28.10.2013

Ein Heilmittel für Deutschland?

Berufsausbildung für junge Menschen aus Europa

von Wolfgang Erler

Neue Programme und Projekte holen junge Menschen aus Europa nach Deutschland. Sie sollen in doppelter Weise als Heilmittel dienen: für die demografische Krise in Deutschland und für die Arbeitsmärkte der EU-Krisenländer. Wolfgang Erler, Fachmann für Migrationsfragen, wirft einen kritisch-realistischen Blick auf die Erwartungen im "neuen" Zuwanderungsland Deutschland. Er fordert, in den Neuankömmlingen Menschen und nicht nur Arbeitskräfte zu sehen und Projekte entsprechend auszustatten. Beispiele guter Praxis gibt es bereits.

Öffnen vieler Türen und Tore

Deutschland füllt seine Rolle als de-facto-Zuwanderungsland mit neuerdings wieder eindrucksvollen Wanderungsüberschüssen aus. 2012 kamen 387.000 Nichtdeutsche ins Land, davon fast 70 Prozent aus den EU-Ländern. Für den Export-Vizeweltmeister ist das in einer Welt der drei großen Freiheiten für Waren, Kapital und, zumindest im Europa der 27, auch für Menschen, im Blick auf die Zukunft auch gar nicht anders möglich: Die demografische Entwicklung mit ihrem Durchschlagen auf die Arbeitsmärkte und auf den Fachkräftenachwuchs verlangt gebieterisch nach dem Öffnen vieler Türen und Tore für Zuwandernde, auch solcher, die bisher allenfalls "katzenklappengroß" einen Spalt weit offen waren. Das alles ist der Hintergrund für die angestrengten Debatten und Bemühungen um die Verankerung und Weiterentwicklung einer Willkommenskultur für Menschen, die zu uns kommen.

Projekte und Programme bieten deshalb jungen Leuten aus EU-Ländern hier in Deutschland eine Berufsausbildung im dualen System oder einen Arbeitsplatz an. Solche Aktivitäten  spiegeln einerseits die Not eines, vor allem im Handwerk und in den Bau- und in manchen technischen Berufen, aber auch im Hotel- und Gaststättenbereich und sehr ausgeprägt auch in den Pflegeberufen in Deutschland, schon akuten Nachwuchsmangels. Zugleich wird aber auch die "Arbeitslosigkeit und Berufsnot" von Millionen vor allem junger Menschen in der europäischen Peripherie (namentlich in Süd- und Südosteuropa) mit diesen Projekten und Programmen aufgegriffen.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat Anfang 2013 das Sonderprogramm "Mobipro-EU" zur "Förderung der beruflichen Mobilität von ausbildungsinteressierten Jugendlichen und arbeitslosen jungen Fachkräften aus Europa" gestartet; und im Mai hat Ministerin von der Leyen in Madrid mit ihrer spanischen Kollegin ein Regierungsab-kommen zur Förderung von 5.000 Ausbildungs- oder Arbeitsplätzen für junge Spanier/innen in Deutschland unterzeichnet. Beide Programme sind dabei, sich "in der Fläche" zu verankern. In einer ganzen Reihe von Regionen finden in diesen Wochen Informationsveranstaltungen vor allem auf Initiative von Kammern statt, um an Auszubildenden (oder auch an Fachkräftenachwuchs) aus Spanien oder anderen EU-Ländern interessierten Betrieben die Unterstützungsmöglichkeiten der Programme nahezubringen.

Biografien im Aufbruch

Im September zog die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit, mit der Durchführung des Programms betraut, eine erste Bilanz: 3.000 Förderanträge waren gestellt, zu zwei Dritteln kamen sie von jungen Spanierinnen und Spaniern, ebenfalls zu zwei Dritteln ging es um Ausbildungsplätze. Ein Drittel der Anträge kam von 25- bis 30-Jährigen, ein Sechstel von über 30-Jährigen, das Gros von unter 25-Jährigen. 40 Prozent der Ausbildungs- oder Beschäftigungszusagen kamen von Betrieben in Bayern und Baden-Württemberg, knapp 20 Prozent aus Mecklenburg-Vorpommern und 6,5 Prozent aus Hessen.

Das sind beachtliche Zahlen, hinter denen "Biografien im Aufbruch" stehen. Sie machen dennoch nur einen Bruchteil der "großen Wanderung" der vielen aus, die das wirtschaftlich-soziale Krisendrama aus ihren Ländern auf der Suche nach Arbeit und persönlichen Chancen nach Deutschland treibt. Die Wanderungsüberschüsse betragen  2012 mit Polen: 68.000, mit Rumänien: 45.000; mit Bulgarien 26.000; mit Ungarn 26.000; mit Griechenland und Italien je 21.000, mit Spanien 18.000 und mit Portugal 6.000 Personen, gemeint sind immer Nichtdeutsche. (Der Saldo mit der Türkei liegt dagegen mit 2.000 Nichtdeutschen im Minus!)

Die da kommen, sind, wie es Max Frisch in seinem berühmten Satz zur Gastarbeiteranwerbung formuliert hat, nicht einfach Arbeitskräfte, sondern Menschen; die "älteren" von ihnen haben schon eigene Partnerbeziehungen oder Familien, aber alle brauchen nicht nur einen "Platz an der Werkbank oder in der Hotelküche", sondern auch eine soziale Einbindung - und sie brauchen z.T. Lern-Nachhilfen, Unterstützung in Konflikten am Arbeitsplatz oder auch beim Bewältigen von Heimweh. Das erfordert zum einen Sozialarbeiter/innen mit ähnlichem Aufgabenprofil wie in den "ausbildungsbegleitenden Hilfen", kann und muss aber nicht von ihnen allein geleistet werden. Es ist auf jeden Fall ein Gewinn - für die Projekte, für die jungen Auszubildenden und Beschäftigten und für die Betriebe -, wenn dafür auch "zivilgesellschaftliche Engagierte", von Gastfamilien bis zu individuell Engagierten oder systematisch begleiteten  Paten gewonnen werden.

Pionierprojekte sind schon 2011 oder 2012 eigenständig mit der Anwerbung von Auszubildenden z.B. in Bulgarien (Landkreis Deggendorf) oder auch Spanien ("Ems-Achse": fünf Landkreise entlang der unteren Ems und die Stadt Emden) gestartet Sie haben Unterstützungsstrukturen hergestellt, die über das rein Funktionale (Arbeits-/Ausbildungsplatz, Wohnen, Spracherwerb) hinausgehen. Diese "Anwerbungspioniere", ohne deren Drängen "von unten" möglicherweise die Bundesprogramme  gar nicht zustande gekommen wären, sind durchweg "Basisprojekte" eines "Europas von unten". Sie bauen auf unterschiedlichen Formen praxisbezogener Partnerschaften mit Akteuren in den Herkunftsländern auf und ergänzen die reinen Marktkräfte, die beim Matching zwischen Betrieben und Ausbildung bzw. Arbeitsplätze suchenden Zuwanderern wirken, durch "Vertrauenskräfte" zwischen eingebundenen Institutionen. Das mögen wie beim Landkreis Deggendorf über 25 Jahre bestehende Schulpartnerschaften mit Schulen in Bulgarien sein, es können auch Partnerschaften zwischen Regionen oder Ländern (wie z.B. zwischen Hessen und der Autonomen Region Madrid) sein, aus  denen heraus mit eigenen Projektgeldern die Koordination von Anwerbe- und "Willkommens-Projekten" organisiert und umgesetzt wird.

Unterstützung für Neuankommende und Betriebe

Die Energie und der Phantasiereichtum, den viele der Beteiligten dabei entwickeln, setzen Beispiele als Leuchttürme guter Praxis dafür, wie die als notwendig beschworene Willkommenskultur im lange unwilligen Einwanderungsland Deutschland aussehen kann. Es wäre gut, wenn die vom Bund angestoßenen Programme es zu einem Förderbaustein - oder einer Förderbedingung - machten, dass solche Begleitaktivitäten zur Unterstützung der Neuankommenden und der Betriebe entwickelt werden. Kommunen, Metropolregionen, Fachkräfteinitiativen  und -Netzwerke oder auch engagierte Kammern können Motor und Management für solches Engagement sein.

Der Blick auf die Zahlen hat aber gezeigt: Die Programme begleiten nur einen Teil der neuen "arbeitsorientierten" EU-Zuwanderung. Was aber bei ihrer Umsetzung gelernt wird, sollte mit zusätzlichen Anstrengungen auf die Gesamtheit der neu Zuwandernden ausgeweitet werden, all derer, die "auf eigene Faust" nach Deutschland kommen und hier nach einer Zukunftsperspektive suchen. Die verschiedenen Unterstützungsleistungen, von der orientierenden und immer wieder bereitstehenden begleitenden Beratung über Lernhilfen und passgenaue Qualifizierungsangebote bis zur berufsbezogen-bedarfsgenauen Sprachförderung und einer Flankierung bei der sozialen Einbindung, sind als Einzelelemente längst vielfach erprobt. Aber als wirksame Struktur und verbindliche operative Netzwerke ("Prozessketten der Integration", wie sie z.B. das Netzwerk "Integration durch Qualifizierung - IQ" entwickelt hat) sind sie noch weit von der flächendeckenden Umsetzung entfernt.

Nur eine Blume unter tausend anderen

Was die zahlenmäßige Reichweite und "Tiefenwirkung" der Programme angeht, gilt es, "die Kirche im Dorf zu lassen". 33.000 Lehrstellen sind 2013 unbesetzt geblieben, etwa 3.000 Auszubildende werden dieses Jahr über Mobi-Pro und das Abkommen mit Spanien hierherkommen. Das sind sicher steigerungsfähige Zahlen; aber es gibt selbstverständlich und gerade hier auch Lehrabbrüche - und ein Teil der Auszubildenden wird nach dem Abschluss zurückgehen ins Herkunftsland (und Know-how zum eigenen Beruf und zum dualen Ausbildungssystem in Deutschland dorthin bringen) oder weiterwandern im Strom der europäischen Mobilität.

Umgekehrt sind die Auswandererzahlen, die der auf eigene Faust Aufbrechenden und die der "Programmbegleiteten", auch nicht groß genug, um als durchschlagendes Heilmittel für die dramatische Jugendarbeitslosigkeit in den Herkunftsländern zu wirken. Für Herkunfts- und für das Zielland Deutschland gilt, was der Geschäftsführer der HWK Ulm, Tobias Mehlich, dazu realistisch erklärt hat: "Wir müssen 1000 Blumen blühen lassen, um eine wirksame Gesamtstrategie zur Nachwuchssicherung im Handwerk zu entwickeln. Projekte wie das Herholen von Gruppen spanischer Auszubildender sind genau eine von diesen 1000 Blumen".

Statt kreative ausbildungsbegleitende Förderstrategien für Auszubildende, gerade auch für Jugendliche mit Migrationshintergrund/"Bildungsinländer" zu entwickeln und umzusetzen, stürzen sich viele Betriebe und Akteure voller Begeisterung auf häufig bereits - ohne ausreichende betriebliche Praxis - gut ausgebildete und hoch motivierte junge Zuwandernde, die z.T. schon eine Ausbildung oder gar mehrere erfolgreich abgeschlossen haben. Die vom Bund angestoßenen Programme zur Nachqualifizierung Geringqualifizierter (Perspektive Berufsabschluss) finden außerhalb der Programm-Netzwerke und -regionen allem Anschein nach weniger Resonanz als der "Griff ins Ausland". In beiden Richtungen sind aber Anstrengungen nötig und sinnvoll, und das öffentliche - und fachliche - Sprechen über Problemlösungen zum Demografie- und Fachkräfteproblem darf sich nicht einseitig vom Neuigkeitswert der arbeitsorientierten EU-Zuwanderung blenden lassen.

 
 
 

Über den Autor

Wolfgang Erler

Wolfgang Erler ist Diplom-Soziologe und geschäftsführender Gesellschafter von anakonde GbR - Analysen und Konzepte zu Migration, Integration, Community Development/Evaluation mit Sitz in Ulm. Von 2005 bis 2011 war er mitverantwortlich für die prozessbegleitende Evaluation des vom Bundesarbeitsministerium initiierten und geförderten Netzwerks "Integration durch Qualifizierung - IQ". Von 1996 bis 2005 war er beim Deutschen Jugendinstitut tätig, zum Beispiel in einem Projekt zur "Armutsprävention bei Alleinerziehenden".