist viel zu spät in der Biographie Heranwachsender einsetzen, bewerten sie negativ.

Motivation durch Praxis

Ein grundlegender Reformansatz muss die Jugendlichen in den Mittelpunkt stellen, die mehrfach Risiken in ihrer Entwicklung ausgesetzt sind.

Ein Blick auf die Lebensgeschichte der Jugendlichen in Übergangssystemen zeigt, dass viele dieser Jugendlichen sich im Alter von 12 bis 14 Jahren von der Schule abgewendet haben. Lehrerinnen und Lehrer machen die Beobachtung, dass diese Heranwachsenden mit dem klassischen Unterrichtsmodell in der Schule einfach nicht mehr erreichbar sind. Ohne die Regelschule in Frage stellen zu wollen, ist es aber sinnvoll, Heranwachsenden in dieser Phase durch eine andere, praxisorientiertere Formatierung ihrer Lernzeit ein Angebot zu machen, das ihnen doch wieder einen Zugang zum System ermöglicht. Ein geeignetes Konzept für die schwierigsten Fälle wäre eine Einbindung moderner Konzepte wie der Produktionsschulen mit der für sie typischen Verbindung von praktischem Arbeiten und Lernen in das Regelschulsystem.

Eine verbesserte Integration in Ausbildung und Arbeit kann durch ein erweitertes Schulkonzept gelingen, in dem Arbeiten und Lernen frühzeitig zusammengefügt werden. Die große Praxisorientierung bereits in der Schule fördert die Motivation der Jugendlichen und fordert die Jugendlichen mit ihrer Ausrichtung auf den Arbeitsmarkt.

Den Förderdschungel lichten

Grundsätzlich muss der Übergang Schule-Beruf durch eine Verbetrieblichung der Übergangszone neu ausgerichtet werden. Bei einer Neuausrichtung des Übergangssystems müssen verschiedene Aspekte vernetzt zum Tragen kommen. Das bedeutet eine enge Zusammenarbeit von verschiedenen Institutionen für die weitere berufliche Entwicklung. Angesichts der Vielfalt der Akteure, der Maßnahmen und Finanzierungsmittel ist eine unüberschaubare Unterstützungslandschaft entstanden, die wenig Transparenz und wenig Kooperation aufweist. Die Konzentration der Maßnahmen unter einem Dach ist ein wichtiges Element des Reformansatzes.

Um die Ausbildungsreife der Schülerinnen und Schüler wirksam zu stärken, ist die Formulierung genereller Anforderungen an die Maßnahmeninhalte - also frühe Förderung, Förderung breiter Fähigkeiten, Förderung klarer Zielgruppen - notwendig, allein jedoch nicht ausreichend. Vielmehr bedarf es einer sinnvoll organisierten Gesamtstruktur, die eine wirksame und Ressourcen sparende Umsetzung von entsprechend ausgerichteten Förderinstrumenten erlaubt. Eine gute Struktur sollte

  • für ein sinnvoll geplantes und transparentes Gesamtangebot an Fördermaßnahmen sorgen,
  • Aufgaben- und Ausgabenkompetenz verknüpfen,
  • eine klare Kontrolle von Zielerreichungsgrad und Kosten ermöglichen.

Öffnung der Betriebe "nach unten"

In Familie und Schule, aber auch in Unternehmen müssen strukturelle Veränderungen einsetzen. Unternehmen, die eine duale Berufsausbildung anbieten, müssen ihre Steuerung von einem Überschuss auf den Mangel von Auszubildenden umstellen. Dies ist zugleich eine Chance, leistungsschwächere junge Menschen als neue Zielgruppe in das Blickfeld auszubildender Betriebe zu rücken. Diese "Öffnung nach unten" kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Betriebe nicht mit den Aufgaben alleingelassen werden, die sich mit der Ausbildung leistungsschwächerer Jugendlicher verbinden. Hier bietet sich das Konzept der"Assistierten Ausbildung" an.

Für diejenigen Jugendlichen, die besonders gravierende Mängel hinsichtlich ihrer Ausbildungsfähigkeit aufweisen, müssen wir die Chance bieten, sich im Vorfeld einer "echten" betrieblichen Ausbildung durch reale Arbeit in Ausbildungs- und Qualifizierungsunternehmen, die am ersten Arbeitsmarkt agieren, fit zu machen. Wichtig ist, diese Jugendlichen nicht in einem künstlichen, vom Arbeitsmarkt abgetrennten Übergangssystem zu demotivieren, sondern sie durch die weitestgehende Abbildung von Betrieblichkeit auf eine Ausbildung vorzubereiten.

Ein ebenso wichtiges Erfolgsprinzip im Umgang mit Risikogruppen in Schule und Ausbildung ist die Etablierung professionell geschulter "Coaches" in Schulen, Trägereinrichtungen und Ausbildungsbetrieben. Unabhängig von Region, Art der Institution oder Alter der Zielgruppen, aber abhängig von personeller, langjähriger Kontinuität ist bei erfolgreichen Modellen immer eine "coachende Person" zu finden, die in der internationalen Forschung als "parenting person", "elterliche Person" bezeichnet wird. Sie hat die Schlüsselfunktion, sich persönlich um jeden einzelnen Schüler oder Azubi zu kümmern, sie istVertrauenspersonen, mit denen nicht nur schulisch-berufliche, sondern auch private Probleme besprochen werden können. "Coaches" sind die Voraussetzung dafür, dass Schule und Betriebe zu einem Lebensraum werden, in dem Selbstfindungs- und Nachreifungsprozesse (Persönlichkeitsentwicklung, soziale Kompetenzen) intensiv und erfolgreich angeleitet werden.

"Einer, der immer ein offenes Ohr für Probleme der Azubis hat, auch für die privaten" - so bezeichnet der Zukunftsbeauftragte eines der größten deutschen Bauunternehmens, Aug. Prien, seine Aufgabe. Die Baufirma ist stellvertretend für den Trend bei ressourcenstarken Unternehmen mit großem Ausbildungsbedarf (z. B. Telekom, Deutsche Bundesbahn, RWE, BAYER, Globetrotter), die sich gezielt an die Gruppe von Jugendlichen wenden, die bisher wenige Chancen auf dem Ausbildungsmarkt hatte.

Kleinere, ressourcenärmere Unternehmen bedürfen jedoch vielfach staatlicher Unterstützung bei der Ausbildung dringend benötigter Fachkräfte. In Baden-Württemberg werden seit über 10 Jahren auch in kleinen und mittleren Unternehmen beeindruckende Erfolge mit dem Konzept der "Assistierten Ausbildung" gemacht (Paritätischer Landesverband). Im Rahmen der "Assistierten Ausbildung" werden Unterstützungsstrukturen entwickelt, die sowohl die Auszubildenden als auch dem Betrieb bedarfsgerechte Dienstleistungen anbieten.

Professionalisierung der Arbeitsbedingungen

Ein grundlegender Reformgedanke bezieht sich auch auf die Reform der Arbeitsbedingungen des Personals. Eine nachhaltige flächendeckende Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen individuellen Begleitung der Jugendlichen kann nur gelingen, wenn die Vielzahl an Förderinstrumenten in Regelleistungen überführt wird.

Die demografische Entwicklung und der damit zusammenhängende Fachkräftemangel öffnet ein Fenster der Möglichkeiten gerade auch für Jugendliche mit schwierigen Bildungsbiografien. Die Chance sollten wir nutzen.

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Über die Autorinnen

Christine Henry-Huthmacher

Christine Henry-Huthmacher ist seit 2003 Koordinatorin für Frauen- und Familienpolitik in der Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung.

     
    Elisabeth Hoffmann

    Elisabeth Hoffmann ist seit 2010 Koordinatorin für Kinder und Familie in der Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung.