31.08.2026
Innovatives Jugendwohnen als Sprungbrett in die Zukunft
Ein Blick auf die Heimstatt Christ König in Neuss
von Nils StrodtkötterAm Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf entscheidet sich für junge Menschen oft, wie sich der weitere Lebensweg entwickelt. Ohne eine stabile Wohnsituation scheitern jedoch viele dieser Übergänge, bevor sie überhaupt beginnen können. Genau hier setzen Jugendwohnangebote an: Sie verbinden Wohnraum mit sozialpädagogischer Begleitung und schaffen damit die Grundlage für Verselbstständigung und berufliche Perspektiven. Wie das konkret aussehen kann, zeigt das Beispiel der Heimstatt Christ König in Neuss.

miss irine | Adobe Stock

Den Schulabschluss in der Hand und mit einer beruflichen Perspektive im Kopf wagen jedes Jahr viele junge Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit: Sie ziehen aus dem Elternhaus aus und beginnen ihr eigenes Leben. Was aber für die einen ein selbstverständlicher – und oft lang ersehnter – Schritt ist, ist für andere eine enorme Hürde. Vielen fehlt die Orientierung, sie sind Konflikten im Elternhaus ausgesetzt oder haben zu wenig oder keine familiäre Unterstützung. Hinzu kommt vielerorts ein angespannter Wohnungsmarkt. All das kann dazu führen, dass junge Menschen sich überfordert fühlen.
Die Heimstatt Christ König in Neuss (Nordrhein-Westfalen) ist eine der über 500 Einrichtungen des Jugendwohnens in Deutschland, die junge Menschen dabei unterstützen, diesen schwierigen Übergang zu bewältigen. Sie wurde 1958 als Jungmännerwohnheim gegründet und entwickelte sich über die Jahrzehnte hinweg zu einem modernen Jugendwohnheim. Seit 2025 gehört sie zum Jugendhilfezentrum Raphaelshaus Dormagen. Heute bietet sie insgesamt 36 Plätze für Jugendliche im Alter von 16 bis 27 Jahren und ist als Jugendhilfeeinrichtung nach den Standards des SGB VIII anerkannt. Ein Team aus insgesamt zehn pädagogischen Fachkräften betreut die jungen Menschen. Eine Besonderheit der Heimstatt ist die Aufteilung in drei Fachbereiche: klassische stationäre Jugendsozialarbeit (19 Plätze), Verselbständigungswohnen mit höherem Betreuungsbedarf (zehn Plätze) sowie Hilfen nach §67 SGB VIII (sieben Plätze) zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten. Die Finanzierung erfolgt über Entgelte pro Platz, die mit dem örtlichen Jugendhilfeträger vereinbart werden.
Jugendwohnen
Das Jugendwohnen ist ein Angebot der Kinder- und Jugendhilfe. Es ist verankert im § 13 Abs. 3 SGB VIII (Jugendsozialarbeit) und richtet sich an Auszubildende, Schüler und Schülerinnen im Blockunterricht oder junge Geflüchtete, die zwischen 14 und 27 Jahren alt sind. Es bietet den jungen Menschen nicht nur eine Unterkunft und Verpflegung, sondern auch sozialpädagogische Begleitung beim Übergang von der Schule in den Beruf. Mit dem Ziel der Verselbstständigung der jungen Menschen erhalten sie von pädagogischen Fachkräften Unterstützung bei allen wichtigen Lebensfragen: von der Organisation ihres Alltags über schulische Themen hin zu beruflichen Herausforderungen. Auch für persönliche Sorgen und Nöte stehen die Fachkräfte den jungen Menschen zur Seite. Häufig wird das Jugendwohnen durch Jugendämter, die Berufsausbildungsbeihilfe (BAB), BAföG oder andere Kostenträger gefördert. Dank über 500 Standorten in Deutschland können jedes Jahr mehr als 200.000 Jugendliche von dem Angebot profitieren.
Jugendwohnen: Begleitung im Übergang Schule–Beruf
Die meisten jungen Menschen, die bei Christ König eine neue Perspektive suchen, werden über das Jugendamt vermittelt. Viele kommen aus anderen Jugendhilfeeinrichtungen, die sie aufgrund ihres Alters verlassen müssen. Oft sind es auch unüberwindbare Konflikte im Elternhaus, die den Ausschlag geben. Eine eigene Wohnung ist für die meisten in dieser Situation keine Option, nicht nur wegen des angespannten Wohnungsmarktes, sondern auch, weil Herausforderungen des selbstständigen Lebens wie Finanzen oder Alltagsorganisation sie überfordern. Viele gehen auch noch zur Schule oder befinden sich in der Ausbildungsvorbereitung und haben daher kein gesichertes Einkommen.

Heimstatt Christ König

Ein Zimmer in der Heimstatt Christ König.
Interessiert sich ein junger Mensch für die Heimstatt, so wird zuerst bei einem Kennenlerntermin im Haus genau abgeklärt, ob die Einrichtung und der Interessent oder die Interessentin zusammenpassen. Grundvoraussetzung: Die junge Person möchte aus freiem Willen in der Heimstatt wohnen und ist bereit, an ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung aktiv zu arbeiten. "Niemand wird gezwungen", betont Sebastian Furlan, Bereichsleiter für Verselbständigung und damit auch zuständig für das Jugendhaus. Sind sich beide Seiten darüber einig und erteilt das Jugendamt seine Zustimmung, dann steht dem Einzug nichts mehr im Weg.
In den ersten Wochen nach Einzug kümmern sich die pädagogischen Fachkräfte hauptsächlich darum, dass die Jugendlichen in ihrem neuen Leben gut ankommen. Im Anschluss daran rückt die berufliche Orientierung in den Fokus. Im persönlichen Gespräch unterstützen die Fachkräfte die Jugendlichen zunächst dabei, ihre Stärken und Interessen zu entdecken. Hierbei kommt oft ein Kartenset zum Einsatz, mit dessen Hilfe die jungen Menschen Karten zu unterschiedlichen Berufen den Kategorien "Ich kann", "Ich mag" und "Das interessiert mich" zuordnen und so spielerisch passende Berufsfelder ermitteln. Darüber hinaus begleiten die Bezugspersonen die Jugendlichen zur Berufsberatung bei der Bundesagentur für Arbeit, besuchen mit ihnen Ausbildungsbörsen und helfen bei der Suche nach einem Praktikumsplatz.
Laut Sebastian Furlan ist das Hauptproblem nämlich selten die fehlende Orientierung. Vielmehr haben viele Jugendliche unrealistische Vorstellungen vom Alltag ihres Wunschberufs. Deshalb werden sie bereits während der Schulzeit dabei unterstützt, passende Praktika zu absolvieren. Denn kaum etwas ist frustrierender, als nach einem halben Jahr Ausbildung festzustellen: "Das ist doch nicht das Richtige für mich."
Grundvoraussetzung: Die junge Person möchte aus freiem Willen in der Heimstatt wohnen und ist bereit, an ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung aktiv zu arbeiten.
Für Bewerbungen auf Praktikums- und später auch auf Ausbildungsplätze werden die Jugendlichen zuerst darin unterstützt, ihre Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen: den Lebenslauf zu aktualisieren, Zeugnisse zusammenzutragen und ein ansprechendes Bewerbungsanschreiben zu verfassen. In Rollenspielen simulieren die Bezugspersonen danach mit den jungen Menschen Bewerbungsgespräche, damit sie sich bestmöglich auf diese herausfordernde Situation vorbereiten können und lernen, mit ihrer Nervosität umzugehen. Während des gesamten Prozesses der beruflichen Orientierung führen die pädagogischen Fachkräfte regelmäßig Gespräche mit den Jugendlichen, in denen gemeinsam die bisherige Entwicklung reflektiert und über Sorgen und Ängste gesprochen wird.
Auch bei schulischen Themen erhalten die jungen Menschen Unterstützung. Die Mitarbeitenden des Hauses stehen mit den Lehrkräften im Austausch, um eventuelle Defizite frühzeitig zu erkennen und darauf reagieren zu können. Bei Bedarf erhalten die Bewohner und Bewohnerinnen Nachhilfe, sei es durch einen eigenen Kollegen oder in Kooperation mit der Ehrenamtszentrale.
Sobald ein Ausbildungsplatz gefunden ist, ist die Arbeit der Fachkräfte jedoch noch nicht getan: "Es gibt viele tolle, engagierte Firmen, denen aber das pädagogische Know-how fehlt. Sie sind sehr froh, uns als Ansprechpartner zu haben und sie wissen: Um die pädagogischen Aufgaben müssen sie sich nicht kümmern. Dafür sorgt das Jugendwohnheim, etwa indem wir darauf achten, dass der Azubi pünktlich zur Arbeit erscheint. So entlasten wir die Betriebe und diese können sich auf die fachliche Ausbildung konzentrieren", erklärt Sebastian Furlan.
Mit Zeit und Geduld zur Reife
Die Bewohnerinnen und Bewohner der Heimstatt Christ König sind sehr unterschiedlich. Es gibt Jugendliche, denen allein schon der sichere Rahmen des Wohnheims ausreicht, um die nötige Reife für ihren weiteren Lebensweg zu entwickeln. Andere brauchen deutlich länger und bleiben teilweise bis zu ihrem 21. Lebensjahr. Denn oft verläuft die Entwicklung in Wellenbewegungen, Fortschritte und Rückschritte wechseln sich ab. In schwierigen Situationen, wie zum Beispiel bei Stress in der Schule, sind die Pädagogen und Pädagoginnen für ihre Schützlinge da: Sie fangen sie auf, stabilisieren und motivieren sie, weiterzugehen. „Fehler und Rückschläge dürfen passieren. Wichtig ist nur, dass die Entwicklungskurve des jungen Menschen insgesamt nach oben verläuft“, sagt Sebastian Furlan.
Das pädagogische Grundkonzept: Lebensraum als Lernraum

Heimstatt Christ König

Eine Küche in der Heimstatt Christ König.
Alle Bewohnerinnen und Bewohner haben in der Heimstatt Christ König ein eigenes Zimmer mit Dusche und WC und verpflegen sich selbst. Sie erhalten wöchentlich ein Bewohnergeld und müssen damit eigenständig haushalten. Die Hausordnung setzt dabei bewusst nur einen klaren Rahmen, etwa durch die Regelung der Besuchszeiten oder den Beginn der Nachtruhe. Dadurch bleiben genügend Freiräume für eigene Entscheidungen. Denn das Ziel ist es, den Jugendlichen ein realistisches Übungsfeld für ein eigenständiges Leben zu bieten: In der Heimstatt können sie ihren Alltag weitgehend selbst regeln und – ganz wichtig – Fehler machen und daraus lernen. Vielen Jugendlichen passiert es besonders zu Beginn, dass sie ihr wöchentlich zugeteiltes Bewohnergeld schon in den ersten Tagen der Woche ausgeben. "Dann ist für den Rest der Woche Reis mit Ketchup angesagt, sozusagen", berichtet Sebastian Furlan. "Sie müssen dann natürlich nicht hungern, das kriegen wir gemeinsam schon hin. Aber das ist ein klassischer Fehler, den sie in den meisten Fällen nur einmal machen."
Auf eigenen Beinen zu stehen, bedeutet jedoch nicht nur den Umgang mit Geld, sondern etwa auch, behördliche Angelegenheiten eigenständig zu bewältigen. Dabei begleiten die pädagogischen Mitarbeitenden die Jugendlichen eng, ohne ihnen Verantwortung abzunehmen: Gemeinsam erledigen sie Behördengänge, damit die jungen Menschen lernen, Formalitäten schrittweise selbst in die Hand zu nehmen. Auch der richtige Umgang mit Post gehört dazu – insbesondere das Erkennen und Bearbeiten von Behördenbriefen, damit Fristen nicht versäumt werden. Eine ebenso zentrale Rolle spielt das Antragswesen: Praxisnah vermitteln die Fachkräfte den Heimbewohnerinnen und -bewohnern, wie sie Anträge auf Leistungen wie Berufsausbildungsbeihilfe, BAföG, Kindergeld, Arbeitslosengeld I, Bürgergeld oder die (Halb-)Waisenrente stellen. Damit wichtige Unterlagen jederzeit griffbereit sind, üben sie außerdem gemeinsam, Dokumente richtig abzulegen und zu sortieren.
Um auch am Telefon sicher aufzutreten, gegenüber Ämtern, Ärzten oder Arbeitgebern, simulieren die Jugendlichen mit den Mitarbeitenden typische Gesprächssituationen in einem Telefontraining. Mit Unterstützung ihrer Bezugspersonen üben sie zudem den allgemeinen Schriftverkehr, wie das Verfassen von Briefen, E-Mails oder formellen Anschreiben. Nicht zuletzt legt die Heimstatt großen Wert auf Konfliktbewältigung: Die Bewohnerinnen und Bewohner lernen, wie sie konstruktiv mit Konflikten umgehen. Sei es im Wohnheim, in der Schule oder im Berufsleben. Und sie lernen, wo sie sich bei Bedarf zusätzliche Unterstützung holen können, etwa durch Beratungsstellen.
Damit diese vielfältigen Lern- und Entwicklungsschritte gezielt angegangen und begleitet werden, hält der sogenannte Hilfeplan sie strukturiert fest. Diesen erstellt der oder die Jugendliche halbjährlich gemeinsam mit einer pädagogischen Fachkraft und dem Jugendamt. Darin werden einerseits Ziele, andererseits bereits vorhandene Fähigkeiten und Unterstützungsbedarfe des jungen Menschen festgehalten – im Sinne der Selbstbestimmung darf und soll er dabei aktiv mitwirken. Im Anschluss daran werden mit der zuständigen Bezugsperson individuelle Absprachen getroffen und festgelegt, bis wann diese umgesetzt werden sollen.
Die Arbeit der Pädagoginnen und Pädagogen bewegt sich stets im Spannungsfeld zwischen Partizipation und Kontrolle: Einerseits gilt es, die Jugendlichen in ihrer Eigenverantwortung zu stärken, andererseits müssen die Fachkräfte darauf achten, dass verbindliche Pflichten eingehalten werden.
Die Arbeit der Pädagoginnen und Pädagogen bewegt sich dabei stets im Spannungsfeld zwischen Partizipation und Kontrollfunktion: Einerseits gilt es, so Sebastian Furlan, die Jugendlichen in ihrer Eigenverantwortung zu stärken; andererseits müssen die Fachkräfte darauf achten, dass verbindliche Pflichten – wie etwa der regelmäßige Schulbesuch – eingehalten werden. Damit dieser Balanceakt gelingt, helfen zwei Grundprinzipien: Augenhöhe und Transparenz. So sind die Jugendlichen stets darüber informiert, welche Schritte ihre Bezugspersonen unternehmen und mit wem Inhalte besprochen werden. Und selbstverständlich stehen ihnen diese jederzeit als Ansprechpartner zur Verfügung – sei es bei konkreten Hilfebedarfen oder einfach zum Austausch.
Wann ein Bewohner oder eine Bewohnerin schließlich bereit ist, in die eigene Wohnung zu ziehen, entscheidet er oder sie gemeinsam mit der Bezugsperson. Dabei beachten sie auch die sensiblen Phasen der Ausbildung, wie etwa vor einer Zwischenprüfung. Hier wäre der zusätzliche Stress durch Wohnungssuche und Umzug schlicht zu viel. Aber auch die emotionale Herausforderung, plötzlich alleine in einer Wohnung zu leben, ist nicht zu unterschätzen. Aus diesem Grund bietet die Heimstatt Christ König inzwischen eine ambulante Nachbetreuung an: In den ersten sechs Monaten nach dem Auszug werden die jungen Menschen noch weiterhin von ihrer pädagogischen Bezugsperson begleitet.
Ein Fallbeispiel
Ein 17-jähriger Jugendlicher mit Autismus-Spektrum-Störung hatte einen Ausbildungsplatz zum technischen Zeichner in Düsseldorf gefunden. Da er im Sauerland lebte, stand hierfür ein Umzug an. Zudem musste er den plötzlichen Tod seiner Mutter verkraften. Sein Vater hielt ein eigenständiges Wohnen nicht für machbar. Und auch der Betrieb setzte eine gesicherte Betreuung als Bedingung für das Ausbildungsverhältnis voraus. Über das Jugendamt wurde der Vater an die Heimstatt Christ König vermittelt, wo der junge Mann nach einem erfolgreichen Informationsgespräch einzog.
In den ersten Wochen standen das Kennenlernen des Hauses, der Fachkräfte und der Mitbewohnerinnen und Mitbewohner im Vordergrund. Im Hilfeplangespräch wurden danach drei zentrale Ziele festgelegt: eine feste Tagesstruktur zu entwickeln, zu lernen mit Unerwartetem umzugehen und Konflikte zu lösen. Die Größe des Jugendwohnheims und der tägliche Kontakt zu vielen unterschiedlichen Jugendlichen erwiesen sich dabei als ideale Trainingsumgebung: So lernte er, sich an neue Situationen zu gewöhnen, Konflikte auszutragen und – anders als zu Hause, wo er sich mit Anliegen stets direkt an seine Eltern hatte wenden können – auch einmal zurückzustecken. Zum Beispiel wenn es darum ging, die Gemeinschaftsküche zu nutzen. Hierfür musste sich der junge Mann zuerst einen Schlüssel holen. Wenn aber die zuständige Fachkraft gerade schon in einem Gespräch war, konnte er diesen nicht sofort bekommen und wurde unruhig. Solche Situationen besprachen die Pädagogen und Pädagoginnen anschließend mit dem jungen Mann, wodurch er schrittweise lernte, damit umzugehen. Eine weitere große Baustelle war für ihn das Lesen von Emotionen. Auch hierbei halfen die Kontakte zu vielen unterschiedlichen jungen Menschen in der Einrichtung. Wenn andere Jugendliche beispielsweise berichteten, dass er in bestimmten Situationen ungewöhnlich reagiert habe, sprachen die Fachkräfte ihn darauf an und reflektierten die Situation gemeinsam mit ihm.
Die Ausbildung verlief insgesamt gut. Der Betrieb nahm besondere Rücksicht auf sein Bedürfnis nach festen Strukturen, zum Beispiel durch feste Pausenzeiten. Die Heimstatt half dem Betrieb dabei, die richtige Ansprache für ihn zu finden: ruhiger Ton, Geduld, kein Druck, klare Ansagen und keine Ironie. Kurz vor Beginn des dritten Ausbildungsjahres, nach zweieinhalb Jahren in der Heimstatt, zog der junge Mann gemeinsam mit seinem Vater nach Düsseldorf. Dies war ein langer gehegter Wunsch der beiden gewesen. Die Ausbildung schloss er erfolgreich ab.
Flexibilität und Selbstbestimmung: Wesentliche Elemente auf dem Weg zum Erfolg
Während viele klassische Wohngruppen auf ein geschlossenes Gruppenkonzept setzen, in dem alle Jugendlichen denselben Abläufen folgen, geht Christ König einen anderen Weg. Jeder junge Mensch erhält einen individuellen Hilfeplan und damit maßgeschneiderte Rahmenbedingungen, um die selbst gesteckten Ziele zu erreichen. Denn eines ist klar: Alle 36 Jugendlichen sind völlig unterschiedlich. Deshalb ist die Intensität der Unterstützung bei Christ König sehr flexibel. Alle Jugendlichen können nach Bedarf zwischen den Fachbereichen wechseln. Befindet sich zum Beispiel eine Bewohnerin im Verselbständigungswohnen mit höherem Betreuungsbedarf, benötigt aber nach einiger Zeit nicht mehr so viel Unterstützung, kann sie in den Bereich des Jugendwohnens wechseln, der weniger Begleitung bietet. "Das ist ein dynamischer Prozess, der Rücksicht nimmt auf die Entwicklungen und Bedarfe der Jugendlichen", erläutert Sebastian Furlan.

Heimstatt Christ König

Auch die Mitarbeit in der Küche dient der Verselbständigung.
Damit diese lernen, auch ihr Privatleben selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu gestalten, zeichnet sich die Heimstatt durch ein besonders freies und offenes Miteinander aus. Freizeitangebote sind bewusst freiwillig und begrenzt gehalten, um junge Menschen zur Eigeninitiative zu ermutigen und die Pflege ihrer sozialen Netze außerhalb der Einrichtung zu fördern. Die Rückkehrzeiten sind flexibel gestaltet; mit Erreichen der Volljährigkeit erhalten die Bewohner und Bewohnerinnen einen Nachtschlüssel und können sich zudem am Wochenende aus dem Wohnheim abmelden. Selbstbestimmung steht dabei im Mittelpunkt, wie Sebastian Furlan betont: "Es geht darum, frei zu entscheiden, was ich möchte, zu lernen, die Konsequenzen meines Handelns zu tragen und was ich gegebenenfalls beim nächsten Mal anders machen kann."
Herausforderungen auf unterschiedlichen Ebenen
Um nachhaltige Erfolge erzielen zu können, müssen die Mitarbeitenden und Jugendlichen der Heimstatt Christ König Hindernisse ganz unterschiedlicher Art überwinden: Zum einen solche, die im Verhalten der Jugendlichen selbst liegen; zum anderen jene, die von außen durch bürokratische Vorgaben entstehen.
Auf individueller Ebene zeigt sich häufig ein Vermeidungsverhalten der Jugendlichen. Anstatt Herausforderungen aktiv anzugehen, melden die Bewohner und Bewohnerinnen sich krank, verschwinden über Nacht oder kommen erst spätabends zurück, um den pädagogischen Mitarbeitenden nicht zu begegnen. Diese fragen jedoch gezielt nach, was dahintersteckt. Denn hinter jedem Verhalten steckt ein Grund. So lässt sich das Muster meist durchbrechen. "Das funktioniert über Kommunikation, ein bisschen Hartnäckigkeit und vor allem Ruhe", erläutert Sebastian Furlan.
Auf struktureller Ebene sorgt die Bürokratie für große Hindernisse: Für nahezu jeden Schritt, von der Beantragung von BAföG oder Halbwaisenrente bis hin zu einfachen Ummeldungen, sind umfangreiche Anträge erforderlich, deren Bearbeitung oft viel Zeit in Anspruch nimmt. Die chronische Unterbesetzung in Jugendämtern verlängert die Wartezeiten auf Entscheidungen, etwa bei Anträgen für Bekleidungsbeihilfen. Hinzu kommt die Europäische Datenschutzgrundverordnung: Minderjährige dürfen beispielsweise Informationen wie Kindergeldangelegenheiten nicht selbst einholen, sondern sind auf die Kooperation ihrer Sorgeberechtigten angewiesen – die häufig nicht gegeben ist. Diese Barrieren führen nicht nur zu Verunsicherung seitens der Jugendlichen, sondern binden auch bis zu 30 Prozent der Arbeitszeit der Pädagogen und Pädagoginnen, die diesen dann für die Direktarbeit mit den jungen Menschen fehlt.
Jugendwohnen prägt Lebenswege
Während sich das Vermeidungsverhalten der Jugendlichen mit pädagogischem Geschick und Geduld auffangen lässt, sind die bürokratischen Hürden von der Heimstatt selbst jedoch kaum zu beeinflussen – sie verlangen strukturelle Lösungen jenseits der pädagogischen Arbeit.
Trotz aller Hindernisse – Jugendwohnheime wie Christ König unterstützen zahlreiche junge Menschen erfolgreich auf ihrem Weg in eine Ausbildung und ein eigenständiges Leben.
Besonders schön sei es, berichtet Sebastian Furlan, wenn bei Sommerfesten oder Weihnachtsfeiern ehemalige Bewohner und Bewohnerinnen zu Besuch kämen und erzählten, wie es für sie in der Einrichtung gewesen sei und welche Erfolge sie in der Zwischenzeit erzielt hätten – wie zum Beispiel eine größere Wohnung, ein erfolgreicher Arbeitsplatzwechsel oder die Familiengründung. "Es ist schön zu sehen, dass das Jugendwohnheim ein Sprungbrett für die meisten unserer Jugendlichen ist", freut er sich und berichtet von einem Mann, der inzwischen bei der Stadt Düsseldorf im Garten- und Landschaftsbau arbeitet. "Er wohnte vor über 12 Jahren bei uns. Bis heute kommt er gerne zu Besuch und bringt auch seine Kinder mit. Dann reden wir von der Zeit damals. Früher hat er viel "Unsinn" angestellt, heute lachen wir darüber."
Ein Modell mit Strahlkraft: Jugendwohnen stärkt Gesellschaft und Wirtschaft
Das Jugendwohnen, wie es in der Heimstatt praktiziert wird, leistet einen zentralen Beitrag zur Bewältigung einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung: dem Übergang von der Schule in den Beruf. Durch die Kombination aus sicherem Wohnraum, individueller sozialpädagogischer Begleitung und gezielter beruflicher Förderung wird nicht nur der Einstieg in Ausbildung und Beruf ermöglicht, sondern auch die Grundlage für ein eigenständiges Leben gelegt. Dass dieser Übergang alles andere als selbstverständlich gelingt, zeigen die Zahlen: Bundesweit werden rund 30 Prozent aller Ausbildungsverträge vorzeitig aufgelöst. Häufig geschieht dies wegen unrealistischer Vorstellungen vom gewählten Beruf. Und genau hier setzt die gezielte Berufsorientierung im Jugendwohnen an. Gelingt der Übergang dennoch, profitiert davon nicht nur der einzelne junge Mensch, sondern auch eine Gesellschaft, die 2024 rund 487.000 Fachkräfte vermisste.
Durch die Kombination aus sicherem Wohnraum, individueller sozialpädagogischer Begleitung und gezielter beruflicher Förderung wird nicht nur der Einstieg in Ausbildung und Beruf ermöglicht, sondern auch die Grundlage für ein eigenständiges Leben gelegt.
Das Besondere der Heimstatt liegt dabei in ihrem klaren pädagogischen Prinzip: Sie versteht sich als Übungsfeld für junge Menschen auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Schutz und Unterstützung auf der einen, Freiheiten und Ausprobieren auf der anderen Seite – dieses Wechselspiel ermöglicht es den Jugendlichen, sich selbst und ihre Fähigkeiten kennenzulernen, auch Fehler zu machen und daraus zu lernen. Der bewusste Umgang mit Freiheit wird so zum Motor für Eigenverantwortung. Ergänzt wird dies durch Einzelzimmer, die den jungen Menschen einen geschützten Rückzugsort und echte Privatsphäre bieten.
Getragen wird dieses Prinzip von zwei weiteren Säulen: der Wertschätzung und Einbindung der Mitarbeitenden bei wichtigen Entscheidungen, so Sebastian Furlan, sowie der engen Vernetzung mit dem Umfeld – denn es geht nicht darum, dass sich das Leben der Jugendlichen im Wohnheim abspielt, sondern darum, dass sie "nach draußen" gehen und sich gesellschaftlich integrieren, in Schule, Arbeit, Freundeskreis und Vereinen.

Heimstatt Christ König

Für den kleinen Kick zwischendurch.
Damit Modelle wie diese ihre volle Wirkung entfalten können, ist es entscheidend, dass Kommunen und politische Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen den Bedarf an Begleitung für junge Volljährige anerkennen – und zwar nicht nur in wirtschaftlich guten Zeiten. Gerade weil sich das Jugendwohnen aus Mitteln mehrerer Sozialgesetzbücher speist, ist es in angespannten Haushaltslagen besonders anfällig für Kürzungen – wo doch der Bedarf an Übergangsbegleitung angesichts des demografischen Wandels eher noch steigen wird. Jugendwohnen muss daher als fester Bestandteil der Übergangsförderung verstanden und nachhaltig finanziert werden.
Insgesamt zeigt das Modell, dass Zuwendung, klare Strukturen und ein unterstützendes Netzwerk den Unterschied machen – und dass diese Prinzipien flächendeckend übertragbar sind. Es ist ein Erfolgsmodell für den Übergang von Schule zu Beruf, das individuelle Lebenswege verbessert und zugleich der Gesellschaft als Ganzes zugutekommt.