19.03.2026 | Redaktion | Robert Bosch Stiftung
Junge Menschen wollen gehört werden
Fehlende Mitbestimmung und Mobbing als wichtige Elemente psychischer Belastung
Die Ergebnisse des Schulbarometers Schüler:innen 2025/2026, veröffentlicht von der Robert Bosch Stiftung, zeigen eine weiterhin hohe psychosoziale Belastung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Das Wohlbefinden junger Menschen spielt jedoch eine zentrale Rolle für die gesunde Entwicklung in einer besonders prägenden Lebensphase, an deren Ende der Übergang in Ausbildung und Beruf steht, und in der Bildungs- und Teilhabechancen mit langfristigen Auswirkungen wahrgenommen werden sollten.
Bild: Ausschnitt aus dem Titelbild
Erstmals seit dem Ende der Corona-Pandemie nimmt die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen wieder zu, das zeigt das aktuell veröffentlichte Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung. Besonders betroffen sind offenbar Kinder aus einkommensschwachen Familien und solche mit erhöhtem Förderbedarf. Das Wohlbefinden steigt jedoch, wenn junge Menschen die Möglichkeit haben, ihren Schulalltag durch Mitbestimmung mit zu gestalten. Dagegen bleibt Mobbing in jeder Form ein Problem, mit dem sich Schulen dauerhaft auseinandersetzten müssen. Die Befragung wurde von der Universität Leipzig durchgeführt, die bundesweite repräsentative Stichprobe umfasste 1.507 Schülerinnen und Schüler an allgemein- und berufsbildenden Schulen im Alter von acht bis 17 Jahren sowie je einem Elternteil. Die Expertinnen und Experten haben insgesamt vier zentrale Ergebnisse identifiziert, zu denen sie jeweils Handlungsempfehlungen geben.
Psychische Belastung
Rund 15 Prozent der Befragten weisen psychische Auffälligkeiten auf, weitere zehn Prozent liegen im Grenzbereich; damit zeigt etwa ein Viertel aller acht- bis 17-Jährigen Hinweise auf ein hohes psychisches Belastungserleben – ein tendenziell leichter Anstieg gegenüber den Daten aus dem Schulbarometer mit Schüler:innen 2024 (21 Prozent). Parallel dazu berichten 26 Prozent der Befragten über eine geringe Lebensqualität (Vergleich 2024: 27 Prozent). Insbesondere Kinder und Jugendliche, die psychisch belastet sind, geben eine niedrige Lebensqualität an. Weiterhin zeigen die Ergebnisse, dass Kinder und Jugendliche aus Familien mit sehr niedrigem Einkommen sowie Schüler:innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf vergleichsweise häufig psychische Auffälligkeiten aufweisen und über eine geringe Lebensqualität berichten. Die Werte zeigen einen anhaltend hohen Unterstützungsbedarf, dem eine unzureichende Versorgungsstruktur gegenübersteht: Wartezeiten für psychotherapeutische Hilfe sind teils sehr lang, und die vorhandenen Unterstützungsangebote in Schulen reichen nicht aus.
Empfehlung
Neben der Stärkung individueller Ressourcen und dem Ausbau niedrigschwelliger schulischer und außerschulischer Präventions- und Unterstützungsangebote ist auch eine konsequente Verhältnisprävention erforderlich. Diese sollte soziostrukturelle Benachteiligungen wie Armut reduzieren, gute Bedingungen in Bildungseinrichtungen schaffen und soziale Unterstützungssysteme stärken.
Die soziale Herkunft oder ein erhöhter Förderbedarf sind entscheidende Faktoren für die mentale Gesundheit.
Schulisches Wohlbefinden und Unterrichtsqualität
In engem Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit steht das schulische Wohlbefinden, das als Voraussetzung für positive Lernergebnisse, aber auch als wesentliches Bildungsergebnis selbst betrachtet werden kann. Der Großteil der Schüler:innen (75 Prozent) berichtet von einem mittleren, acht Prozent berichten von einem hohen und 16 Prozent von einem geringen schulischen Wohlbefinden. Damit ähneln die Ergebnisse denen der vorherigen Erhebung (2024: 71 Prozent mittleres, acht Prozent hohes und 20 Prozent geringes schulisches Wohlbefinden). Kinder und Jugendliche aus finanziell belasteten Familien und solche mit psychischen Auffälligkeiten geben besonders häufig an, sich in der Schule nicht wohlzufühlen. Demgegenüber zeigen sich Unterschiede nach Schulform nur selten und in vergleichsweise geringer Ausprägung.
Empfehlung
Die Förderung von Lernleistungen und die Förderung des schulischen Wohlbefindens stehen nicht miteinander in Konkurrenz. Was seit Jahrzehnten im Kern als "guter Unterricht" bezeichnet wird, hat nicht nur das Potenzial, die Lernleistungen der Schüler:innen positiv zu beeinflussen. Tiefenmerkmale der Unterrichtsqualität wie konstruktive Unterstützung und Passung hängen darüber hinaus auch positiv mit dem schulischen Wohlbefinden zusammen. Die Bedeutung guten Unterrichts für den Kompetenzerwerb und das schulische Wohlbefinden der Schüler:innen sollte dementsprechend allen unterrichtenden Personen bewusst sein. Feedback von Schüler:innen kann Lehrkräfte dabei unterstützen, Bereiche zu identifizieren, in denen ihr Unterricht noch Entwicklungsbedarf hat.
Partizipation und Mitbestimmungsmöglichkeiten
Schüler:innen, die über mehr Mitbestimmung in Schule und Unterricht berichten, zeigen nicht nur ein höheres schulisches Wohlbefinden, sondern geben insgesamt auch eine höhere Lebenszufriedenheit an. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Schule von den Schüler:innen insgesamt als gering eingeschätzt werden. Während 34 Prozent bei Klassenregeln und 19 Prozent bei schulischen Aktivitäten (zum Beispiel Projektwochen) viel oder sehr viel mit bestimmen können, bewerten die Schüler:innen ihren Einfluss auf die Unterrichtsgestaltung und Leistungsbewertung als gering. So können beispielsweise bei der Auswahl der Unterrichtsinhalte und -materialien etwa die Hälfte der Schüler:innen gar nicht mitbestimmen. Bei der Notengebung und den Prüfungsterminen geben jeweils etwa zwei Drittel der Befragten an, keine Möglichkeiten zur Mitbestimmung zu haben. Gleichzeitig wünscht sich eine deutliche Mehrheit (64-74 Prozent) mehr Mitbestimmung in nahezu allen schulischen Bereichen.
Empfehlung
Mehr Partizipation korreliert mit einem höheren schulischen Wohlbefinden und einer gesteigerten Lebensqualität. Daher sollten bestehende Strukturen wie Schülervertretungen und Klassenleitungsstunden gezielt ausgebaut und effektiver genutzt werden. Für eine nachhaltige Stärkung der Partizipation benötigen Schulen transparente Entscheidungsprozesse sowie klar definierte, altersgerechte und strukturell verankerte Beteiligungsformate. Diese Maßnahmen fördern nicht nur das Wohlbefinden und die demokratische Handlungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen, sondern tragen nachhaltig zu einer positiven Schulkultur bei. Umso wichtiger ist es, dass Lehrkräfte und Schulleitungen die Partizipation und Mitbestimmung von Schüler:innen als grundlegendes Prinzip von Schule und Unterricht verstehen – nicht als optionales Element.
Wer mitentscheiden darf, fühlt sich in der Schule wohler. Wichtig sind altersgerechte und strukturell verankerte Beteiligungsformate.
Mobbing und Cybermobbing
Die Erhebung erfasst Mobbing als wiederholte, gezielte, unerwünschte und negative bis aggressive Handlungen unter Schüler:innen, die im persönlichen und direkten Miteinander oder über das Handy beziehungsweise über soziale Medien ausgeübt werden können. Den Daten zufolge berichten 30 Prozent der elf- bis 17-Jährigen, im aktuellen Schuljahr wiederholt (das heißt, mindestens monatlich) solchen negativen sozialen Verhaltensweisen ihrer Mitschüler:innen ausgesetzt gewesen zu sein. Der Anteil ist unter den Jugendlichen um das 14. Lebensjahr am höchsten. Besonders intensive Mobbingerfahrungen, das heißt eine mindestens monatliche Konfrontation mit vier oder fünf unterschiedlichen Varianten des Mobbingverhaltens, berichteten sieben Prozent. Eine mindestens wöchentliche oder sogar (fast) tägliche Schikane wie Beschimpfen, Bedrohen oder das Verbreiten gemeiner Gerüchte erlebten – je nach Art des Mobbingverhaltens – vier bis zwölf Prozent der elf- bis 17-jährigen Befragten. Mobbing im direkt-persönlichen Kontakt wird häufiger erlebt als Cybermobbing, tritt aber oft in Kombination mit diesem auf. Deutlich wird, dass eigene Mobbingerfahrungen eng mit geringerem schulischem Wohlbefinden, psychischen Auffälligkeiten und einem geringer ausgeprägten Zugehörigeitsgefühl zur Schule zusammenhängen.
Empfehlung
Es ist wichtig, Hinweise auf das Problem frühzeitig zu erkennen und entsprechende Handlungen zu sanktionieren. Entscheidend ist aber auch, wie Schulen mit dem Thema umgehen und welche Strukturen und Maßnahmen zur Prävention sowie bei Hilfebedarf vorhanden sind. Maßnahmen zur Sensibilisierung sowie Präventions- und Interventionsaktivitäten zu Mobbing und Cybermobbing sind bereits in der Grundschule unverzichtbar und geben wichtige Impulse für die Förderung der psychosozialen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Hier zeigt die Befragung, dass sowohl die Schüler:innen als auch deren befragte Elternteile überwiegend von entsprechenden Unterstützungsangeboten an ihrer Schule berichten. Weiterführende Untersuchungen sollten der Frage nachgehen, welche Ergänzungen und Hilfen an Schulen gebraucht werden, um Präventions- und Unterstützungsangebote erfolgreich umsetzen zu können.