22.06.2012

Realität oder Phantom?

Fachkräftemangel als Chance für benachteiligte Jugendliche

von Gerhard Christe

Wie gut, dass den Fachkräftemangel gibt. Der neue Silberstreif am Bildungshorizont, einmal ausgemacht, wird nun nach Politik und Wirtschaft auch in der Benachteiligtenförderung beschworen. Doch führt die demografische Entwicklung tatsächlich zu neuen Bildungs- und Zukunftschancen für alle? Und stimmt die Voraussetzung für diese Prognose überhaupt, oder ist der Fachkräftemangel nicht selbst ein Phantom?

Zum Thema Fachkräftemangel wird schon mal kräftig auf den Putz gehauen. So heißt es aus Kreisen der Benachteiligtenförderung: Ohne die Einbeziehung der rund 300.000 Jugendlichen, die sich derzeit im Übergangssystem befinden, drohe Deutschland in den kommenden Jahren ein dramatischer Fachkräftemangel. Schon jetzt sei die Lage dramatisch, deshalb müssten alle Potenziale von Jugendlichen, auch und besonders die der Migranten und der so genannten Leistungsschwächeren, ausgeschöpft werden.

Das ist dasselbe Horn, in das auch Politik und Wirtschaft stoßen. Die Arbeitsministerin bezeichnet den Fachkräftemangel als die Herausforderung der nächsten Jahre und sorgt sich darum, wer die Arbeit von morgen leisten kann. Man brauche jetzt alle, die bislang am Rande des Arbeitsmarktes stehen, wenn Deutschland im internationalen Wettbewerb nicht zurückfallen wolle. Vom Abbau des Fachkräftemangels profitierten auch Menschen mit geringeren Qualifikationen, da das Fehlen von Fachkräften auch ihre Chancen schmälere. "Bleibt die Ingenieurstelle unbesetzt, gibt es auch keine Arbeit für den technischen Zeichner, die Sekretärin, die Reinigungskräfte."

Ähnlich die Bildungsministerin, die zur Deckung des künftigen Fachkräftebedarfs auf eine bessere "Ausschöpfung von Begabungsreserven" setzt, u.a. durch Bildungslotsen und Potenzialanalysen, und damit dazu beitragen will, dass durch einen nahtlosen Übergang von der Schule in den Beruf und die Senkung der Abbrecherquote in der Berufsausbildung dem Arbeitsmarkt bis zum Jahr 2025 zusätzlich 300.000 Fachkräfte zur Verfügung stehen.

Fachkräftemangel: Den gab's doch schon mal?

Man reibt sich die Augen bei diesem Unisono der Äußerungen und fühlt sich an die 1960er Jahre erinnert, als vor dem Hintergrund des so genannten Sputnik-Schocks und dem versiegenden Zustrom an hochqualifizierten Fachkräften aus der DDR der "Bildungsnotstand" ausgerufen und die "Ausschöpfung von Begabungsreserven" gefordert wurde, um einer "Bildungskatastrophe" zu entgehen. Doch ist nicht damals schon der so genannte Fachkräftemangel als Ideologie erkannt worden? Was haben die damals eingeleiteten Bildungsreformen den bildungsfernen Schichten tatsächlich gebracht? Wer hat davon profitiert? Besteht nicht, wie zuletzt die PISA-Studien gezeigt haben, nach wie vor massive Bildungsungleichheit in Deutschland?

Solche Fragen stellen sich heute wieder, angesichts der geradezu verzückt beschriebenen Perspektiven, die der diagnostizierte Fachkräftemangel benachteiligten Jugendlichen eröffnen soll. Gibt es überhaupt einen Fachkräftemangel? Wie stellt sich der Zusammenhang mit der Benachteiligtenförderung dar? Eröffnen Bildungsketten, Potenzialanalysen und Kompetenzfeststellungsverfahren benachteiligten Jugendlichen wirklich eine Zukunftsperspektive als Fachkraft? Geht es tatsächlich um mehr Bildungsgerechtigkeit und bessere Zukunftschancen für Jugendliche, die bislang nur geringe Chancen auf einen Ausbildungsplatz hatten?

Die Situation ist paradox: Betriebe beklagen im Einklang mit der Politik einen zunehmenden Fachkräftemangel, gleichzeitig bieten - so der Bildungsbericht 2012 - immer weniger Betriebe einen Ausbildungsplatz an. Die Wirtschaftsverbände machen hierfür die abnehmende Zahl von Schulabgängern und einen zunehmenden Trend zum Hochschulstudium verantwortlich, dabei übersteigt die Zahl der Bewerber ohne Ausbildungsstelle die Zahl der offenen Plätze derzeit immer noch um mehr als das Doppelte. Eine große Zahl junger Menschen hat trotz insgesamt guter Ausbildungsmarktlage nach wie vor Schwierigkeiten beim Übergang in eine berufliche Ausbildung.

Keine besseren Chancen für Menschen ohne Ausbildung

Dies zeigen auch die neuesten Ergebnisse der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen bis zum Jahr 2030: Der Bedarf an Arbeitskräften ohne abgeschlossene Berufsausbildung wird zwar leicht sinken, das Angebot an solchen Arbeitskräften aber etwas langsamer zurückgehen, so dass sich das bestehende Überangebot sogar noch leicht erhöhen wird. Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung werden demnach auch künftig keine besseren Beschäftigungschancen auf dem Arbeitsmarkt vorfinden.

Was die Prognosen eines zunehmenden Fachkräftebedarfs anbelangt, sind die meisten Studien wenig fundiert. Bereits der Begriff "Fachkräftemangel" ist fragwürdig, suggeriert er doch, das Arbeitskräfteangebot würde sinken, während alle anderen Bedingungsfaktoren unverändert blieben und so eine Lücke entstehe. Arbeitsmärkte haben sich bislang aber immer als äußerst flexibel erwiesen, sie passen sich an. Warum sollte dies künftig anders sein, auch wenn das Angebot an Arbeitskräften, sofern es keine Zuwanderung gibt, demografisch bedingt zurückgehen wird.

Lediglich kurzfristig betrachtet sind Engpässe zu beobachten. So ist es in einigen Branchen (Gesundheitsberufe, einige Ingenieursberufe) und Regionen derzeit zwar schwierig, offene Stellen zu besetzen; betrachtet man aber Deutschland insgesamt, gibt es nur in wenigen Berufen mehr offene Stellen als Arbeitslose. Fachkräftemangel und Arbeitslosigkeit haben immer schon nebeneinander existiert; nur - bei guter Konjunktur fällt ein Mangel an Fachkräften besonders auf, er ist dann auch leichter zu instrumentalisieren.

Einer Untersuchung des IAB zufolge hat sich die Vakanzzeit von offenen Stellen in Betrieben derjenigen Branchen, die über Fachkräftemangel öffentlich klagen, verringert (Maschinenbau, Elektrotechnik, Fahrzeuge), in anderen Branchen (Chemie, Kunststoff, Glas und Bau) sind die Suchzeiten jedoch gleich geblieben oder haben sich sogar verlängert. Ursache hierfür ist eine Änderung des Stellenbesetzungsverhaltens der Betriebe. Und hiermit kommen wir dem eigentlichen Problem deutlich näher.

Fokussierung auf Fachkräftemangel verkehrt die Realität

In den vergangenen Jahren mit geringer Beschäftigung und hoher Arbeitslosigkeit waren die Betriebe in einer guten Verhandlungsposition. Dies hat sich zum Teil geändert. Die als Fachkräftemangel bezeichnete Situation ist nicht primär demografisch bedingt oder Folge von Mismatch auf dem Arbeitsmarkt, sondern hauptsächlich eine Auswirkung von früherem Rekrutierungsverhalten der Betriebe, dessen Folge u.a. eine sich verschlechternde Verhandlungsposition der Unternehmen gegenüber den Fachkräften ist.

Partieller Fachkräftemangel ist vor allem bei Hochqualifizierten und in den MINT-Berufen zu beobachten. Er ist begrenzt auf einzelne Branchen und Berufe und stellt kein gesamtwirtschaftlich konjunkturbedrohendes Problem dar. Partieller Fachkräftemangel wird über veränderte Rekrutierungsstrategien von Arbeitskräften (schnellere Ausschreibung von offenen Stellen, Substitution u.ä.) kompensiert. Die Kapazitäten von arbeitslosen Fachkräften sind weder erschöpft noch werden Personen mit entsprechenden Kompetenzen aus der Stillen Reserve hinreichend aktiviert. Insofern ist die Diskussion über Fachkräftemangel vor allem akademisch bzw. von partikularen Brancheninteressen gesteuert.

Benachteiligte Jugendliche werden, trotz anders lautender Versprechungen, von einer Bekämpfung des Fachkräftemangels nur wenig haben, allenfalls im Einzelfall. Da der Bedarf an Arbeitskräften ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung weiterhin abnimmt, werden sie auch zukünftig keine besseren Beschäftigungschancen auf dem Arbeitsmarkt vorfinden und auch von einer Belebung des Arbeitsmarktes nicht profitieren, wie man derzeit gut sehen kann. Dagegen haben in nahezu allen Berufsgruppen die Zugangschancen der höher Gebildeten zugenommen. Da die ehemals traditionellen Abiturienten-Berufe insgesamt nur ein geringes Beschäftigungswachstum aufweisen (insgesamt sogar zurückgehen), müssen diese Höherqualifizierten zwangsläufig auch auf weniger traditionelle Berufe ausweichen. Dort wiederum konkurrieren sie mit Jugendlichen mit mittleren und einfachen Bildungsabschlüssen, die sie in der Regel verdrängen ("Fahrstuhleffekt"), weil sie einfach die besseren Karten haben.

Die empirischen Befunde zeigen: Den Fachkräftemangel ins Zentrum zu stellen, verkehrt die Realität und lenkt ab von den wirklichen Problemen der andauernden Massenarbeitslosigkeit, der zunehmenden prekären Beschäftigung, einer wachsenden sozialen Ungleichheit und sozialen Spaltung der Gesellschaft. Während immer mehr Menschen, gerade auch Kinder und Jugendliche, in Armut und unsicheren Zukunftsperspektiven leben müssen, nimmt gleichzeitig der Reichtum einer sozialen Minderheit unaufhörlich zu. Die Fokussierung auf Fachkräftemangel verdeckt, dass Arbeitgeber auch in Zukunft auf ein Überangebot an Arbeitskräften zurückgreifen wollen; dass ihre Forderungen nach einer Verlängerung von Lebens- und Wochenarbeitszeiten sowie einer massiven Ausweitung der Zuwanderung darauf abzielen, das für sie günstige Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt beizubehalten. Der angebliche Fachkräftemangel, er ist ein Phantom.

Führt Fachkräftemangel zu besseren Bildungschancen?

Es ist nicht zu übersehen, dass sich die Arbeitgeber unter Berufung auf den Fachkräftemangel stark für eine bessere Bildung, insbesondere von Kindern aus unteren sozialen Schichten, engagieren: "Der Fachkräftemangel zwingt uns zu weiteren Reformanstrengungen. Deswegen brauchen wir mehr Bildungsqualität, eine höhere Bildungsbeteiligung und mehr Chancengerechtigkeit. Wir fordern daher (...) den flächendeckenden Ausbau von Ganztagsschulen in allen Schularten, eine Kindergartenpflicht ab dem vollendeten vierten Lebensjahr und die Entkopplung von sozialer Herkunft und Bildungsbeteiligung. Es kann nicht sein, dass die Chance, aufs Gymnasium zu kommen, für ein Akademikerkind rund sieben Mal höher ist als für ein Kind aus einer bildungsferneren Schicht. Damit können wir uns nicht zufrieden geben", so der Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. Und schon zu Beginn der 2000er Jahre hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) gefordert, dass der Bildungsdebatte auch Taten folgen müssten.

Gibt es hieran etwas zu kritisieren? Ist dieses Engagement für mehr Chancengleichheit bei der Bildung, ist die Forderung nach einer Entkoppelung von sozialer Herkunft und Bildungsbeteiligung nicht positiv zu bewerten? Nun, es lohnt sich, etwas genauer hinzuschauen.

Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass es hier nicht darum geht, an den ausgrenzenden Strukturen des Bildungssystems zu rütteln und Bildungsprivilegien zu beseitigen. So verlangt z.B. der DIHK, Bildung müsse Lern- und Leistungsbereitschaft ("eine Kultur der Anstrengung") erzeugen und Selbstverantwortung entwickeln. Dafür werden je nach schulischem Bildungsgang unterschiedliche Bildungsziele formuliert. Daran hat sich auch nach Einführung des zweigliedrigen Schulwesens in verschiedenen Bundesländern nichts geändert. Individuelle Förderung müsse, so die Wirtschaftsverbände, vor allem dem Zweck der besseren Ausschöpfung von Begabungsreserven dienen, und zwar im Rahmen des gegliederten Schulsystems. Dieses könne am flexibelsten auf die vielfältig ausgeprägten Begabungen reagieren, nicht aber die "gleichmacherischen Konzepte für eine Gesamtschule".

Hieran wird klar: Den Unternehmen und ihren Verbänden geht es um ihre Verwertungsinteressen, um das Herauspicken von Rosinen, nicht um die Förderung und Entwicklung der Begabungen aller.

Bildung - für wen?

Bei der Entdeckung bislang vernachlässigter und ausgegrenzter Personengruppen für die Bildung geht es um vor allem die ökonomische Nutzung brachliegender Potenziale. Benachteiligte Jugendliche kommen primär als Arbeitskräftereservoir in den Blick. Zugespitzt: Die Kinder der unteren sozialen Schichten werden als die dringend gebrauchten Gastarbeiter im bürgerlichen Bildungssystem gesehen.

Aber ergeben sich daraus nicht auch Zukunftschancen für junge Menschen, die bislang sozial benachteiligt wurden? Werden ihnen auf diese Weise nicht Chancen auf eine existenzsichernde Teilhabe am Erwerbsleben eröffnet? Zeigt nicht das Beispiel der 1960er und 1970er Jahre, dass auch von der Bildungspolitik bislang vernachlässigte Kinder von Bildungsreformen, auch wenn sie ökonomisch motiviert sind, profitieren können?

Tatsächlich sind Kinder vom Land und Katholiken in höheren Schulen und Universitäten nicht mehr unterrepräsentiert. Auch die Bildungsdiskriminierung der Mädchen ist überwunden - wenn auch nicht die Benachteiligung der Frauen in Beruf und Karriere. Hingegen hat sich an der Benachteiligung von Kindern aus unteren sozialen Schichten trotz stärkerer Teilhabe an höherer Bildung nichts Grundlegendes geändert. Nach einer vorübergehenden Öffnung der Bildungssysteme in den 1960ern und frühen 1970er Jahren ist der Anteil der studierenden Kinder aus diesen Schichten inzwischen wieder auf den Stand der späten 1950er Jahre zurückgefallen. Hinzugekommen ist zudem die Benachteiligung der Kinder von Migranten.

Gesellschaftliche Gegensätze im "Bildungsbürgerkrieg"

Die aktuelle Bildungsdiskussion ähnelt derjenigen in den 1960er Jahren auf frappierende Weise, bis hin zum Beklagen der ungerechten Behandlung des begabten Arbeiterkindes. Dass hinter dieser Ungerechtigkeit handfeste Interessen stehen und dass es um die Verteidigung von Privilegien geht, wird nur selten zum Thema gemacht. Man stelle sich vor: die Kinder der bildungsfernen Schichten wären ihrem Anteil an der Bevölkerung entsprechend an den Universitäten vertreten und auch Akademikerkinder wären entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil an den Universitäten vertreten. Würden den Kindern der bildungsfernen Schichten auch nur annähernd gleiche Chancen eingeräumt, hätte das für die Akademikerkinder dramatische Folgen; viele könnten nicht mehr studieren. So wird von den Mittelschichten zwar durchaus bedauert, wenn das einzelne begabte Arbeiterkind nur einen einfachen Schulabschluss erreicht, doch wehe, wenn allen Arbeiterkindern dieselben Chancen eingeräumt würden und alle an höherer Bildung partizipieren wollten.

Privilegierte Gruppen der Bevölkerung haben viel in Bildung investiert, um ihre Position zu halten und ihre Kinder wieder in dieselben Positionen zu bringen, während andere mehr oder minder ausgegrenzt werden. Dies wird Ende der 1960er Jahre und auch heute wieder durch bestimmte demografische Entwicklungen überspielt. Aber schon als Anfang der 1970er Jahre die Abiturienten in Scharen Studienplätze forderten und der Numerus clausus ausgeweitet wurde, wurde den Mittelschichten bewusst, dass die Konkurrenz groß wird und es gilt, Widerstand zu leisten.

Wer an der Bildung betrogen wird, wird am Leben betrogen

Allerdings ist es auch eine Tatsache, dass die bildungsfernen Schichten nicht nur von Bildung ferngehalten werden, sondern dass sie sich auch selbst davon fernhalten. Oftmals verstehen sie nicht einmal, worum sie da betrogen werden und sich selbst betrügen. Häufig werden nur die Folgeerscheinungen mangelnder Bildung wahrgenommen: geringeres Einkommen, geringere soziale Sicherheit, geringerer gesellschaftlicher Status. Bildung ist jedoch nicht nur ein funktioneller Wert, sondern schließt geistige, seelische und ästhetische Dimensionen auf, deren Begreifen, Erleben und Genießen wertvoll in sich selbst sind. Wer an der Bildung betrogen wird, wird am Leben betrogen.

Ausgerechnet der Eigenwert der Bildung ist in den Diskussionen seit den frühen 1960er Jahren bis heute zu kurz gekommen. Bildung wurde und wird in erster Linie als Mittel zu Zwecken diskutiert, die außerhalb ihrer selbst liegen: von der individuellen Aufstiegschance bis zur volkswirtschaftlich begründeten Ausschöpfung von Begabungsreserven. Dies zeigt sich auch an der aktuellen Thematisierung von Fachkräftemangel. Vor diesem Hintergrund ist es zumindest befremdlich, wenn die Benachteiligtenförderung nicht erkennt, welche Interessen hinter den herrschenden Bildungsprivilegien stehen und sich ungewollt zum Handlanger von Wirtschaftsinteressen macht.

Wer aus sozialem Engagement auf Bildung setzt und die sozioökonomischen Ursachen von Bildungsbenachteiligung unangetastet lässt, greift zu kurz. Durch Bildung allein ist an den sozioökonomischen Ursachen für Bildungsungleichheit nichts zu ändern. Bildung ändert auch nichts daran, dass es sozialen Aufstieg nur dort gibt, wo nicht alle aufsteigen. Steigt das Angebot an Gebildeten, die um den Aufstieg auf knappe Aufstiegspositionen konkurrieren, sinkt sogar für diejenigen, die diesen Aufstieg schaffen, der Preis (Lohn). Betriebswirtschaftlich gesehen wäre dies sogar ein keineswegs unerwünschter Nebeneffekt der programmatischen Forderung nach "Aufstieg durch Bildung".

Es gibt viele gute Gründe, Bildung hohe Priorität einzuräumen. Ziel könnte z.B. sein, jedes Kind in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung optimal zu fördern, um soziale Bildungsbenachteiligung zu überwinden. Denkbar wäre auch, eine (extrem) anregungsarme Lernumgebung in der Familie durch eine anregungsreiche außerschulische Lernumgebung beispielsweise in Kindertagesstätten auszugleichen; je früher und qualifizierter dies geschieht, umso besser. Aber selbst dies ist höchst umstritten, wie die Diskussion um die Einführung des so genannten "Betreuungsgeldes" gerade wieder zeigt.

Bildung ist mehr als das Ausschöpfen von Begabungsreserven

Die Vorstellung, der vermeintliche oder tatsächliche Fachkräftemangel sei eine Chance für benachteiligte Jugendliche, sozialen Aufstieg über Bildung zu erreichen, ja, es sei volkswirtschaftlich unabdingbar, die Potenziale der im Übergangssystem befindlichen Jugendlichen auszuschöpfen, um den Fachkräftemangel zu bewältigen, ist zumindest naiv. Natürlich ist es falsch, die ökonomische Verwertung von Bildung pauschal zu diskreditieren, aber mindestens ebenso falsch ist es, die kritiklose Unterordnung der Bildung unter die Gesetze rentabler Kapitalverwertung zu akzeptieren.

Man wünschte sich, dass dies in der Benachteiligtenförderung deutlicher gesehen und etwas mehr über den Tellerrand hinausgeblickt würde. Man wünschte sich, dass benachteiligte Jugendliche nicht so sehr als potenzielles Humankapital und als "Verfügungsmasse" für Arbeitgeber gesehen werden und Bildung nicht primär als Zurichtung von Arbeitskraft verstanden würde. Die Diskussion über den Fachkräftemangel könnte dann dafür genutzt werden, die skandalöse Tatsache, dass Armut und mangelnde Bildungschancen in Deutschland nach wie vor besonders stark miteinander zusammenhängen, weiterhin öffentlich zu thematisieren. Jugendsozialarbeit sollte nicht so sehr bei der Ausschöpfung von Begabungsreserven behilflich sein, sondern verstärkt mithelfen, Bildungsprivilegien zu beseitigen und gerechte soziale Verhältnisse zu schaffen, die ein Leben in Würde erlauben.

 
 
 

Über den Autor

Prof. Dr. Gerhard Christe

Prof. Dr. Gerhard Christe ist Diplom-Soziologe, Leiter des Instituts für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufhilfe (IAJ) Oldenburg sowie Professor an der Universität Hamburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Bildungs- und Sozialisationsforschung, Übergang Schule - Beruf, Soziale Ungleichheit, Arbeitsmarktpolitik und Evaluation.