12.04.2021

Den Lernkulturschock vermeiden

Der Einsatz digitaler Lernformen in der Ausbildung

von Lutz Goertz

Der sichere Umgang mit digitalen Lernformen wird für künftige Auszubildende noch wichtiger werden. Denn schon jetzt werden in der Ausbildung digitale Lernwerkzeuge eingesetzt, die den Auszubildenden aus der allgemeinbildenden Schulzeit kaum oder gar nicht bekannt sind.

Der Beginn einer Ausbildung ist der Eintritt in eine ganze neue Welt. Die Auszubildenden lernen Betriebe, ihre Arbeitsabläufe und die anfallenden Aufgaben kennen. Auch die Berufsschule hat eine andere Struktur als ihre bisherige Schule. Vor allem aber: In der Ausbildung wird anders gelernt. Und diese neuen Lernformen sollte man erst einmal kennenlernen. Dies gilt umso mehr für digitale Lernformen, die an allgemeinbildenden Schulen nicht eingesetzt werden. Dieser Beitrag liefert einen Überblick darüber, welche Lernwerkzeuge im Vergleich mit der allgemeinbildenden Schule neu hinzukommen – und was künftige Auszubildende tun können, um sich mit neuen digitalen Lernwerkzeugen vertraut zu machen. Der Beitrag stützt sich auf Erfahrungen des mmb Instituts aus den Projekten "Social Augmented Learning" und "Social Virtual Learning" sowie auf Forschungsergebnisse aus den Studien des "Monitor Digitale Bildung", die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert worden sind.

Portraitfoto von Lutz Goertz

Dr. Lutz Goertz leitet die Bildungsforschung des mmb Institut am Standort Essen. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören unter anderem Bildungsforschung, Trendscouting, KI, Virtual Reality und Digitales Lernen. Im Kooperationsprojekt "Monitor Digitale Bildung" der Bertelsmann Stifung und des mmb Instituts, hat er die methodische Leitung. Bild: mmb Institut.

    Der Einsatz digitaler Lernmedien in allgemeinbildenden Schulen

    Trotz digitaler Lernmedien: Frontalunterricht ist nach wie vor stark verbreitet. Bild: Syda Productions/Adobe Stock

    Nicht erst seit der Corona-Pandemie spielen digitale Lerntechnologien an allgemeinbildenden Schulen eine immer größere Rolle. Schon 2017 ergab eine Befragung von über 500 Schülerinnen und Schülern im Rahmen des "Monitor Digitale Bildung": Viele Lehrerinnen und Lehrer setzen regelmäßig Präsentationsprogramme und Standard-Computerprogramme wie Microsoft Office, Lernvideos oder Video Lectures und Wikis zum Lernen ein. Zusätzlich kennen Schülerinnen und Schüler aus ihrer Freizeit Social-Media-Anwendungen wie WhatsApp oder Instagram, die aber in der Schule kaum zum Einsatz kommen.

    Aus den hier genannten Formen kann man auch auf die didaktischen Konzepte für den Unterricht schließen: Präsentationsprogramme sprechen eher für einen klassischen Frontalunterricht. Bei Computerprogrammen kann man davon ausgehen, dass sie im Unterricht auch in Gruppen- oder Einzelarbeit genutzt werden. Das Spektrum der didaktischen Konzepte ist allerdings nicht sehr umfangreich.

    Immerhin hat sich die Palette der eingesetzten Lernwerkzeuge durch den Home-Schooling-Unterricht infolge der Corona-Pandemie vergrößert. So sind Webkonferenztools wie "Jitsi" oder "BigBlueButton" hinzugekommen. Andere Beispiele dafür sind die "HPI-Schulcloud" oder Lernplattformen der Länder wie "Logineo" in NRW.

    Der Einsatz digitaler Lernformen im Übergang Schule – Beruf

    An der Berufsschule und im Ausbildungsbetrieb angekommen, werden die Auszubildenden mit Lernformen konfrontiert, die so an den allgemeinbildenden Schulen kaum eine Rolle spielen (im folgenden Fehling et al. 2015, S. 8-10). Das System der Dualen Ausbildung hat in Deutschland eine Jahrhunderte alte Tradition, wodurch Lehr- und Lernmethoden über einen langen Zeitraum entwickelt und erprobt werden konnten. Die gängigsten Lehr- und Lernformen lassen sich in fünf didaktische Konzepte unterteilen:

    • Vormachen – Nachmachen
      Das "Vormachen – Nachmachen" ist das didaktische Kernelement der Ausbildung, indem die Ausbilderin oder der Ausbilder einen bestimmten Vorgang durchführt und die die Auszubildenden diesen Vorgang unter Aufsicht nachvollziehen. Dieses Verfahren wird so lange durchgeführt bis die Auszubildenden den Vorgang selbstständig beherrschen.
    • Aufgabenbezogenes Lernen
      Das aufgabenbezogene Lernen dominiert stärker als an der Schule. Die Auszubildenden müssen selbstständig Probleme lösen, die ihnen auch später im Arbeitsalltag begegnen. Für Rückfragen können sie sich an die Ausbilderin oder den Ausbilder wenden.
    • Projektorientiertes Lernen
      Projekte werden im geringeren Umfang auch an allgemeinbildenden Schulen durchgeführt, spielen aber in der Berufsschule und in der Ausbildung eine deutlich größere Rolle. Häufig arbeiten die Auszubildenden dabei in Gruppen zusammen.
    • Vermitteln von theoretischen Grundlagen
      Das Vermitteln theoretischer Grundlagen, insbesondere durch den klassischen Frontalunterricht, findet sich auch in der Ausbildung. Diese Art des Unterrichts ist den Auszubildenden bereits vertraut.
    • Überprüfung der Kompetenzen
      Auch die Überprüfung der Kompetenzen durch Tests und Klausuren kennen die Auszubildenden bereits aus ihrer Zeit an der allgemeinbildenden Schule.

    Auszubildende werden mit Lernformen konfrontiert, die an den allgemeinbildenden Schulen kaum eine Rolle spielen.

    Die Auszubildenden müssen sich aber nicht nur daran gewöhnen, wie in der Ausbildung gelernt wird. Auch womit sie lernen, unterscheidet sich teilweise von der bisherigen Schulzeit. Denn viele Unterrichtsmethoden und verwendeten Lerntools sind für die meisten Auszubildenden neu. Das betrifft sowohl analoge als auch besonders digitale Lehr- und Lernformen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten das Repertoire der Unterrichtsmethoden in der beruflichen Ausbildung ergänzt haben.

    Analoge und digitale Lernformen in der Ausbildung. Quelle: Fehling et al. (2015): Didaktisches Konzept. S. 10 Bild: überaus

    Natürlich sind nicht alle digitalen Lernformen, wenn auch viele, für die Auszubildenden erstmal ungewohnt. So kommen Wikis und Lernvideos auch in der allgemeinbildenden Schule zum Einsatz oder sind aus der Freizeit bekannt. Auch Webinare werden, in Form von Konferenztools wie "BigBlueButton" oder "Jitsi", seit dem pandemiebedingten Homeschooling schon in der allgemeinbildenden Schule für den Unterricht verwendet.

    Aber es gibt eben auch viele digitale Lernformen, die in der allgemeinbildenden Schulzeit nicht zum Einsatz kommen: Beispielsweise Simulationen oder Virtual-Reality-Anwendungen, mit denen man an computergenerierten Maschinen und Umgebungen trainieren kann und die inzwischen in der Dualen Ausbildung Einzug halten. Bücher und digitale Lerntexte werden durch interaktive Lernlektionen ergänzt, sogenannte Computer Based Trainings (CBT) und Web Based Trainings (WBT). Und computerunterstützte Tests als Prüfungsvorbereitung sind in der Schule eher unüblich.

    Selbstständige Recherche im Internet und der Einsatz von Selbstlernprogrammen sind in der Berufsschule wichtiger.

    Klick zum VergrößernBild: Monitor Digitale Bildung 2016/Bertelsmann Stiftung

    Hinzukommen die digitalen Lernformen, die die Auszubildenden in der Regel bereits beherrschen, die aber anders verwendet werden, als die Auszubildenden es bereits kennen. So sind Social Media den Auszubildenden in der Regel aus ihrer Freizeit vertraut, die Verwendung unterscheidet sich aber vom gewohnten freizeitlichen Austausch mit Gleichgesinnten. Die Auszubildenden müssen sich demnach an einen anderen Umgang gewöhnen. In der Ausbildung werden Social Media zum Beispiel als technische Unterstützung von dezentralen Azubi-Arbeitsgruppen eingesetzt, in denen sich die Gruppenmitglieder in Foren oder mit Microblogging über Fortschritte auf dem Laufenden halten.

    Neu ist erwartungsgemäß auch der Einsatz von berufsspezifischer Software, die an allgemeinbildenden Schulen noch keine Rolle spielt. Auch die selbstständige Recherche im Internet sowie der Einsatz von Selbstlernprogrammen wird in der Berufsschule wichtiger. Es gibt aber immerhin ein paar Konstanten zur vorangegangenen Schulzeit: Auch in der Berufsschule ist der Einsatz von Präsentationssoftware und PDF-Texten beim Lehrpersonal beliebt und den Auszubildenden bestens vertraut.

    Die Landschaft der digitalen Lernwerkzeuge

    Einmal pro Jahr erstellt das mmb Institut eine Übersicht über digitale Lerntechnologien und -werkzeuge, auch Tools genannt, um deren Einsatzmöglichkeiten transparent darzustellen. Hierfür wird ein Schema verwendet, das sechs Gruppen von Lernformen unterscheidet:

    • Selbstlernen
      Die Lerntools in dieser Gruppe dienen dem individuellen selbstorganisierten Lernen, beispielsweise beim Durcharbeiten eines Web Based Trainings (WBT) oder beim Lernen während der Arbeit mit "Learning Nuggets", also kurzen digitalen Lerneinheiten.
    • Lehrerzentriertes Lernen
      Hier haben Lehrende eine durchführende oder moderierende Rolle. Dies trifft zu für Online-Seminare/Online-Sessions, aber auch für das Online-Tutoring oder -Coaching sowie die Eins-zu-Eins-Betreuung von Lernenden, beispielsweise per Telefon oder Videokonferenz.
    • Gruppenzentriertes Lernen
      Lerntools, die in dieser Gruppe vertreten sind eignen sich zum Lernen in selbstorganisierten Gruppen, beispielsweise durch das gemeinsame Arbeiten an einem Projekt mit Internet-Kollaborationstools wie "Google Drive".
    • Gruppenzentriertes Kommunizieren
      Die Lernwerkzeuge dieser Gruppe dienen dem Austausch und zur Selbstorganisation in Lerngruppen. Zum Beispiel durch die schnelle Abstimmung über das gemeinsame Vorgehen mit "WhatsApp" oder den fachlichen Austausch in einem Forum, beispielsweise einer LinkedIn-Gruppe.
    • Universelle Lernwerkzeuge
      Diese Gruppe enthält Lerntools, die sich lehrerzentriert, gruppenzentriert und zum Selbstlernen einsetzen lassen. Dies gilt beispielsweise für den Einsatz von Lernvideos, die man als Lernender zum Selbstlernen und als Lehrender im Präsenzunterricht nutzen kann. Man kann sie aber auch gemeinsam in der Gruppe produzieren ("Lernen durch Lehren").
    • Universelle Wissensorganisation
      Die Gruppe umfasst Lernwerkzeuge, die – unabhängig vom Lernszenario – zur Organisation und Klassifizierung von Lerninhalten dienen. So kann man beispielsweise alleine oder in der Gruppe Lerninhalte in einem Wiki-Lexikon systematisieren und abrufen.
    Klick zum VergrößernDie Übersicht zeigt die "Vielfalt der Lernformen". Die Lernwerkzeuge, die in der Dualen Ausbildung in Zukunft häufiger eingesetzt werden sind blau hervorgehoben. Bild: mmb Institut

    In jeder dieser sechs Gruppen gibt es mindestens ein Lernwerkzeug, das in der Dualen Ausbildung schon jetzt oder in Zukunft häufiger eingesetzt wird. Zu diesen Lernwerkzeugen gehören neben den bereits oft verwendeten Videos und Wikis auch Werkzeuge wie Simulationen und der Einsatz von Augmented Reality (AR). Computer- oder Web Based Trainings (CBT/WBT) können Auszubildende in ihren Selbstlernphasen unterstützen. Der Austausch, beispielsweise in Lerngruppen, findet bereits häufiger über Soziale Netzwerke statt. Prüfungen via Computer werden schon länger durchgeführt. Durch die Corona-Pandemie stellt sich umso mehr die Frage, wie man Abschlussprüfungen auf Distanz und gleichzeitig rechtssicher absolvieren kann.

    In manchen Fällen lassen sich die Lernformen auch zwei Gruppen gleichzeitig zuordnen. So verbindet das Blended Learning klassische Präsenz- und Online-Seminare mit Gruppenarbeitsphasen und zählt deshalb sowohl zum lehrerzentrierten als auch zum gruppenzentrierten Lernen. Internet-Kollaborationstools wie Google Docs werden unter anderem dazu genutzt, gemeinsame Gruppen- oder Projektarbeiten zu erstellen. Zugleich dienen Kommentare am Rand der kollaborativen Dokumente dem kommunikativen Austausch im Gruppenprozess.

    Dem Kulturschock begegnen – Medienkompetenz erwerben

    Damit der Einsatz solcher digitaler Tools gut funktioniert, sollten Auszubildende künftig frühzeitig in die Anwendung der folgenden Lernwerkzeuge eingewiesen werden:

    • Augmented Reality
      Computergenerierte Informationen werden in ein reales Bild auf einem Smartphone oder Tablet eingeblendet.
    • Blended Learning
      Kursangebote als Mix aus Präsenzunterricht und Online-Lernen.
    • CBT/WBT
      Computer- beziehungsweise Online-Kurse zum Selbstlernen.
    • Online-Prüfungen
      Prüfungen als Abschluss eines formellen Lernangebots, die man von zu Hause aus absolvieren kann, mit zentraler Online-Beaufsichtigung (Proctoring).
    • Simulationen
      Software- oder Webangebote zum Lernen, in denen reale Vorgänge und Handlungen erprobt werden können.
    • Social Networks
      Online-Plattformen beziehungsweise Communities zum Austausch zwischen Lernenden mit verschiedenen Funktionen ("Time-Lines", Foren, Nutzerprofilen, Chat), beispielsweise Facebook, LinkedIn.
    • Virtual Classrooms
      Lernumgebungen für Gruppen zum gleichzeitigen Online-Lernen, auch zur Durchführung von Webinaren.
    • Virtual Reality
      computergenerierte 3D-Umgebung mit Lerninhalten, in der unter anderem Prozesse simuliert werden können.
    • Webinare
      Lehrveranstaltungen/Kurse, die über ein Webkonferenzsystem oder einen virtuellen Klassenraum übertragen werden.
    • Wikis
      Online-Lexika, deren Beiträge untereinander verknüpft werden, dienen auch zur Organisation der eigenen Lerninhalte.

    Sicherlich ist das Kennenlernen dieser neuen Lernwerkzeuge in erster Linie eine Aufgabe der berufsbildenden Schulen und der Ausbildungsbetriebe. Es gibt aber auch Möglichkeiten, schon vorher entsprechende Lernangebote zu nutzen, die die Medienkompetenz – und damit auch den souveränen Umgang mit Lernmedien – vermitteln.

    Einen guten Überblick über diese Lernangebote bietet beispielsweise der "DigitalCheckNRW". Dort findet man über 500 aktuelle Kurse und Seminare, darunter auch viele Online-Angebote. Hier besteht auch die Möglichkeit, die eigene Medienkompetenz zu testen. Ein anonymer Selbsttest zeigt einem, welche Dimensionen von Medienkompetenz man schon gut beherrscht – und wo vielleicht noch Nachholbedarf besteht. Für künftige Auszubildende ist dies sicherlich ein guter Einstieg in die Berufsvorbereitung.

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