01.03.2013

Die Berufseinstiegsbegleitung hat Potenzial

von Ulrike Hestermann

Die Berufseinstiegsbegleitung (BerEb) will Jugendliche zum Schulabschluss und in Ausbildung bringen. Sie ist keine schulortbezogene Maßnahme und setzt sich von vielen anderen Maßnahmen positiv durch ihre Langfristigkeit ab: Jugendliche werden nicht nur jeweils einen Abschnitt lang, sondern über einen längeren Zeitraum (maximal vier Jahre) unterstützt: individuell, übergangsbegleitend, bildungsgang- und institutionsübergreifend, das heißt - auch maßnahmeübergreifend - und personell kontinuierlich.

Im Rahmen der Evaluation erschien vor Kurzem ein Zwischenbericht, der eine eher kritische Bilanz zog. Dieser bisweilen negativ getönten Auslegung möchte ich einige positive Aspekte gegenüberstellen. Im Teilnehmerinnen- und Teilnehmer-Kreis der BerEb finden sich eher leistungsschwache Schülerinnen und Schüler, die mit ungünstigeren Ausgangspositionen an den Start gehen als nicht teilnehmende Gleichaltrige. So manche Bewertung der (statistischen) Ergebnisse relativiert sich damit, weil der Vergleich schwierig ist.

Erfolg ist individuell

Problematisch ist es daher auch, den Erfolg der Berufseinstiegsbegleitung ausschließlich an der Aufnahme einer Ausbildung festzumachen - in Anerkennung aller Fallstricke wie z.B. der Tendenz zur Schulzeitverlängerung und der hohen Bedeutung einer dualen Ausbildung. Allen Jugendlichen sollte eine (ergebnis-)offene Entwicklung zugebilligt werden. Wenn sie trotz einer schlechten Ausgangsposition durch BerEb Bildungshunger entwickeln und zum weiteren schulischen Lernen motiviert werden, dann ist das gut und auch ein Erfolg der Maßnahme! 

Ein erstes wesentliches Ziel von BerEb ist das Erreichen des Schulabschlusses. Als bedenklich konstatiert der Bericht 2012 die Verschlechterung der Noten (überwiegend bei den Jungen) - trotz BerEb. Zu deren Aufgaben zählt aber das Bearbeiten schulfachbezogener Unterstützung gerade nicht. Dass sich schulische Defizite durch intensive Begleitung allein auflösen, hat wohl niemand angenommen. Mittel für gezielte Nachhilfe sind dennoch keine vorgesehen, lediglich die Organisation derselben kann unterstützt werden - vorausgesetzt, es gibt vor Ort ein kostenlos zugängliches Nachhilfe-Angebot. Das sollte sich ändern.

Das andere zentrale Ziel der Berufseinstiegsbegleitung ist die Integration in Ausbildung. Sie gelingt bei etwa einem Viertel. Das könnte bei deutlich mehr Jugendlichen der Fall sein. Dabei müssten allerdings  Modelle der assistierten Ausbildung stärker bekannt gemacht und förderpolitisch verankert werden. Durch kontinuierliche sozialpädagogische Unterstützung könnten mehr Jugendliche in Ausbildung gebracht werden - und der relativ hohe Anteil der überbetrieblichen Ausbildungen könnte sinken.

Multiprofessionelle Zusammensetzung erfordert Fortbildung

An die BerEb werden hohe fachliche und pädagogische Anforderungen gestellt. Die multiprofessionelle Konstellation aus pädagogischen sowie lebens- und berufswelterfahrenen Fachkräften kann für die Umsetzung produktiv und konstruktiv sein, vorausgesetzt, diese sind in der Lage, gemeinsam das pädagogische Erfolgsgeheimnis von BerEb zu nutzen, also einem umfassenden, ganzheitlichen Verständnis zu folgen und auch Aspekte einzubeziehen, die nicht auf den ersten Blick mit den Maßnahmezielen in Verbindung gebracht werden. Schulischer Erfolg  und persönliche Entwicklung hängen von sehr vielen Faktoren ab, die indirekt positiv oder negativ wirken. Sehr persönliche familiäre oder soziale Schwierigkeiten müssen angesprochen und bearbeitet werden können, damit die Jugendlichen tatsächlich profitieren können.

Was fehlt, ist eine auf die Spezifika von BerEb zugeschnittene, laufende Qualifizierung der Fachkräfte. Sie könnte trägerübergreifend (und programmbegleitend?) helfen, die mitgebrachten Berufsprofile auf die umfassende Aufgabenstellung zwischen anspruchsvoller Beziehungsarbeit und dem Agieren in vielfältigen Kooperationsbeziehungen abzustimmen und die vorhandenen Kompetenzen des Personals ergänzen.

Dieser Bedarf an Professionalisierung kollidiert aber mit den finanziellen Rahmenbedingungen, die den Trägern gesetzt sind. Die Folgen der - mit der zentralen Vergabe verbundenen - abwärts führenden Preisspirale sind an vielen Stellen wirksam. Sie konterkarieren in der Summe die optimale Umsetzung des von der Anlage her guten Instruments und stehen einer echten Professionalisierung entgegen.

Fluktuation - ein alarmierendes Signal

Niedrigste Kostensätze bringen aktuell eine Jobrotation ganz anderer Art ins Laufen. Die Fluktuation der BerEb hat sich weiter in alarmierende Höhen verschlechtert (Bericht  2011: 27 Prozent; 2012: zwischen 32 und 47 Prozent Wechsel in der Begleitung). Eine personelle Kontinuität ist damit nicht gegeben! Das kann, das muss man beklagen.

Aber was steckt eigentlich in der Praxis hinter dem Schlagwort Fluktuation? Personalwechsel in dieser Größenordnung bringt permanente Umbrüche in die Maßnahme, erfordert die Neuaufstellung der Akteure. Die bereits geleistete Arbeit (Einarbeitungs- und Teamfindungsphase, personenabhängige Kooperations- und Netzwerkbeziehungen knüpfen und halten, Etablierung im Schulsystem usw.) wird immer wieder zunichte gemacht.

Und was heißt Fluktuation für die Jugendlichen? Auch für sie kommt nicht nur ein/e andere/r Ansprechpartner/in ins Spiel. Sie verlieren eine Bezugsperson, mit der sie ein gemeinsamer Entwicklungsprozess verbindet, der nun abgebrochen wird. Sie müssen sich mit einer neuen arrangieren, und das zum Teil  mehrfach. Der Erfolg individueller Begleitung fußt aber auf einem verlässlichen, persönlichen und vertrauensvollen Verhältnis, das sich nicht beliebig oft aus dem Hut zaubern lässt. Vor allen Dingen nicht von Jugendlichen, die oft genügend Abbrüche in Beziehungen erlebt haben und deren Zutrauen zu fremden Personen nicht unerschöpflich ist.

Wie erfolgreich könnte Berufseinstiegsbegleitung sein!

Von der Gesamtheit der Auszubildenden beendet jede/r vierte die Ausbildung vorzeitig und ohne erfolgreichen Abschluss. Von den BerEb-Jugendlichen, die eine Ausbildung aufnehmen, ist es nur ca. jede/r 13. (acht Prozent)! Trotz der genannten und weiteren Einschränkungen hat die Berufseinstiegsbegleitung also Potenzial. Wie erfolgreich könnte BerEb sein, wenn die Rahmenbedingungen stimmen würden - ganz zu schweigen von der Einbindung in eine abgestimmte Übergangsgestaltung und ein kohärentes Förderkonzept.


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Über die Autorin

Ulrike Hestermann

Ulrike Hestermann ist Referentin in der Zentralen Geschäftsführung des Internationalen Bundes. Im Rahmen des Kooperationsverbundes Jugendsozialarbeit betreut sie federführend den Themenschwerpunkt Berufliche Integrationsförderung. Davor war sie viele Jahre Leiterin einer Einrichtung mit technisch-handwerklichem Schwerpunkt in Frankfurt, die besonders Mädchen und junge Frauen im Übergang Schule-Beruf angesprochen hat.

 

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