29.09.2026

Mentale Gesundheit stärken – Übergänge gestalten

Analyse und Empfehlungen auf Basis der Erfahrungen von "Mental Health Coaches"

von Özlem Tokyay

Mentale Gesundheit ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass junge Menschen lernen, sich entwickeln und ihren Bildungs- und Berufsweg gestalten können. Gleichzeitig zeigen aktuelle Studien, dass psychische Belastungen für viele junge Menschen zum Alltag gehören. Erschöpfung, Ängste, Einsamkeit und hoher Leistungsdruck prägen ihre Lebensrealität. Dabei geht es nicht allein um individuelle Bewältigung. Ob junge Menschen mit Belastungen umgehen können, hängt wesentlich davon ab, welche Beziehungen, Räume und Unterstützungsangebote ihnen zur Verfügung stehen.

Studienlage: Belastungen nehmen zu

Copyright Informationen anzeigenEine Gruppe von weiblichen und männlichen Jugendlichen sitzt im Kreis und führt ein ernstes Gespräch

Die aktuelle Studienlage zeichnet ein konsistentes Bild. Das Deutsche Schulbarometer 2025/26 (1) zeigt, dass die psychische Belastung von Schüler*innen erstmals seit der Corona-Pandemie wieder zunimmt. Besonders betroffen sind junge Menschen aus einkommensschwachen Familien. Gleichzeitig berichten viele Schüler*innen von hohem Leistungsdruck und davon, nicht ausreichend mitbestimmen zu können. Die COPSY-Studie (2) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf macht deutlich, dass die unmittelbaren Folgen der Pandemie an Bedeutung verlieren, während andere Krisen stärker in den Vordergrund treten. 72 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen sorgen sich wegen Kriegen, 70 Prozent wegen Terrorismus und 57 Prozent wegen der Klimakrise. Ängste, depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden sind damit keine Randerscheinungen.

Portrait Özlem Tokyay


Özlem Tokyay ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Jugendsozialarbeit bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS). Zuvor hat sie das vom BMBFSFJ geförderte Modellvorhaben "Mental Health Coaches" bundesweit mit aufgebaut, inhaltlich mitentwickelt und koordiniert. Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen in den Bereichen mentale Gesundheit, Chancengerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe junger Menschen.

    Der DAK-Präventionsradar (3) ergänzt diese Befunde: 65 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen berichten von häufiger Erschöpfung, 33 Prozent von Einsamkeit. Zugleich macht die YEP-Studie (4) deutlich, dass junge Menschen nicht nur Belastungen beschreiben. Sie formulieren auch sehr konkrete Vorstellungen davon, was ihnen guttut: Zugehörigkeit, Beteiligung, Orientierung und verlässliche Unterstützung.

    Es ist wichtig, Prävention im Alltag junger Menschen zu verankern – dort, wo sie lernen, arbeiten und ihren Alltag verbringen.

    Diese Perspektive ist entscheidend. Mentale Gesundheit lässt sich nicht allein als individuelle Fähigkeit verstehen, mit Belastungen umzugehen. Sie entsteht im Zusammenspiel persönlicher Ressourcen, sozialer Beziehungen und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Wer Prävention stärken will, muss deshalb auch danach fragen, wie Lebenswelten gestaltet sind und welche Möglichkeiten junge Menschen haben, Unterstützung zu erhalten und ihre eigenen Anliegen einzubringen.

    Mehr als jede*r Zweite erlebt psychische Belastungen in der Ausbildung

    Der Übergang in Ausbildung und Beruf bringt neue Anforderungen und Veränderungen mit sich. Für viele junge Menschen ist diese Phase mit neuen Verantwortlichkeiten und der Frage nach der eigenen beruflichen Zukunft verbunden. Laut DGB-Ausbildungsreport 2026 (5) geben 50,6 Prozent der befragten Auszubildenden an, psychische Belastungen zu erleben. Als zentrale Belastungsfaktoren werden Leistungs- und Zeitdruck (20,9 Prozent), Personalmangel (19,6 Prozent) und Verantwortungsdruck (19,2 Prozent) genannt. Auch Schichtdienste und die Lage der Arbeitszeit (17,7 Prozent) sowie lange Fahrtzeiten (16,5 Prozent) spielen eine relevante Rolle.

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    Die aktuelle Untersuchung der Bertelsmann Stiftung und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) (6) zur mentalen Gesundheit von Auszubildenden zeigt zudem, wie eng psychisches Wohlbefinden und Ausbildungserfolg miteinander verbunden sind. Junge Menschen mit stark eingeschränktem Wohlbefinden denken deutlich häufiger über einen Ausbildungsabbruch nach. Gleichzeitig sprechen viele Auszubildende psychische Belastungen nicht an, unter anderem aus Sorge vor möglichen Nachteilen.

    Psychische Belastungen entstehen nicht ausschließlich aus individuellen Situationen. Auch die Bedingungen, unter denen Ausbildung stattfindet, können Belastungen verstärken oder Schutzfaktoren schaffen. Verlässliche Beziehungen, erreichbare Ansprechpersonen, Beteiligungsmöglichkeiten und eine gute Arbeitsorganisation sind deshalb nicht nur Fragen guter Ausbildung, sondern auch Faktoren für mentale Gesundheit.

    Verlässliche Beziehungen, erreichbare Ansprechpersonen, Beteiligungsmöglichkeiten und eine gute Arbeitsorganisation sind nicht nur Fragen guter Ausbildung, sondern auch Faktoren für mentale Gesundheit.

    Die Unternehmen sehen selbst einen wichtigen Ansatzpunkt in den (Berufs-)Schulen. "Der größte Wunsch der Unternehmen zur Stärkung der psychischen Gesundheit ist eine bessere Prävention in der Schule und der Berufsschule", sagt Dirk Werner vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Prävention soll junge Menschen frühzeitig erreichen, den Einstieg in Ausbildung unterstützen und dazu beitragen, dass Ausbildung auch unter schwierigen Bedingungen gelingt. Die Erfahrungen aus dem Modellvorhaben "Mental Health Coaches" liefern hierfür wichtige Anknüpfungspunkte. Über zweieinhalb Jahre hat das Modellvorhaben an Schulen junge Menschen mit Angeboten zur mentalen Gesundheit erreicht – darunter auch an Berufsschulen.

    Was sich aus dem Modellvorhaben "Mental Health Coaches" lernen lässt

    Die Erfahrungen aus dem Modellvorhaben "Mental Health Coaches" machen deutlich, wie wichtig es ist, Prävention im Alltag junger Menschen zu verankern – dort, wo sie leben, lernen und arbeiten. Dafür braucht es verlässliche Angebote. Wie Prävention im schulischen Alltag konkret umgesetzt werden kann, wurde im Modellvorhaben erprobt. Bundesweit waren Fachkräfte der Erziehungswissenschaften, Sozialen Arbeit und Psychologie an rund 80 Standorten und etwa 125 Schulen tätig. Sie entwickelten gemeinsam mit den Schulen bedarfsorientierte Gruppenangebote und schufen Räume, in denen junge Menschen ihre Themen ansprechen, sich austauschen und konkrete Strategien für den Umgang mit Belastungen erlernen konnten.

    Die begleitende Evaluation der Universität Leipzig zeigt eine positive Bewertung des Ansatzes durch die beteiligten Schulen. 80 Prozent der befragten Schulleitungen schätzten die Akzeptanz der Fachkräfte bei den Schüler*innen als hoch ein, über 80 Prozent bewerteten deren Qualifikation positiv und rund 90 Prozent waren mit der Zusammenarbeit zufrieden. Mehr als 80 Prozent wünschten sich eine Fortsetzung an ihrer Schule; über 90 Prozent sprachen sich für eine flächendeckende Einführung aus. Auch die Schüler*innen bewerteten die Angebote positiv. Neun von zehn würden ein bereits besuchtes Angebot erneut nutzen.

    Gelingensbedingungen – Was sich in der Praxis bewährt hat

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    Wirksame Prävention setzt an den tatsächlichen Bedarfen junger Menschen an und bleibt in der Umsetzung flexibel. Verlässliche Ansprechpersonen schaffen die notwendige Vertrauensbasis, gerade bei persönlichen oder belastenden Themen. Fachliche Expertise aus Sozialpädagogik und psychosozialer Arbeit ergänzt bestehende schulische Strukturen und eröffnet zusätzliche Perspektiven. Unterschiedliche Methoden und Formate ermöglichen es, auf verschiedene Bedürfnisse einzugehen und Jugendliche aktiv einzubeziehen. Bewährt hat sich zudem die enge Zusammenarbeit mit Lehrkräften, Schulsozialarbeit, Jugendhilfe und weiteren Fachkräften sowie mit regionalen Unterstützungs- und Beratungsstrukturen. Wo unterschiedliche Kompetenzen, Angebote und Perspektiven zusammengeführt werden, können Bedarfe frühzeitig wahrgenommen, passende Unterstützung vermittelt und Übergänge besser gestaltet werden.

    Herausforderungen – Wo strukturelle Grenzen sichtbar werden

    Trotz der positiven Erfahrungen zeigen sich klare strukturelle Grenzen. Befristete Projektlaufzeiten erschweren den Aufbau nachhaltiger Beziehungen und verlässlicher Kooperationen. Gleichzeitig steigt der Unterstützungsbedarf junger Menschen, während präventive und psychosoziale Angebote regional sehr unterschiedlich verfügbar sind. Fehlende Planungssicherheit erschwert zudem die Bindung qualifizierter Fachkräfte und die dauerhafte Zusammenarbeit mit Schulen. Hinzu kommt ein hoher organisatorischer und administrativer Aufwand, der Ressourcen bindet, die für die direkte Arbeit mit jungen Menschen benötigt werden. Prävention kann nur nachhaltig wirken, wenn sie nicht dauerhaft unter prekären strukturellen Bedingungen arbeiten muss.

    Handlungsempfehlungen – Prävention nachhaltig verankern

    Aus den Erfahrungen des Modellvorhabens ergeben sich zentrale Handlungsaufträge für Politik und Fachpraxis:

    • Prävention als Regelaufgabe etablieren: Mentale Gesundheit muss in Schule und Jugendsozialarbeit einen festen Platz erhalten – nicht als zeitlich begrenztes Zusatzangebot, sondern als Bestandteil präventiver Bildungs- und Unterstützungsstrukturen.
    • Langfristige Finanzierung sicherstellen: Wirksame Prävention braucht Kontinuität. Befristete Projektförderungen reichen nicht aus, um Fachkräfte zu binden, Kooperationen aufzubauen und tragfähige Strukturen zu entwickeln.
    • Prävention über Ressortgrenzen hinweg denken: Mentale Gesundheit ist eine Querschnittsaufgabe von Bildungs-, Jugend-, Gesundheits- und Sozialpolitik. Zuständigkeiten und Förderstrukturen müssen deshalb stärker zusammengedacht werden.
    • Übergänge als präventive Schlüsselstellen berücksichtigen: Der Wechsel von Schule in Ausbildung und Beruf sollte stärker in Strategien zur Förderung mentaler Gesundheit einbezogen werden. Gerade an diesen Übergängen müssen Unterstützungsangebote anschlussfähig bleiben.
    • Erfolgreiche Modellansätze systematisch sichern und übertragen: Modellvorhaben schaffen wertvolles Praxiswissen. Dieses sollte nach Abschluss nicht verloren gehen, sondern wissenschaftlich ausgewertet, fachlich weiterentwickelt und in geeignete Regelstrukturen überführt werden.
    • Jugendliche als Expert*innen ihrer Lebenswelt einbeziehen: Eine nachhaltige Präventionsstrategie muss die Perspektiven junger Menschen systematisch berücksichtigen – bei der Entwicklung ebenso wie bei der Bewertung von Angeboten.

    Weitere Informationen

    • JMD: Abschlussbroschüre "Mental Health Coaches"
      Eine ausführliche Darstellung der Erfahrungen und fachlichen Erkenntnisse aus dem Modellvorhaben "Mental Health Coaches" bietet die Abschlusspublikation. Sie dokumentiert die Umsetzung des Programms und gibt Einblicke in zentrale Erfahrungen aus der Praxis.

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