12.05.2026 | Redaktion | nfb
KI in der Berufsberatung
"nfb kurzgefasst" mit Schwerpunktthema Künstliche Intelligenz
Unter dem neuen Titel "nfb kurzgefasst" veröffentlicht das Nationale Forum Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung (nfb) seinen Newsletter in veränderter Form: Jede Ausgabe erhält nun einen eigenen Schwerpunkt. Im aktuellen Newsletter geht es um den Einsatz von KI. Der Impulsbeitrag des Newsletters "Künstliche Intelligenz in der Beratung" beschäftigt sich mit der Frage, wie KI die Art und Weise verändert, wie Beratungspersonal Menschen bei der Berufswahl unterstützen kann, welche Chancen ihre Werkzeuge bieten und wo ihre Grenzen liegen.
Die Autoren Peter C. Weber, Tillmann Grüneberg und Bernd-Joachim Ertelt gehen davon aus, dass KI zunehmend als eine der wichtigsten Perspektiven für die Zukunft der Beratung angesehen wird: "Auf der einen Seite steht die Praxis unter einem enormen Druck, diese neuen Technologien einzubinden, da sie in allen anderen Lebensbereichen bereits allgegenwärtig sind. Auf der anderen Seite gibt es berechtigte kritische Stimmen, die vor den Risiken warnen." Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz gehe bereits weit über das bloße Zurverfügungstellen eines simplen digitalen Werkzeugs hinaus. KI könne in völlig unterschiedlichen Rollen vor, während und nach einer Beratung auftreten.
Die Autoren identifizieren folgende Nutzungskategorien:
- KI als passives Werkzeug zur Bereitstellung von Informationen oder Strukturierung von Texten
- KI als Assistenzakteur, der gezielt die Beratungsfachkraft unterstützt, etwa durch Recherche oder das Zusammenfassen von Gesprächsprotokollen
- KI als kooperativer Akteur, der dabei hilft, Kriterien zu modellieren und Lösungsräume aufzuzeigen
- KI als Dialogpartner zur Vorbereitung von "echten" Gesprächen
- KI als Zugangsmedium und Lotse, der jungen Menschen als niedrigschwelliger erster Kontakt dient
- KI als Diagnostik- und Prognoseinstrument, um Passungen zwischen den Fähigkeiten einer Person und potenziellen Berufen zu ermitteln
- KI als Instrument der Professionalisierung, etwa um schwierige Gesprächssituationen gefahrlos simulieren und trainieren zu können
Daneben könne KI aber auch ein "unsichtbarer Dritter" sein: "Sehr häufig nutzten Ratsuchende heute eigenständig KI-Bots, bevor sie überhaupt eine Beratungsstelle betreten. Sie bringen dann KI-generierte Vorentscheidungen, Recherchen oder vermeintliches Wissen mit in das Gespräch." Für die Beratungsfachkräfte entstehe daraus eine völlig neue Aufgabe: Sie müssten die von der KI generierten Inhalte gemeinsam mit den Ratsuchenden kritisch einordnen, in den richtigen Kontext setzen und auf die Grenzen der Technik hinweisen. "Die Rolle des Beraters verschiebt sich also immer weiter weg von der reinen Informationsvermittlung hin zu einer reflexiven Begleitung des Orientierungsprozesses."
Generierte Inhalte kritisch prüfen
Für die professionelle Berufsberatung bringe die Funktionsweise von KI erhebliche Herausforderungen mit sich. Beratende müssten generierte Inhalte stets mit einem überaus kritischen Auge prüfen. Ein zentrales Problem sei die sogenannte Black-Box-Problematik: Selbst die Entwicklerinnen und Entwickler von KI-Modellen könnten oft nicht mehr exakt nachvollziehen, wie das System zu einer bestimmten Entscheidung oder Antwort gekommen sei. Neben den berüchtigten "Halluzinationen" von KI müssten vor allem die Verzerrungen (Bias) in den Trainingsdaten der KI kritisch hinterfragt werden: "Wenn ein Sprachmodell mit geschlechterstereotypen oder kulturell einseitigen Daten trainiert wurde, wird es diese Muster unweigerlich in seinen Ratschlägen reproduzieren. Fachkräfte in der Beratung müssen diese Tücken genau kennen, um sie einordnen und Ratsuchende davor schützen zu können."
KI darf aus Sicht der Autoren nicht als Ersatz für menschliche Empathie und Professionalität missverstanden werden. Sie sei vielmehr eine ergänzende Technologie, deren Nutzung einen klaren fachlichen und ethischen Rahmen erfordert. Künstliche Intelligenz berge ein enormes Potenzial, um die Berufsorientierung und -beratung auf das nächste Level zu heben. Ein großer Bedarf bestehe vor allem an KI-Modellen, die über die reine Kommunikationsfähigkeit generativer Bots hinausgehen und echte fachliche Bezüge zur Arbeitsmarkt- und Berufswahltheorie aufweisen. Damit das gelinge, müssten Beraterinnen und Experten zwingend in die Entwicklung der Technik eingebunden werden. Zuletzt entscheide sich der Erfolg von KI an der Basis: "Nur wenn die Lernbedarfe, Vorbehalte und Ideen der Praktikerinnen und Praktiker ernst genommen und gezielt in Fort- und Weiterbildungen integriert werden, kann KI vom bloßen Hype zu einem echten, vertrauenswürdigen Helfer in der Berufsberatung heranreifen."
Weitere Informationen
- nfb: kurzgefasst 1/2026
Der Impulsbeitrag von Peter C. Weber, Tillmann Grüneberg und Bernd-Joachim Ertelt basiert auf einem Beitrag der Autoren, der im BIBB-Datenreport 2026 erschienen ist.