25.07.2016

Produktionsschulen in Deutschland

Betriebsnahe Strukturen für eine arbeitsweltbezogene Berufsvorbereitung

von Martin Mertens und Henner Stang

Die produktive Arbeit steht im didaktischen Zentrum von Produktionsschulen und trägt dazu bei, die Jugendlichen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung qualifiziert zu unterstützen.

Zwei Schaufelblätter im Sand

Hinter sich einen Berg Sand, vor sich den Zementmischer. Seit fast einer Stunde geht Karim ohne Unterbrechung seiner Arbeit nach: Immer wieder füllt er Sand, Wasser und Zement in die runde Tonne, entleert sie und schickt mit dem fertigen Speis einen Kollegen mit der Schubkarre auf die andere Seite des Gebäudes. Fünf junge Männer sind dort damit beschäftigt, neue Fenster ein- zupassen. Die Zusammenarbeit funktioniert – in kleinen Schritten: Einer hält die Karre fest, ein Zweiter füllt den Zement in den Eimer. Der Dritte reicht ihn nach oben, der Vierte nimmt ihn an. Der Arbeitsablauf bietet viel Raum für „Unsinn“. Also vergeht kaum eine Minute, ohne dass der Ausbilder sich einschaltet und die Jungs anleitet, dieses oder jenes so oder anders zu tun.

Die Jugendlichen, die hier die Arbeit auf dem Bau lernen, sind keine Lehrlinge – und ohne weitere Vorbereitung werden sie auch keine. Vier der fünf haben keinen Schulabschluss, jeder noch andere auch kulturbedingte Verhaltensmuster, die einer stetigen selbstständigen Arbeit im Weg stehen.

Manchmal braucht es länger bis gute Ideen von den Regelsystemen und deren Institutionen aufgegriffen werden. Das Konzept der Produktionsschule ist solch ein Beispiel.

Die Produktionsschule begegnet den aktuellen Defiziten im allgemeinbildenden und beruflichen Bildungssystem insbesondere in Bezug auf die berufliche Orientierung, die Dominanz kognitiver Lernprozesse (Sprach- und Schriftlastigkeit) und die unzureichende Förderung der sozialen und emotionalen Kompetenz der Jugendlichen.  In der Produktionsschule wird auf die Verschulung von Lernprozessen und auf die Dominanz kognitiven Lernens zu Gunsten der Entwicklung praktischer Fähigkeiten und sozial-emotionaler Nachreifung verzichtet.

Das Zauberwort heißt Produktion

Die Berufliche Bildung geht zwar im Kern als deklarierter Absicht durchaus regelhaft vom Konzept der Handlungsorientierung aus. In der Realität praktiziert sie methodisch jedoch formelhaft und frontal, eher theorielastig. Produktionsschulen setzen das Konzept der Handlungsorientierung in reale Herstellung gebrauchswertiger Produkte um. Das essentielle Prinzip der Produktionschul-Didaktik schafft Selbsttätigkeit,indem es mit exemplarischer Phantasie die vollständige Handlung von der Kundenakquise über die Produktplanung und -design, kooperative Arbeit am Produkt bis zum Verkauf methodisch praktisch gestaltet. So verwirklicht sich das Duale real in der didaktischen Einheit von Theorie und Praxis. An einem Lernort.

Das (berufs-)pädagogische Zauberwort heißt Produktion. Die produktive Arbeit steht im didaktischen Zentrum von Produktionsschulen und trägt dazu bei, die Jugendlichen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung qualifiziert zu unterstützen. Darüber hinaus will Produktionsschule nicht fremdbestimmte Arbeitstugenden und demokratische Grundwerte vermitteln, um junge Menschen in die Gesellschaft zu integrieren; positiv in der Persönlichkeitsentwicklung, von der Selbstwirksamkeit über Teilhabe, zur Lebensfähigkeit. Die "Berufliche Förderpädagogik" (Bojanowski) bildet dabei die Grundlage für die Kompetenzen und Qualifikationen der Fachkräfte in Produktionsschulen.

"Vielleicht brauchen junge Leute mit Lebensproblemen Orte, die für sie einladend sind, und Menschen, die für sie glaubwürdig erscheinen."

 

Das pädagogische Konzept der Produktionsschule ist konstitutiver Bestandteil der Arbeits- und Produktionsprozesse zur Förderung und Kompetenzentwicklung junger Menschen. Lernprozesse werden mit Arbeit in betriebsnahen Strukturen mit "Werkzeugen" und Inhalten zielorientiert verknüpft ("Der Wunsch nach Theorie entsteht in der Produktion!"). Gerade dadurch werden Kenntnisse, Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die für die Aufnahme und Durchführung einer Berufsausbildung und/oder einer Erwerbstätigkeit notwendig sind, entwickelt und gefördert. Die betriebsnahen Strukturen (Werkstätten bzw. Dienstleistungsbereiche) bilden das Gerüst und Werkzeug für eine arbeitsweltbezogene Berufsorientierung, -vorbereitung, -ausbildung und Nachqualifizierung. In der auf soziale Bedürfnisse und Lebensperspektiven von lebendigen Menschen orientierten Werkstattkultur der Produktionsschule verknüpfen sich die Kultur und Geschichte der lebendigen Arbeit mit den Erkenntnissen der digitalen Revolution mit der Kultur der Jugend in Handlungseinheit mit der Idee des produktiven Lernens: eine historisch neue Gestalt von Bildung und Erziehung.

Die in der Produktionsschule realisierten didaktisch-methodischen Konzeptionen zur Förderung Jugendlicher zielen darauf, deren Leistungspotentiale zu aktivieren und damit ihre Entwicklungsmöglichkeiten auszuschöpfen. Sie fördert die Integration junger Menschen in die Arbeitswelt durch

  • die Gewöhnung an den Arbeitsrhythmus
  • die Einhaltung innerbetrieblicher Umgangsformen
  • das Zurechtfinden in betrieblichen Strukturen
  • die Übernahme von Verantwortung bei der Arbeit
  • die Auseinandersetzung mit Kolleginnen und Kollegen
  • das Lernen voneinander
  • die bewusste Berufsentscheidung
  • die Unterstützung bei der persönlichen Nachreifung.


Ein weiteres Grundprinzip der Produktionsschule ist die Verbindung von kognitiven, emotionalen, sozialen und handlungsbezogenen/praktischen Lernprozessen. Lernen ist stark bedingt durch die Situation des Lernenden sowie durch die Person des Werkstattpädagogen (Lehrers/Ausbilders). 

Gerade Jugendliche, die verfestigte Muster ihrer nicht immer linearen Biografien, finden hier tragfähige Beziehungsangebote der (Werkstatt-)Pädagogen. Wesentlicher pädagogischer Merkposten ist die intensive Beachtung der phantasievollen und durchaus verschlungenen Wege der Triebansprüche und Affekte in der Adoleszenz.(Heimlicher Lehrplan). Damit werden die herkömmlichen Formen der betrieblichen Didaktik ("Vorbereiten", "Vormachen", "Nachmachen", "Üben") zugunsten eines neuen Verständnisses offenen und allgemeinbildenden Lernens überwunden.

Hinzu kommt eine Verbesserung  und Intensivierung der Zusammenarbeit regionaler Kooperationspartner (Betriebe, Schulen, Kommunen, Bildungsträger) – z.B. über regionale Beiräte mit Vertretern der Sozialpartner und kommunalen Körperschaften durch die Etablierung von Produktionsschulen vor Ort. Produktionsschulen zeichnen sich durch eine besondere Lern- und Organisationskultur aus. Produktionsschulen verfolgen damit nicht nur besondere pädagogische Ziele, sondern sie artikulieren auch eine explizit sozialpolitische Dimension: Die Förderung von Integration.  In diesem Sinne sehen wir die Einbindung von jungen Flüchtlingen und Asylbewerber als eine der bestimmenden Herausforderungen für die Produktionsschulen.

"Paradox" zwischen Pädagogik und Ökonomie

In mehrfacher Hinsicht stellt die Produktionsschule einen Spezialfall von Schule dar: Ein gewisses Paradox zwischen Pädagogik und Ökonomie. Sichtbar an  ihrer Rechtsform, Größe, Finanzierung, Sozialraumorientierung, Schülerrekrutierung und vor allem hinsichtlich ihres pädagogischen Profils. "Lernen an Produktionsaufgaben" wirft eine ganze Reihe von Fragen und Gestaltungsproblemen auf, die sich aus der pädagogischen Bedeutung von Arbeits- und Produktionsprozessen zum Zwecke der Förderung von "benachteiligten Jugendlichen" ableiten lassen.

Die curriculare Gestaltung von Produktionsschulen erfolgt entsprechend der Auftragssituation vor Ort: Produktionsschulen strukturieren ihre Lernprozesse vor dem Hintergrund realer Aufträge, die die Schulen von externen Kunden erhalten bzw. selbst akquirieren. Dieser Marktbezug öffnet die Produktionsschule in besonderer Weise gegenüber ihrem gesellschaftlichen Umfeld, erzeugt aber zugleich auch das pädagogische Gestaltungsproblem zwischen didaktischer Herausforderung und betriebswirtschaftlicher Notwendigkeit. Bei der Produktion gebrauchs- und verkaufsfähiger Gegenstände und Dienstleistungen muss einerseits die Produktionsschule pädagogisch differenzieren, indem sie am individuellen Entwicklungsstand des einzelnen Produktionsschülers in Kooperation mit der Gruppe ansetzt und ihn mit Arbeitsaufgaben konfrontiert, die ihn herausfordern. Andererseits gibt es  Gesetzmäßigkeiten und Imperative des Marktes, Kundenwünsche, Qualitätsansprüche und Terminvorgaben, die nicht folgenlos ignoriert werden dürfen.

Das Gestaltungsproblem der anregenden und spannenden Kombination von Arbeiten und Lernen wird dadurch komplexer, dass es keine festen Einstellungs- und Ausstiegstermine gibt. Produktionsschülerinnen und –schüler treten zu für sie in ihrem sozialen Umfeld passenden Terminen freiwillig als Novizen in die Produktionsschule ein und können diese nach etwa einem Jahr wieder bzw. in der Berufsausbildung nach drei- oder dreieinhalb Jahren verlassen.

Produktionsschulen sind keine pädagogischen Entdeckungen der 70er oder gar der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts. Das Produktionsschulprinzip wurde im späten 18. Jahrhundert "nicht in die Luft hinein konstruiert" (Frankreich); es ist unterbaut von den Gedanken der großen Pädagogen des 18. und 19. Jahrhunderts (Franz Hilker) . Bereits 1923 fand der Produktionsschulkongress des Bundes entschiedener Schulreformer statt. Die Nationalsozialisten verboten 1933 diese Organisation und ihre pädagogischen Bemühungen. Erst wieder im Anschluss an die sozialen Bewegungen Ende der 60er Jahre nahm die Bewegung Fahrt auf. Seit Beginn der 90er Jahre kam es bundesweit zur konkreten Einrichtung von Produktionsschulen an unterschiedlichen Orten. Aktuell stehen in Deutschland in ca. 170 Produktionsschulen 7.500 Plätze für Lernende im Jahr offen. Der Bundesverband Produktionsschulen e.V. hat 2010 Qualitätsstandards formuliert und verabschiedet, als Rahmen für die Pädagogik, Struktur und Finanzierung von Produktionsschulen.

"Der Wunsch nach Theorie entsteht in der Produktion!"

 

Vielfalt der Ansätze

Fakt ist: Es existiert in Deutschland kein einheitlicher Typus von Produktionsschulen; gleichwohl gibt es übertragbare Gemeinsamkeiten. So kann in Produktionsschulen die Schulpflicht der allgemein bildenden Schule bzw. der Berufsschule erfüllt werden. Produktionsschulen nehmen in einigen Bundesländern von Ausgrenzung bedrohte Schülerinnen und Schüler ("Schulverweigerer") ab Klasse 8 auf, bereiten sie auf die Rückkehr in Regelschulen vor und/oder vermitteln ihnen außerhalb des Regelschulangebotes einen staatlichen Schulabschluss. Produktionsschulen bieten auch den nicht mehr schulpflichtigen, noch nicht "ausbildungsreifen" jungen Menschen, die im ersten Arbeitsmarkt weder eine Berufsausbildung noch eine Beschäftigung finden oder eine Ausbildung abgebrochen haben, arbeitsmarkt- und -rechtliche Anschlussperspektiven. Produktionsschulen können auch als außerbetriebliche Ausbildungsstätten und als "soziale Betriebe" des zweiten Arbeitsmarktes im Rahmen der Nachqualifizierung fungieren. Wir finden im Ergebnis in deutschen Produktionsschulen Jugendliche und junge Erwachsene also auch Flüchtlinge und Asylbewerber in einer Altersspanne von 14 bis 27 Jahren.

Die in den letzten zwanzig Jahren gegründeten Produktionsschulen in Deutschland waren ein offenes Modell bezüglich der Konzeptionierung und in ihrer pädagogischen Praxis. Dies war wichtig, um unterschiedliche schulische und außerschulische "Produktionsschulmodelle" zu erproben, die positive Anknüpfungspunkte mit Weiterentwicklungsperspektive bieten. Diese Modelle zeigten dabei eine überzeugende pädagogische Antwort auf Integrations- und Gefährdungsprobleme der jungen Menschen, als eine extrem heterogene gesellschaftliche Gruppe.

 
 
 

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Dossier

Ausbilder hält eine Wasserwaage an ein Mauerstück, neben ihm eine Auszubildende

Berufsvorbereitung

Die Berufsvorbereitung vermittelt Grundlagen für den Erwerb beruflicher Handlungsfähigkeit und soll so an eine Berufsausbildung heranführen.