16.07.2010

Generation abgeschoben?

Wege zur Verbesserung des Übergangssystems

von Stephanie Odenwald

"Ich schaffe es ja doch nie, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, also wozu lernen!"  Es muss zu denken geben, wenn Jugendliche in allgemeinbildenden Schulen keine Perspektive sehen, sich als Versager fühlen, Hassgefühle entwickeln. Für diejenigen, die tatsächlich im so genannten "Übergangssystem" landen, werden nach Schätzungen zurzeit jährlich ca. 6 Milliarden Euro ausgegeben  - mit einem mehr als fraglichen Erfolg. Welche Reformansätze können den Übergang für Jugendliche effizienter und erfolgreicher gestalten?

Nicht ausbildungsreif?

Ein gelingender Übergang von Schule in Ausbildung und/oder Arbeit ist eine Herausforderung hohen Ranges, mit Signalwirkung für die nachfolgenden Generationen. Derzeit werden etwa 25 Prozent der Jugendlichen als nicht ausbildungsreif stigmatisiert. Selbst wenn Ausbildungsplätze vorhanden sind, können sie nicht besetzt werden, klagen die Arbeitgeber.

Diese personalisierende Argumentation ist verantwortungslos und ethisch höchst angreifbar. Auch wenn die Lerndefizite der Jugendlichen ein Problem sind - allerdings ein lösbares - muss auf die vielfältigen Ursachen des Ausbildungsnotstandes hingewiesen werden: also gestiegene Anforderungen in Ausbildungsberufen, Wegfall einfacher Arbeitsplätze, zu geringes Angebot dualer Ausbildungsplätze, regionale branchenspezifische Betriebsschließungen und Arbeitsplatzabbau, industrielle Entleerung ganzer Regionen, konjunkturelle Krisen, etc. All dies trifft in seiner Wirkung insbesondere junge Menschen mit schlechtem oder fehlendem Schulabschluss und Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Ineffizienz des Übergangssystems

Für diese Jugendlichen, die sich nicht ohne zusätzliche Hilfen ins System der beruflichen Bildung integrieren lassen, hat sich über Jahrzehnte ein Maßnahmendschungel entwickelt, für den die Bezeichnung "Übergangssystem" geradezu beschönigend ist. Ineffizienz, Unübersichtlichkeit, Stigmatisierung sind Symptome dieser Fehlentwicklung.

Mit einer Fülle unterschiedlicher Maßnahmen, deren Träger das Land, die Kommunen, die Bundesagentur für Arbeit, die Argen, der Bund sind, werden diverse Zielgruppen bedient. Diese unbefriedigende Situation ist in den letzten Jahren auf zahlreichen Veranstaltungen diskutiert worden und hat zu vielfältigen Initiativen geführt, den Übergang in Ausbildung zu verbessern.

Das "Hamburger Modell"

Besondere Aufmerksamkeit gilt zur Zeit dem "Hamburger Modell", das auch im Frühjahr 2010 im Hauptausschuss des BIBB sowie bei einer Veranstaltung von DGB/GEW zum Übergang Schule in Ausbildung vorgestellt wurde. Das Besondere am "Hamburger Modell" ist zum einen eine präventive bildungsbereichsübergreifende Orientierung nach dem Motto, dass es unsinnig ist, ein Scheitern beim Übergang Schule in Ausbildung in Kauf zu nehmen und dann erst zu intervenieren und zum anderen eine klare staatliche Verantwortung, dass alle Jugendlichen in Ausbildung gelangen. Wie unterstützenswert dieses Reformkonzept ist, muss sich daran beweisen, wie es gelingt, dass benachteiligte junge Menschen einen Ausbildungsabschluss erreichen.

Was ist zu tun?

Um Jugendlichen Warteschleifen zu ersparen, bedarf es eines Paradigmenwechsels im Sinne eines inklusiven Bildungs- und Ausbildungssystems, das den individuellen Lebenslagen, Bedürfnissen und Interessen der Jugendlichen Rechnung trägt. Der Leitgedanke ist: Benachteiligte Jugendliche dürfen nicht ausgegrenzt werden, sondern sind in Schule und Ausbildung so intensiv zu fördern, dass sie erfolgreich abschließen können. Um dies zu realisieren, ist ein durchgängiges Beratungs- und Begleitsystem zu schaffen, das in den allgemeinbildenden Schulen einsetzt und bis zum erfolgreichen Übergang in berufliche Ausbildung individuelle Unterstützung gewährleistet.

Im Zentrum steht die staatliche Verantwortung dafür, dass alle Jugendlichen in Ausbildung kommen, wenn möglich in dualer Form, ansonsten muss es ergänzende staatliche Angebote für Ausbildungsplätze geben. Erhalten nach durchlaufener Berufsorientierung Schülerinnen und Schüler kein betriebliches Angebot, wird ihnen ein öffentlich geförderter Ausbildungsplatz unter Beteiligung von Schule, Betrieb und außerschulischen Trägern angeboten.

Verpflichtung zur Kooperation

Um eine optimale individuelle Betreuung zu gewährleisten, ist Kooperation angesagt: Lehrkräfte, Schulsozialarbeit, Betrieben und Träger, Bundesagentur für Arbeit, Kommune. Zu überlegen ist, ob - wie zukünftig in Hamburg - bei der Berufsorientierung allgemeinbildende und berufsbildende Schulen eng zusammen arbeiten, da die Erfahrungen und Kenntnisse der Berufsschullehrer über das System der Ausbildung nicht nur berufsspezifische sind, sondern einer grundlegenden Orientierung dienen können.

Berufsorientierung, Berufsausbildungsvorbereitung und Berufsausbildung (oder Arbeit) werden in der Förderkette als zusammenhängendes System betrachtet, in dem die verschiedenen Partner zur Kooperation verpflichtet sind. Ein auf die regionalen Gegebenheiten abgestimmtes bildungsbereichsübergreifendes Konzept zur Gestaltung des Übergangsprozesses ist zwischen den verschiedenen Akteuren abzustimmen.

Akteure benötigen Fortbildung

Für eine erfolgreiche Umsetzung dieses Konzepts brauchen die beteiligten Akteure Fortbildung, um sich das erforderliche Know-How zur Förderung dieser Prozesse anzueignen. Eine prozessbegleitende Fortbildung müsste die Lehrerschaft auf allen hierarchischen Ebenen einbeziehen.


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Über die Autorin

Stephanie Odenwald

Stephanie Odenwald ist Diplomsoziologin und Diplomhandelslehrerin und seit mehr als 20 Jahren Berufsschullehrerin in Hamburg. Von 2002 bis 2005 war sie Vorsitzende des GEW-Landesverbandes Hamburg, seitdem ist sie im Bundesvorstand der GEW zuständig für Berufliche Bildung und Weiterbildung. Sie ist auch Mitglied im Hauptausschuss des BIBB und im Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit.